Freitag, 25. Dezember 2009, 23:33 Uhr

Die dicke Friseuse aus Marzahn

Erfolgsregisseurin Doris Dörrie inszenierte in Berlin die äußerst amüsante und bewegende Geschichte einer in doppelter Hinsicht starken Frau, die mit Wucht und Würde für ein besseres Leben kämpft. Das Drehbuch schrieb Laila Stieler (Die Polizistin), Produzent ist Ulrich Limmer (Lippels Traum).
Der Film kommt am 18. Februar in die Kinos.

Und darum geht’s: Ihre DDR gibt es nicht mehr. Ihr Mann, ihr Job, ihr Haus im Grünen sind auch weg. Die arbeitslose Friseuse Kathi König (Gabriela Maria Schmeide) lebt mit Tochter Julia (Natascha Lawiszus) in einer Plattenbausiedlung in Berlin-Marzahn. Sie will arbeiten, doch man lässt sie nicht. Eine sicher geglaubte neue Stelle im Friseursalon eines großen Einkaufcenters bleibt ihr verwehrt. Denn Kathi ist dick – sehr dick – und deshalb „nicht ästhetisch“. Das meint zumindest die Salonchefin Frau Krieger (Maren Kroymann).

So leicht lässt sich die resolute Kathi aber nicht abspeisen. In einem leer stehenden Asia-Imbiss neben dem Salon Krieger will sie ihren eigenen Friseurladen eröffnen. Es beginnt ein Kampf gegen Behörden, Banken und Berater. Auf dem langen Weg zum erhofften Glück begegnen ihr Menschen, die attraktive Friseuse Silke (Christina Große), der halbseidene Schleuser Joe (Rolf Zacher) und der liebenswerte Vietnamese Tien (Ill-Young Kim).

Nächste Seite: Interview mit Doris Dörrie – Alles über Marzahn

Interview mit Doris Dörrie:

Frau Dörrie, ‘Die Friseuse’ ist Ihr erster Film, für den Sie das Drehbuch nicht selbst geschrieben haben. Woran mangelte es den Büchern, die Ihnen früher angeboten wurden?
Doris Dörrie: Ich hatte nie das Gefühl, dass ich einer bestehenden Geschichte meinen Blick hinzufügen konnte oder wollte. Außerdem spürte ich, dass ich durch die Bücher, die mir sowohl in Amerika als auch in Deutschland angeboten wurden, nichts Neues lernen konnte.

Wodurch hat Sie ‘Die Friseuse’ überzeugt?
Ich habe mich von der Figur entzünden lassen. Laila Stieler hatte das Buch noch gar nicht geschrieben, als sie mir zum ersten Mal davon erzählte. Sie hat in langen Gesprächen eine real existierende Friseurin porträtiert, und die war so echt, humorvoll und aufregend anders in ihrer Art, dass ich Laila gesagt habe: Wenn das Buch fertig ist, stell ich mich sofort in die Schlange derer, die es verfilmen wollen. Zum Glück stand ich an erster Stelle. Als ich das fertige Buch gelesen habe, wusste ich: Auf diese Expedition in ein für mich exotisches Gebiet, nämlich in den Osten, möchte ich gern gehen. Dort kann ich frisch gucken, denn den Osten kannte ich kaum. Über so eine Person wie diese Friseuse möchte ich gern mehr erfahren.

Warum wollten Sie mehr erfahren?
Meine Tochter kam 1989 zur Welt, also im Jahr des Mauerfalls. Damals dachte ich: Jetzt wird alles anders in Deutschland und es entsteht etwas Neues. Aber in München, wo ich nun einmal lebe, ist bis heute wenig von diesem neuen Deutschland zu spüren. Dieser Film hat mir 20 Jahre später die Gelegenheit gegeben, mich mit ostdeutschen Biografien auseinanderzusetzen. Etwas genauer kannte ich die Biografien von ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitern, über die ich in Hanoi mal ein langes Hörfunkporträt gemacht habe. Unsere Verständigungsschwierigkeiten waren oft nicht die zwischen Asien und Europa, sondern zwischen Ost- und Westdeutschland.

Was ist typisch für Ostbiografien?
Genauso wenig wie Wessis definieren sich Ossis ausschließlich über ihre Herkunft. Ein großer Teil der Geschichte von Kathi König könnte auch in Köln oder Hannover spielen. Marzahn allein erklärt nicht, wie diese Person handelt, denkt oder durch das Leben geht. Was sie jedoch unterscheidet, ist ein gewisses Krisentraining oder ein für mich fast amerikanischer Pioniergeist, den sich jemand wie Kathi König durch die Wende gezwungenermaßen ganz anders zulegen musste als jemand im Westen. Diese Offenheit gegenüber ständigen Veränderungen macht sie so unwiderstehlich und auch erzählenswert.

Zur Vorbereitung auf den Film Sie sind selbst im Fatsuit durch Berlin gelaufen. Wie haben die Leute reagiert und wie haben Sie sich gefühlt?
Ich war nach wenigen Stunden den Tränen nahe. Die Leute haben mich angestarrt und dann weg gesehen. Je schicker und teurer der Stadtteil war, in dem ich mich bewegt habe, umso mehr habe ich mich ausgegrenzt gefühlt, denn die Kilos steigen überall auf der Welt reziprok zum Einkommen. Ich bin mit Absicht in Klamottenläden in Mitte gegangen, wo es auf keinen Fall Kleider in Größe 58 gibt. Die Verkäufer haben sich versteckt, um dann hinter mir her zu lachen, als ich wieder gegangen bin. Ein Kind hat zu mir gesagt: „Aus der Bahn, fette Sau!“ In der Straßenbahn habe ich wütende Blicke kassiert, weil ich nicht auf einen Sitz gepasst habe, in Supermärkten kam ich nicht durch das Drehkreuz am Eingang, wenn ich etwas gegessen habe, haben mich die Leute angestarrt, als wäre das nun wirklich das Letzte, dass ich überhaupt esse. Es war hoch interessant und sehr wichtig für mich, das zu erleben.

Was haben Sie dadurch für den Film gelernt?
Ich habe nachvollziehen können, welche ungeheuren Kraft Kathi König jeden Tag aufbringen muss, um all dem entgegenzutreten und auch noch gut gelaunt zu sein. Der vermeintlich fröhliche Dicke ist wahrscheinlich ein sehr trauriger Dicker, der sich übermenschlich anstrengt, um nicht in Trübsinn zu verfallen.

Warum kommen gute Sozialkomödien wie ‘Ganz oder gar nicht’ meist aus England und nicht aus Deutschland, wo es ähnliche Probleme wie Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg gibt?
Wir haben größere Schwierigkeiten, diese Probleme zuzugeben und offensiv mit ihnen umzugehen. Selbstironie bedeutet bei uns sehr schnell Schwäche. Wir empfinden Arbeitslosigkeit als einen so großen Makel, dass wir nur schwer Witze darüber machen können. Das täte uns aber natürlich gut, weil Humor immer bedeutet, dass man ein Fenster aufmacht und frische Luft herein lässt. Das ist für mich auch das wirklich Überwältigende an dieser Figur der Kathi König: ihre Fähigkeit, selbst in der miesesten Situation nicht den Humor zu verlieren.

Marzahn ist 19,5 Quadratkilometer groß, hat 102.398 Einwohner und leidet unter 1000 Vorurteilen. Das weiß auch Laila Stieler, Drehbuchautorin von Doris Dörries ‘Die Friseuse’: „Wenn ein Film die schönen Seiten Berlins zeigen soll, laufen die Kameras immer bei mir vor der Haustür im Prenzlauer Berg. Nach Marzahn gehen die Filmteams grundsätzlich nur, wenn es um sozialkritische Themen geht. Diese Vorurteile finde ich total beknackt. Viele Menschen leben seit den 70er- oder 80er-Jahren dort und bleiben, weil es ihnen in Marzahn gefällt. Die Mieten sind niedrig, die Wohnungen sind hell und im Frühjahr sprießen die Sträucher.“

Auch Doris Dörrie betont, dass der Stadtteil sie überrascht hat: „Ich weiß nicht, ob ich Marzahn erkannt hätte, wenn man mich mit verbundenen Augen dort abgestellt hätte. Es ist in den letzten Jahren sehr uffjehübscht worden, wie der Berliner sagt, es gibt das riesige Einkaufszentrum Eastgate, eine ganz gute Infrastruktur, ein sehr engagiertes Kulturzentrum.“ Was die Menschen in Marzahn denken und fühlen, vermochte die Regisseurin dagegen nur schwer einzuschätzen: „Die allgemeine Stimmung wirkte auf mich sehr verschlossen und auch sehr ängstlich.“

In der Wahrnehmung vieler Bundesbürger steht der Stadtteil für Plattenbautristesse. 1971 beschloss die DDR, ihre „Wohnungsfrage als soziales Problem bis 1990“ zu lösen. Dies sollte durch eine Großsiedlung in Marzahn erfolgen. 1977 begann der Wohnungsbau. Bis Ende der 1980er Jahre entstanden sukzessive von Süden nach Norden elfgeschossige Plattenbauten. Sie wurden jeweils innerhalb von 110 Tagen aus angelieferten Großplatten montiert.

Aus den anfangs reinen Schlafstätten der Berufspendler, die spöttisch „Arbeiterschließfächer“ genannt wurden, entwickelte sich ein begehrter Wohnbezirk, als die Marzahner Promenade um 1990 fertiggestellt wurde: inklusive Schwimmhalle, Sauna, Bibliothek, Freizeitforum und eigenem S-Bahnhof. Mit dem futuristisch anmutenden Eastgate eröffnete am 29. September 2005 schließlich auch Berlins drittgrößtes Einkaufcenter mit 150 Läden und mehr als 1200 Angestellten. Es ist der größte Arbeitgeber der Region.

Fotos: Constantin