Sonntag, 05. September 2010, 11:28 Uhr

Wir sind Helden: Alles über das neue Album

Berlin. Neues aus unserer Serie “Was macht eigentlich …?” Lange nichts gehört von einer der erfolgreichsten deutschen Kapellen – “Wir sind Helden”! Warum nur? Weil sich die vier in den letzten zwei Jahren die erste wirklich gründliche Auszeit nach sieben Jahren des Draußen-in-der-Welt-Seins gegönnt haben. Diese auch fortpflanzungsbedingte Atempause wurde genutzt, um sich nach drei Alben – „Die Reklamation“ (2003), „Von hier an blind“ (2005) und „Soundso“ (2007) -, unzähligen Tourneen und einer Zeit des ständigen Gefundenwerdens zu erlauben, mal wieder selber auf die Suche zu gehen. Nach neuer Musik, neuen Begeisterungen. Und natürlich nach Wahrheit und Tiefe und Größe, Weltformel, Kindergarten- und Fahrradstellplätzen etc. Jetzt ist das vierte Album da! „Bring mich nach Hause“ heißt es, „weil es darauf viel ums Verlaufensein geht und um Verlorenheit, mehr als ums Pfadfinden“ (Judith H.)

Aber hören wir zu all dem jetzt die Fachreferenten: Judith Holofernes, Mark Tavassol, Jean- Michel Tourette und Pola Roy.

Was war los die letzten drei Jahre?
Judith: Zuerst haben wir ein halbes Jahr richtig Pause gemacht, um endlich mal wieder Platz zu schaffen für die Sachen, die in einem ach so professionellen Musikerleben gerne untergehen: Musikhören, auf Konzerte gehen, neue Instrumente lernen. Alles, was hilft, die zweckfreie, unprofessionelle, unverhunzte Musikliebe wieder zu kultivieren.

Habt ihr mit „Bring mich nach Hause“ irgendwelche Ziele verbunden?
Pola: Wir wollten einen „live-igeren“ Sound erreichen und uns zu dem Zweck auch besser vorbereiten, sprich: üben. Bei den letzten beiden Platten ist dieser Aspekt immer zu kurz gekommen, schlicht aus Zeitmangel, weil wir eigentlich ständig auf Tour waren und dann immer direkt mit noch nie gespielten Song-Skizzen ins Studio eingefallen sind.

Dieses Album ist viel „akustischer“ und weniger „poppig“ als man ‘Wir sind Helden’ bisher kannte. Was ist da dran?
Pola: Wir haben viel mehr „echte“ Instrumente benutzt und jedes Mal, wenn wir auf der Suche nach einem speziellen Sound waren, erstmal das vorhandene Analog -Instrumentarium durchstöbert, statt zu einem Synthie zu greifen. Dadurch haben sich Instrumente wie Akkordeon, Banjo, Glockenspiel, eine arabische Laute und ein wildes Sammelsurium an Percussion -Geräten auf’s Album geschlichen.
Judith: … was bestimmt zu einem akustischeren, vintage-mäßigen, teilweise sogar folkigen Sound beiträgt.
Mark: Dazu kommt, dass die Songs durch das Live-Einspielen – und auch eine gewisse Lässigkeit kleinen Fehlern und Freiheiten gegenüber – tatsächlich mehr atmen und dass für unser Gefühl tatsächlich mehr Bewegung und Leben drin ist.

Ihr habt dieses Mal mit einem englischen Produzenten gearbeitet. Wer ist das? Wie kam es dazu? Und wo habt ihr den gefunden?
Judith: Ian Davenport heißt er und gefunden haben wir ihn in der Nähe von Slough – bekannt aus der Fernsehserie „The Office.“
Mark: Ian war eine Empfehlung eines Freundes. Und er hat uns im ersten Treffen vor allem durch Freundlichkeit und einen bestechenden Musikgeschmack für sich gewonnen.
Pola: Genauer gesagt dadurch, dass er uns nicht nur eine CD in die Hand drückte mit Sachen, die er selbst produziert hat, sondern auch eine mit Sachen, die er persönlich mag.
Jean: Und dass Ian sich zuhause im weiteren Radiohead –Umfeld bewegt und außerdem Leute wie Athlete und Badly Drawn Boy und zuletzt Band of Skulls produziert hat, hat uns natürlich auch nicht gerade gestört.

Merkt man der Platte an, dass bei den Aufnahmen die Amtssprache Englisch war?
Pola: Das es problematisch sein könnte, so text-lastige Musik mit einem englischen Produzenten aufzunehmen, ist uns tatsächlich erst klar geworden, als wir schon mit Ian am Tisch saßen. Da ist uns kurz das Herz in die Hose gerutscht. Aber erstaunlicherweise hat sich die Sprachbarriere eher als Glücksfall herausgestellt.
Judith: Durch dieses Moment des Übersetzen-müssens habe ich mich mit Ian mehr über die Texte unterhalten, als bisher in irgendeiner Zusammenarbeit. Und Ian hat sich wahnsinnig gut eingefühlt in die kleinen Details von Ausdruck und Stimmung eines Textes und war sehr darauf bedacht, bei den Gesangsaufnahmen genau die richtige Haltung zu finden.
Mark: Absurde Situationen gab’s natürlich trotzdem. Wenn Ian Judith zum Beispiel aufforderte, „sexsüchtig“ zu singen, aber „sehnsüchtig“ meinte …

Die Helden waren im Studio diesmal zu fünft. Wer ist der ominöse fünfte Mann und wie würdet ihr sein Wirken auf Musik und Bandgefüge beschreiben?
Jean: Der geheimnisvolle fünfte Mann ist Jörg Holdinghausen von der befreundeten Band Tele. Er war als Gastmusiker die ganze Produktion über dabei und wird uns auch live verstärken. Sein Dabeisein hat uns freier gemacht und dieses bunte Instrumentenkarussel erst ermöglicht – und dazu beigetragen, dass zum Beispiel Mark dann anstatt seines Basses meistens eine Gitarre, ein Banjo oder eine sich ausdauernd verstimmende arabische Laute in der Hand hatte.
Judith: Davon abgesehen ist Jörg ein unglaublich musikalischer Mensch, ein Musiker bis in die letzte Faser. Und so jemanden dabei zu haben, ist natürlich sehr inspirierend – weil er Teilnehmender, aber irgendwie auch Publikum war. Viel mehr, als wir vier das für einander sein können, weil wir uns viel zu gut kennen.

Wenn „Die Reklamation“ das frischfrommfröhlichfreie Debüt war, „Von hier an blind“ die alles mitreißende Hitscheibe und „Soundso“ die kontemplativ-verschrobene Runterkommplatte – was ist dann „Bring mich nach Hause“?
Mark: Ich kann mir vorstellen, dass dieses Album vielen Hörern melancholischer und dunkler vorkommen wird, als die drei anderen, aber auf der anderen Seite hat es ja auch ganz euphorische Momente. Es sind viele Geschichten drauf, mal ganz reale, wie bei der „Ballade von Wolfgang und Brigitte,“ aber vor allem auch seltsame, traumhafte. Wie in „Flucht in Ketten“, „Was uns beiden gehört“ oder „Bring mich nach Hause.“
Judith: Vielleicht ist dieses Album ein bisschen weniger „Haha“ und dafür ein wenig mehr „Hmmm.“ Bandmäßiger klingt es hoffentlich, und organischer durch die vielen „echten“ Instrumente. Wir finden es auf jeden Fall sehr schön. Möge es „das schöne Album“ genannt werden.“

Mehr schöne Sprachirrtümer und andere erhellende Studiogeschichten finden sich übrigens im Tagebuch auf www.wirsindhelden.de

Das Interview führte Josef Winkler, der auch das Heldenbuch “Informationen zu Touren und anderen Einzelteilen“ mitgeschrieben hat.
Fotos: Billy & Hells (billyundhells.de)