Freitag, 22. Oktober 2010, 17:22 Uhr

Wall Street 2: "Geld ist wie eine Hure, die niemals schläft"

Berlin. Gestern startete die mit Hochspannung erwartete Fortsetzung des Films ‘Wall Street’ um den Finanzwahnsinn. Ist Gier gut? Was für eine Frage nach dem Platzen der Finanzblase 2008, die die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in die Welt des Geldes tief erschüttert hat. Was rechtfertigt das Gezocke um MEHR? Bei den Katholiken gilt Habgier als eine der sieben Todsünden und unter den Juristen bezeichnet sie das rücksichtslose Streben nach Gewinn um jeden Preis. Wer von ‘Wall Street 2’, eine 16 Millionen Dollar Produktion, eine Kritik am Finanzsystem erwartet, liegt falsch. Denn: Zocken ist geil und legal.

Die Story: New York 2008. Nach sieben Jahren Haft öffnet sich das Gefängnistor und Gordon Gekko (Michael Douglas) betritt die Szene. Er stellt fest, dass er nicht mehr Teil der Wall Street-Welt ist, die er einst dominierte. Um die kaputte Beziehung zu seiner Tochter Winnie (Carey Mulligan) zu kitten, verbündet er sich mit deren Verlobten Jacob (Shia LaBeouf), einem jungen Investment Banker. Dieser beginnt in Gordon Gekko eine Art Vaterfigur zu sehen. Aber Jacob muss schon bald auf schmerzliche Weise lernen, dass Gekko immer noch ein Meister der Manipulation ist, der seinem früheren Lebenswandel nicht abschwört…

Der Film will keine Dokumentation oder Attacke gegen die Finanzwelt sein. Vielmehr erzählt er die Geschichte von Menschen, die im Umfeld der Wall Street leben. Die Krise dient als Hintergrund. Die komplexe Figur des Gordon Gekko findet keine Läuterung, denn: „Die Menschen machen im Wesentlichen einfach weiter wie bisher“ so der Regisseur.

Oliver Stone sieht seine Filme vor allem als Dramen über Individuen in persönlichen Kämpfen, und sich selber zuerst als Dramatiker, dann erst als politischen Filmemacher. Ihn interessieren verschiedene Blickpunkte. Und die bietet er hier auch.

An realen Vorbildern zum Film gab es keinen Mangel. Der Vater des vielgeehrten Regisseurs war Broker an der Wall Street, bis er durch schlechte Investments finanziell Schiffbruch erlitt. Stone verarbeitete diese Erlebnisse. Der Bankrott seines Vaters ließ ihn begreifen, dass er ein privilegiertes Leben führt.

Laut handelblatt.com fokussiert Stone die Wall Street sehr genau: Louis Zabel (gespielt von Frank Langella) ist Chef der fiktiven Investmentbank Keller Zabel Investments, ein alter Haudegen der Wall Street und Mentor der Hauptfigur, des jungen Bankers Jacob Moore (Shia LaBeouf). Zeller kommt in der schnellen Welt der Trader nicht mehr mit, sein Haus sitzt auf riesigen Mengen von Giftpapieren und wird schließlich notverkauft. Laut Regisseur Oliver Stone war das reale Vorbild für die Figur Zabel der langjährige Chef der Investmentbank Bear Stearns, Jimmy Cayne. Der Bösewicht des Films ist Bretton James. Der Banker, gespielt von Josh Brolin, ist Chef des fiktiven Geldhauses Churchill Schwartz. Erst drückt er durch Gerüchte den Kurs der traditionsreichen Investmentbank Keller Zabel und verdient daran durch Leerverkäufe, dann verleibt er sich die strauchelnde Firma ein – zum Spottpreis.

Es sei zwar albern zu behaupten, die Wall Street per se sei böse, sagte Regisseur Oliver Stone in einem Gespräch mit dem Starautor Andrew Ross Sorkin. Allerdings: “Goldman ist böse, vielleicht”. Dargestellt in der Runde der Top-Banker sind im Film auch der damalige US-Finanzminister Henry Paulson, der mit seiner bulligen Statur und Halbglatze gut wiederzuerkennen ist, sowie Tim Geithner, heute Paulsons Nachfolger unter Präsident Obama und seinerzeit Notenbankchef von New York.

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Film bekommt auch Nouriel Roubini einen Auftritt. Der Ökonom, der die Krise voraussagte und den Spitznamen “Dr. Doom” trägt, ist kurz in einem Fernsehauftritt zu sehen. Sein Filmname: Dr. Hashimi. Roubini war auch einer der Berater von Regisseur Stone für das Drehbuch von “Wall Street 2”.

Stone wollte vor den Machenschaften der Finanzakrobaten warnen. In „Wall Street 1“ ist das schon einmal danebengegangen, weil Gordon Gekko zum Vorbild einer ganzen Generation von Bankern wurde. Und in Teil zwei? Dass den Banken nicht zu trauen ist, das versteht jetzt wohl Jeder.

Was denkt Michael Douglas über den Banken-Skandal? – “Ich bin Kapitalist und glaube, dass nicht nur das System an allem schuld ist. Jeder hat das Recht, seinen Besitz zu mehren.” Trotzdem verstehe er nicht, “wie Banken weiterhin diese horrenden Prämien an ihre Mitarbeiter zahlen, obwohl sie mit 700 Millionen Dollar vom US-Staat finanziert wurden”. Douglas: “Man kann sehr viel Geld verdienen, ohne korrupt zu sein.” Doch: Genügend Geld bedeutet seiner Ansicht nach “Freiheit – nicht arbeiten zu müssen und in der Welt herumzureisen”. Seine Frau liebe Schmuck, er sammle Kunst.

„Risiken halten Menschen nicht vom Pokern ab“, sagt die Psychologin Barbara Mellers von der University of California in Berkeley laut einem Bericht der Fachzeitschrift „Gehirn & Geist“. Im Gegenteil: Der Nervenkitzel mache das Spiel mit dem Geld sogar noch attraktiver. Der Reiz der Ungewissheit gepaart mit der intuitiven Lust auf MEHR bewirkt nach Angaben der Experten einen unstillbaren Hunger. (Eva Magdon)

Fotos: 20th Century  Fx