Donnerstag, 23. September 2010, 18:53 Uhr

"Jud Süss - Film ohne Gewissen": Premiere in München

München. Bei der München-Premiere von ‘Jud Süss – Film ohne Gewissen’ mussten sich die beiden Hauptdarsteller Tobias Moretti (51) und Moritz Bleibtreu (39) einige Gewissensfragen stellen. “Ich glaube, keiner kann wissen was passiert, wenn man unter so einem Druck leben muss”, antwortete Schauspieler Moritz Bleibtreu (‘Der Baader Meinhof Komplex’) auf dem roten Teppich auf die Frage, ob er sich im Nazi-Reich gegen die Mehrheit gestellt hätte – und traf damit den Tenor des Abends.

‘Jud Süss – Film ohne Gewissen’ erzählt die Geschichte des österreichischen Schauspielers Ferdinand Marian, der auf Drängen von Propaganda-Minister Joseph Goebbels in Veith Harlans Film ‘Jud Süss’ die Rolle des Joseph Süß Oppenheimer, einem jüdischen Finanzbeamten, annimmt. Der Film wird 1940 ein voller Erfolg, Marian scheint eine Glanz-Karriere erreicht zu haben. Doch schon bald durchschaut der NS-Star die gesellschaftliche Wirkung seines Films und muss erkennen, dass er seine Seele für den Erfolg verkauft hat.

Genau das Thema stand auf der bayerischen Premierenfeier im Mittelpunkt: Wie hätten Sie in der damaligen Situation reagiert?
Schauspieler Moritz Bleibtreu äußerte sich eindeutig dazu: “Ich glaube, das ist eine rein hypothetische Frage, die keiner von uns beantworten könnte. Derjenige, der sie beantworten kann, der ist in der größten Gefahr, sich nicht besser zu verhalten, als viele damals.”
Sein Kollege Tobias Moretti  (‘Kommissar Rex’), der die Hauptrolle des Ferdinand Marian spielte, sieht heute noch die Gefahr, die vom Nationalsozialismus ausgeht: “Das kann allen passieren. Ich glaube nicht, dass sich da irgendwas geändert hat – der Mensch ist derselbe geblieben. Zwar kann man sich das heute nicht mehr vorstellen, es ist abstrakt. Aber in Wahrheit ist es nicht abstrakt, es ist real. Es ist unsere Geschichte, es ist gerade eineinhalb Generationen her und ich glaube nicht, dass sich irgendetwas geändert hat”, warnte der österreichische Star.

Trotz des ernsthaften Themas musste sich gerade Moritz Bleibtreu viel Kritik wegen seiner Darstellung des Jospeh Goebbels gefallen lassen: Er habe den Nazi-Minister zu überschwänglich, zu “amerikanisch” dargestellt, hieß es in den vergangenen Monaten oft.
Diese Kritik prallt an dem Star ab: “Ich bewerte Figuren nicht danach, was das für eine Außenwirkung haben wird oder was die Leute unter Umständen denken oder ob mir das was bringt oder nicht”, erklärte der ‘Silberner Bär’-Preisträger gelassen. Die Rolle des Bösen im Film sei für ihn “nicht schwieriger als alle anderen auch, oder auch nicht einfacher” gewesen.

Auch Tobias Moretti wollte ‘Jud Süss – Film ohne Gewissen’ nicht falsch verstanden wissen und betonte auf dem roten Teppich: “Das ist kein Film über den zweiten Weltkrieg. Das ist ein Film über eine diktatorische Gesellschaft, über ein totalitäres Umfeld, das mit Medien perfekt umgegangen ist. Das macht den Film eigentlich so spannend.”
‘Jud Süss – Film ohne Gewissen’ läuft heute in den deutschen Kinos an.  (CoverMedia)

Fotos: Concorde