Nach außen genießt die große alte Dame der Haute Couture, Karl Lagerfeld (75), das Image einer unnahbaren Kunstikone. Arnaud Maillard (37) berichtet aus unmittelbarer Erfahrung – kein Mitarbeiter stand dem Edel-Couturier so nah wie er. Sein jetzt soeben erschienenes Buch ist Huldigung und Kritik zugleich, das beeindruckende Porträt einer durch und durch ambivalenten Persönlichkeit: Lagerfeld erscheint einerseits als großzügiges, humorvolles und kindliches Genie, das das Spiel mit den Medien perfekt beherrscht, andererseits als egoistischer, von Alterssorgen geplagter Narziss, der sich an sich selbst nicht satt sehen kann. Darüber hinaus präsentiert Maillard Anekdoten und Insiderwissen zu Abläufen, Gepflogenheiten, Umgangsformen, Persönlichkeiten und Labels der Modebranche, sowie überraschende Erkenntnisse über die Geschäftspraktiken und Arbeitsbedingungen bei Lagerfeld.

Maillard erzählt, wie schnell der Cola-Light-süchtige Menschen fallenlassen kann, wie er herrscht, aber auch wie großzügig und freundlich er sein kann – trotz seiner immer gern zur Schau gestellten Unnahbarkeit. So habe ihm der Modeschöpfer einst einen Umschlag gereicht: “Darin liegt ein etwas unscharfes Polaroidbild. Sieht aus wie Albert Einstein. Aber nein, wenn man genauer hinschaut, erkennt man… natürlich, das ist Karl! Ohne Brille, ohne Zopf, ohne Schminke. Seine struppigen grauen Haare stehen in alle Richtungen vom Kopf ab. Er ähnelt eher einem verrückten Wissenschaftler als einer Ikone der Modewelt. Ich pruste vor Lachen. “‘Das sind wirklich Sie?’ – ‘Aber ja, mein Lieber. Es ist jeden Morgen das Gleiche. Was glaubst du, wie lange man da Hand anlegen muss, bis die Marionette sich sehen lassen kann!” Besonders eindrucksvoll stellt Maillard Details der H&M-Kollektion dar, die Lagerfelds Entourage im Jahr 2004 entwarf. “Ja, ich weiß noch, wie Karl mir die ersten Skizzen für die H&M-Kollektion schickte, unter enormem Zeitdruck.”, sagte er im Interview mit dem Magazin Spiegel. Unser Team hat damals drei Monate lang Tag und Nacht an dieser Kollektion gearbeitet, aber nie ein Extrahonorar dafür gesehen. Ich kann mich an genau zwei halbe Tage erinnern, an denen Karl mit den Entwürfen zu tun hatte. Er bekam dafür Millionen von den Schweden.”

Im Gespräch mit dem Spiegel verriet Maillard: “Er ist ein unglaublicher Narziss, er braucht eine Ewigkeit, um sich morgens zurechtzumachen, er nimmt bei jeder Fotosession Selbstporträts von sich auf und stellt diese überall hin. Er umgibt sich mit einem Hofstaat, niemand widerspricht ihm. Wo er geht und steht, wird Pepsi-Cola im Kristallglas von Baccarat für ihn bereitgehalten und alle 30 Minuten ausgewechselt. Es ist wie im 18. Jahrhundert.”
Mit dem Buch dürfte Maillard bei Lagerfeld spätestens mit dem Buch in Ungnade gefallen sein. Der Ex-Assistent hält ihn nach wie vor für sein Idol – ein Genie, das aus fast allem Geld machen kann.
Arnaud Maillard begann seine Karriere ursprünglich an der hochangesehen Modeschule Chambre syndicale de la couture parisienne. Gleichzeitig absolvierte er unterschiedliche Stufen der Pressearbeit der Firma Karl Lagerfeld, bevor er als Assistent des Designstudios im selben Haus arbeitete. Maillard arbeitete seit seinem 19. Lebensjahr, von 1990 bis 2005, bei Lagerfeld, fünf Jahre lang leitete er das Studio der Lagerfeld Gallery.

Arnaud Maillard, “Karl Lagerfeld und ich. 15 Jahre an der Seite des Modezaren”, 256 Seiten, Wilhelm Heyne Verlag. Fotos: Heyne
es ist Karl und mehr nicht….
jede Bedeutung veschwindet in der Erinnerung.
wir sind nicht schnell genug um die Gegenwart erfassen zu können.
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