Donnerstag, 29. Juli 2010, 15:50 Uhr

Loveparade: Hier sprechen die Star-DJs über das Drama von Duisburg

Berlin. Fassungslosigkeit, Trauer und Kritik: Jetzt äußerten sich erstmals auch DJs und Produzenten aus der Elektro-Szene, wie sie die Tragödie der Loveparade erlebten. Wenige Tage nach der Tragödie sitzt der Schock noch immer tief.

Maximilian Lenz alias Westbam, seit der ersten Veranstaltung 1989 als feste Größe dabei und an den alljährlichen Hymnen stets beteiligt, hatte für den Auftritt extra seinen Urlaub unterbrochen, wollte im 21. Jahr ein letztes Mal als DJ dabei sein.
„Ich bin so traurig, dass es so enden musste. Ich hatte geplant, meinen persönlichen Abschied von der Parade zu feiern und habe noch gedacht, dass es die Loveparade in hundert Jahren noch geben wird. Nur eben ohne mich. Jetzt ist es für immer vorbei! Der Titel meiner LP ‘A Love Story 1989 -2010’ klingt jetzt wie eine Grabinschrift. Rest in Peace.“

Auch sein Kollege André Tanneberger alias ATB war in Duisburg vor Ort, er setzt sich auf musikalische Art mit dem Geschehen auseinander, hat nun den Titel „In Love with you“ veröffentlicht: „Als ich am Sonntagmorgen aufgewacht bin, hatte ich immer noch diese schrecklichen, unfassbar tragischen Bilder der Loveparade in meinem Kopf. Ohnmächtig von tiefer Trauer versuchte ich, das Erlebte zu verarbeiten. Als DJ hatte ich mich, nachdem wir vor Ort von der Tragödie erfuhren, sofort gegen einen Auftritt entschieden. Als Musiker versuche ich, traurige Erlebnisse in Songs zu verarbeiten. Also schrieb ich eine Melodie, die ich den Opfern und ihren Angehörigen widmen möchte. Vielleicht hilft sie ihnen ein wenig in dieser schweren Zeit. Als Künstler, der im Ruhrgebiet lebt, möchte ich damit meine tiefe Anteilnahme ausdrücken.”

Wie bei allen Beobachtern der Ereignisse dominieren auch im Kreise der Musiker Trauer und Fassungslosigkeit. „Es ist das Thema schlechthin, wo auch immer man sich trifft, alle Gespräche kreisen darum“, berichtet Alexander Gerlach aka DJ Lexy. „Man weiß gar nicht richtig, wie man damit umgehen soll. Gerlach, der vor Jahren noch in Berlin auf der Loveparade aufgelegt hatte, konnte sich gut an vergangene Auftritte erinnern, an dicht gedrängte Menschenmassen und schwierige Bedingungen auf dem Weg durch das Gelände. „Aber es war niemals auch nur annähernd so schlimm wie in Duisburg.“Kritik übt er jedoch an der Entscheidung der Veranstalter, nach Bekanntwerden der Todesfälle den Event fortzusetzen. Dies sei pietätlos, urteilte der DJ und Produzent.

Oliver Koletzki, der Anfang August bei Sonne, Mond und Sterne auflegen wird – einem der größten Festivals für elektronische Musik – fährt durchaus mit gemischten Gefühlen zu seinen derzeitigen Auftritten: „Ich habe mir schon Gedanken gemacht, ich mache mir keine konkreten Sorgen, aber es ist sicher allgegenwärtig.“ Der DJ lobt die sachliche Berichterstattung der letzten Tage („Ich hatte erst Angst, dass nun alle auf Techno herum hacken, dass es nur um Drogen und die Szene gehen würde.“) und sieht den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland zu Recht in der Kritik: „Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden!“ Koletzki hatte als Veranstalter vor gut einem Jahr bereits eine von einem Todesfall überschattete Nacht erlebt, sein Freund und Kollege war am DJ-Pult zusammengesackt und verstorben: „Das letzte, was man bei einer Party erwartet ist der Tod und all diese Gefühle, die kommen jetzt natürlich wieder hoch bei mir.“ (Sebastian Walther )