Montag, 15. Juni 2009, 11:13 Uhr

Thomas Gottschalk: "Ich wollte schon vor Bully eine Parodie von Winnetou"

Deutschlands Topmoderator Thomas Gottschalk geht strammen Schrittes auf die sechzig zu. in einem aktuellen Interview spricht er über die Comedylandschaft, Michael ‘Bully’ Herbig in Deutschland und Pläne im Filmgeschäft.

Tele 5: Sie drehen Ihre Sendung ‘Gottschalks Filmkolumne – Ich liebe Kino’ in den Kulissen von Bullys Film ‘Wickie und die starken Männer’. Der Comedian schrieb dabei das Drehbuch, castete, führte Regie. Wie sehen Sie Herrn Herbig?

Thomas Gottschalk: Bully ist eine Ausnahmeerscheinung. Er ist kein eindimensionaler Komiker wie viele seiner Kollegen, er hat auch eine große Regiebegabung. Als ich ‘Die Supernasen’ drehte, habe ich meinen Produzenten vorgeschlagen, eine komödienhafte Persiflage auf die Karl-May-Filme zu drehen. Mike Krügers Nase eignete sich natürlich sehr gut für Winnetou und ich sah mich schon als Lex Barker. Aber meine Produzenten meinten, das könne man nicht machen. Niemand wolle über so große Kinohelden lachen. 15 Jahre später hat Bully das mit  großem Erfolg gemacht. Er hatte den richtigen Riecher, zur richtigen Zeit. Ich hatte ihn leider zur falschen Zeit.
Dann hat Michael Herbig in der Verfilmung des ‘Brandner Kaspar’ bewiesen, dass er noch andere schauspielerische Facetten hat. Außerdem ist er ein sehr netter Mensch. Es gibt ja viele Charaktere in meinem Metier, die man als Produzenten oder Schauspieler bewundern kann, die aber persönlich keinen großen Gewinn darstellen. Bully ist
anders. Er hat mich mit seiner Frau in Los Angeles besucht und wir haben uns sehr gut unterhalten. Ich bin rundum ein Fan von ihm.

Gibt es einen vergleichbaren Mann in den USA?

Da gibt es schon einige Comedians, Adam Sandler beispielweise, Will Ferrell oder Kevin James. Bully hat in Deutschland Glück, denn es gibt hier nicht so viele vielseitig begabte Talente wie ihn.

Werden Sie in einem von Michael Herbigs Filmen mitspielen?

Das wird er sich gut überlegen, ob er mich fragt … Er würde mich wohl eher persiflieren. Ich denke nicht, dass er mich mal mitspielen lässt, obwohl er Sky du Mont ja auch eine Chance gegeben hat. Den kennen die jungen Leute ja nur aus ‘Der Schuh des Manitu’.

Gibt es andere Pläne, auf die Leinwand zurückzukehren oder neue Projekte?

Immer wieder mal. Aber wenn, dann muss es funktionieren. Ich habe schon kleinere Ideen, aber wenn ich dabei unter fünf Mio. Zuschauer habe, heißt es doch gleich, das hat nicht geklappt. So arrogant es klingen mag, aber ich bin irgendwie zur Größe verdammt. Das ist zwar nicht fair, aber es ist Fakt, daher bin ich vorsichtig.

Zurück zu ‘Wickie und die starken Männer’. Mit welchen Serien sind Sie groß geworden?

In einer schwarz-weißen Fernsehwelt, mit ‘Lassie’, ‘Flipper ‘Fury’ und ‘Rin Tin Tin’. In meiner Kindheit ging alles noch immer gut aus. Das Böseste, was passieren konnte, war ein schlimmer Nachbar, der mit der Luftpistole herumballerte. Das war viel harmloser als heute.

Was haben Sie als Kind im Kino gesehen?

Winnetou und Old Shatterhand natürlich. Das Tollste für mich war, dass ich Pierre Brice, den Helden meiner Kindheit, an meinem 40. Geburtstag bei mir am Tisch sitzen hatte. Das hätte ich mir mit 15 Jahren nie träumen lassen.
Ich habe eine wesentlich gewaltlosere Kino-Zeit erlebt. Wenn man ‘Terminator’ mit Edgar Wallace vergleicht: Damals war Klaus Kinski das Böseste, was das Kino hergab. Für mich waren die 70-Pfennig Bastei-Hefte Teil meines Lebens. Das Kino in Kulmbach war mein Ort des Eskapismus, wo ich aus der Enge der Kleinstadt fliehen konnte – das war für mich Erlebniskino. Es gab viel weniger Möglichkeiten, man konnte nicht ins Internet abtauchen. Heute kann man sich ja die ganze Welt herunterladen. Das hat mir Einiges klargemacht.

Wie meinen Sie das?

Wenn man sich als Cineast und Filmkritiker alte Karl-May-Filme ansieht, dann erkennt man, dass jugoslawische Indianer Pappkugel-Steine hochheben. Dennoch war es mir als Jugendlicher egal. Auch heute noch versetzt mich die Musik zu den Winnetou-Filmen in meine Kindheit zurück. Daher sollten Filme nicht zu kritisch nach ihrer Machart bewertet werden, sondern lieber danach, welche Emotionen sie auslösen. Wenn ich mir überlege: früher habe ich mich beim Feuilleton für ‘Die Supernasen’ entschuldigt, heute machen Filmhochschulen “Supernasen-Wochen”.

Hat sich der deutsche Film seitdem entwickelt?

Den klassischen deutschen Kommerz-Film gibt es nicht mehr. Entweder es wird Kunstkino gemacht, wofür die Deutschen berühmt sind. Oder es gibt intellektuelle Kreativleistungen von Einzelkämpfern wie Til Schweiger mit ‘Keinohrhasen’.

Interview: Sabrina Tippelt, Foto. Tele 5