Donnerstag, 11. Juni 2009, 17:53 Uhr

Erwachsen auf Probe: Filmemacher will Material beschlagnahmen lassen

Den Babys ist nichts passiert. Wir haben alle aufgepasst. So rechtfertigte RTL das Experiment, Säuglinge als Versuchstiere zu missbrauchen – und junge Leute ebenso. Die gesendeten Folgen suggerierten denn auch dem Zuschauer durch geschickte Schnittfolge, dass den ausgeliehenen Kleinstkindern letztendlich nichts passiert sei – jedoch in Wirklichkeit standen die Babys unter größtem Stress, durchliefen ein Wechselbad der Gefühle,  zeigten starke Trennungsängste ja, Trauer. Sie litten entsetzlich. So beschreibt es der Dokumentarfilmer Bernd Dost .Bernd Dost hat  zahlreiche Dokumentarfilme zum Thema für die ARD gedreht (u.a. TATORT KIND, RETTET UNSERE KINDER). Er analysiert, was die Schnittmontage nicht verdecken konnte:

Klara und Alicia, Zwillinge, sieben Monate alt, weinten und schrieen ihrer Mutter nach, waren auch mit Schnullern nicht zu beruhigen, zeigten größte Verlustängste, suchten beim Nuckeln das Lächeln ihrer Mutter, sahen nur die fremden Gesichter über sich. Im Bettchen vor dem Einschlafen dann warf Klara ihren Kopf verzweifelt hin und her – Signal seelischer Not. Große Angst zeigt in der Sendung auch Lasse, 10 Monate alt. Er entzieht sich, will sich nicht füttern lassen, wälzt sich weg, brüllt, streckt sein Ärmchen hilfesuchend nach der abwesenden Mutter aus, die das schließlich nicht mehr mit ansehen kann. Auch Theresa, neun Monat alt, verweigert, sich füttern zu lassen, will sich den Armen des jungen, ihr fremden Mannes entwinden. Zweimal greift die Mutter ein und zweimal gibt sie das Kind wieder her, löst so in Theresa einen Widerstreit der Gefühle  aus. Zoe Marie schließlich heult fast ununterbrochen und ist kaum zu beruhigen.

Die jungen Leute, die sogenannten ‘Eltern auf Probe’, konnten nicht wissen, dass sie vor einer unlösbaren Aufgabe standen. Ihre rührenden und verzweifelten Beruhigungsversuche wurden von RTL schamlos ausgebeutet. Dost: “Niemand von den Verantwortlichen scheint je etwas von der Bindungs- und Säuglingsforschung gehört zu haben.”

Der berühmte Säuglingsforscher René A. Spitz spricht hier von der Achtmonatsangst. Das Kind unterscheidet jetzt deutlich zwischen “Freund” und “fremd”, reagiert auf “fremd” mit Ängsten, mit Kontaktverweigerung, mit Weinen, mit Trauer.

Bernd Dost hat soeben das Porträt einer bedeutenden Förderin der Säuglings- und Bindungsforschung, der Psychoanalytikerin Lotte Köhler, fertig gestellt hat, Titel: WER BIN ICH. Er sieht es als erwiesen an, dass auch kurzfristige dramatische Verlustängste eines Babys Spätfolgen haben können. Bindungsstörungen in frühen Jahren
beeinflussen entscheidend die Entwicklung des Kindes und können später in psychischen und psychosomatischen Erkrankungen in Erscheinung treten – meint Bindungsforscher Dr. Karl-Heinz Brisch, Ludwig-Maximilians-Universität München. Was im kindlichen und im Erwachsenen-Gehirn vorgeht, erkunden aktuell die Neurowissenschaftler. Beim Menschen ist der Mandelkern der Sitz der Empathie, des Mitgefühls, der Leidenschaft. Der Mandelkern registriert positive wie negative Gefühle – und vergisst nichts. Nicht die Angst, nicht die Tränen, nicht die Trauer, nicht den Zorn.

Der Filmemacher hat bei der Staatsanwaltschaft Köln Strafanzeige wg. Körperverletzung (§ 223 StGB) gegen die Verantwortlichen der von RTL produzierten Serie ‘Erwachsen auf Probe’ gestellt. Er verlangt, dass das gesamte gedrehte Material beschlagnahmt wird: Nur so lasse  sich in einem späteren Gerichtsverfahren erkennen, wie sehr hier die  körperliche Unversehrtheit und  Gesundheit von Babys verletzt wurde,  wie sehr die Kinder dadurch auch für ihr späteres Leben traumatisiert wurden.

Rechtsgut und Angriffsgegenstand sind die körperliche Unversehrtheit und Gesundheit eines anderen Menschen – in diesem Fall von Säuglingen und Kleinstkindern, die in dieser Sendereihe  existentiellen Verlustängsten, Störungen in der Entwicklung ihres Selbstwertgefühls und ihres seelischen Gleichgewichts – wie die Bindungsforschung beweist – mutwillig ausgesetzt wurden.

Die körperliche Misshandlung ist ein übles, unangemessen Behandeln, das entweder das körperliche Wohlbefinden oder die  körperliche Unversehrtheit nicht nur unerheblich beeinträchtigt. Das  kann auch eine starke Gemütsbewegung sein…, heißt es in der Mitteilung.

Fotos: RTL/Frank Hempel