Freitag, 05. Juni 2009, 8:26 Uhr

Respektlos, intolerant, käuflich: Vertrauen in Journalismus sinkt

Der Journalismus in Deutschland steckt in einer Vertrauenskrise. Nur gut ein Drittel der Deutschen sagen, dass sie Journalisten vertrauen. Damit liegt der Journalismus weit hinter anderen Berufen zurück. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie  “Entzauberung eines Berufs – Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden” der TU Dresden. In einer repräsentativen Umfrage wurden auf Initiative des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses mehr als 1.000 Deutsche befragt. Die katholische Journalistenschule leistet damit einen Beitrag zur aktuellen Diskussion über medienethische Fragen.

 

“Unsere Untersuchung zeigt, dass wir es heute nicht nur mit einer zunehmenden Politikverdrossenheit zu tun haben, sondern auch mit einer Journalismusverdrossenheit. Die Forschungsergebnisse bestätigen eindeutig eine Abnahme des öffentlichen Vertrauens in den  Journalismus”, erklärt Wolfgang Donsbach, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Dresden und Leiter der Studie. Dieses Vertrauen sei aber in einer Demokratie notwendig, damit die verschiedenen Teile einer Gesellschaft trotz vielfältiger eigener Interessen miteinander kommunizieren könnten.

Für mehr als die Hälfte der Befragten sind Journalisten mächtiger als Politiker. Und fast alle finden das nicht gut. Die
Untersuchungsteilnehmer üben scharfe Kritik an den handelnden Journalisten. Diese seien viel rücksichtloser, intoleranter gegenüber den Meinungen anderer und unsozialer, als man sie sich wünscht.
Gleichzeitig setzten sie zu stark ihre eigenen Bedürfnisse durch, ihre Macht und ihr Einfluss in der Gesellschaft seien zu groß, so ein Ergebnis der Studie. Die Politik-Berichterstattung wird darüber hinaus von fast zwei Dritteln der Befragten als zu wenig objektiv kritisiert, obwohl gerade Objektivität von ebenfalls zwei Dritteln erwartet wird. Fast zwei Drittel glauben, Journalisten unterdrückten häufig Stellungnahmen von Experten, die anderer Meinung sind als sie selbst.

Fragen der Medienethik sind der Untersuchung zufolge vielen Deutschen ein zentrales Anliegen: Acht von zehn Befragten sprachen sich dagegen aus, in den Medien zivile Kriegsopfer abzubilden. Immerhin knapp die Hälfte hält es für nicht angemessen, getötete Soldaten bildlich darzustellen. Für sie wiegen Respekt und Pietät schwerer als das öffentliche Interesse. Die meisten Deutschen sind zudem gegen Eingriffe in die Privatsphäre, auch wenn über Prominente berichtet wird.

Eine deutliche Mehrheit der Befragten beschreibt Journalisten als käuflich. Rund zwei Drittel glauben, dass bezahlte Recherchen häufig vorkommen oder dass die Interessen von Anzeigenkunden auch in der redaktionellen Berichterstattung berücksichtig werden. Bemerkenswert ist dabei, dass diese Praxis vielen als nicht verwerflich erscheint.
Die Akzeptanz dieser ethisch zweifelhaften Praktiken ist dabei unter jungen Deutschen besonders groß. Schließlich fehlt es der Bevölkerung an einer klaren Vorstellung davon, was Journalismus ist und was nicht. Viele unterscheiden nicht mehr zwischen Journalismus und PR. Die Formate des Internet verstärken diesen Trend. Unter den 18- bis 24-Jährigen versteht jeder Zweite Blogging als Journalismus.