Montag, 25. Oktober 2010, 19:23 Uhr

Großartig: "Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte"

Berlin. Er ist eine Legende. Er war ein Allroundtalent. Er war kein Schönling, aber ein Genie, Provokateur und Herzensbrecher. Die begehrtesten Schönheiten der 70er und 80er erlagen seinem Charme und vor allem seiner Musik. Seine Musikalität war uneingrenzbar. Er verband unterschiedliche Stile, Klassik, Pop, Jazz, Rock, Raggae, Beat und entwickelte sie weiter.

Serge Gainsbourg`s Kreativität war unerschöpflich: Maler, Schriftsteller, Komponist und Chansonnier, ein unschlagbarer Songwritter, der die französische Popmusik, das Kino und die Literatur formte, ein Rastloser und Suchender, getrieben von Ideen. Er schrieb Drehbücher und Filmmusiken, doch der größte Erfolg gelang 1969 mit einem Skandal, dem bis heute erotischen Lovesong überhaupt: „Je t’aime“, dessen Original als Duett mit Brigitte Bardot aufgenommen wurde, veröffentlicht wurde jedoch die Version mit der Ehefrau des Künstlers Jane Birkin.

Brigitte Bardot erzählt, dass am Tag der Aufnahme von „Je t’aime … moi non plus“ jeder sein eigenes Mikrofon hatte und dass die beiden einen Meter voneinander entfernt standen. „Wir hielten Händchen, während wir die Worte und die Geräusche eines Paares beim Sex nachgeahmt haben. Ich glaube, dass die flüchtige Berührung unserer Finger dabei einer der erotischsten Momente war, die ich je erlebt habe.“

GAINSBOURG ist weder ein historiografischer noch ein anekdotenhafter Film. Nein, dieser Film strebt an, einen modernen Mythos nachzuerzählen, denn die Figur Gainsbourg ist radikal modern. Kein Buch oder Film hat sich jemals eingehend mit seinen heldenhaften Eigenschaften beschäftigt.

„Ich kenne Gainsbourgs wirkliches Leben in- und auswendig, aber ich möchte keinen „realistischen“ oder „journalistischen“ Film machen“, so der Regisseur Joann Sfar. „Ich möchte etwas erschaffen, das eher an ein russisches Märchen erinnert, eine moderne Legende. Diejenigen, die meine Comics kennen, werden in meinem Gainsbourg alle meine üblichen Obsessionen und Manien wiederfinden: Liebe als ein Allheilmittel, die Tragödie und Absurdität des slawischen Dichters, allgegenwärtige Ironie und übernatürliche Geschöpfe, die unmittelbar einem Chagall-Gemälde entsprungen sein könnten.“

Gainsbourg, der zeitlebens Kettenraucher war und in seinen letzten Lebensjahren Auftritte oft alkoholisiert absolvierte, starb am 2. März 1991 an einem Herzinfarkt. Sein Grab zählt zu den meistbesuchten in Paris und wird regelmäßig von Fans mit Blumen, Gedichten, Bildern, Zigaretten und Whiskygläsern geschmückt.

Als Joann Sfar (Regie und Buch), ein Star der französischen Comic-Szene, die Chance erhält, seinen ersten eigenen Film zu entwickeln, steht für ihn schnell fest, dass es ein Werk über das Idol seiner Jugend werden soll – Serge Gainsbourg, einen der wichtigsten, provokantesten und vielseitigsten französischen Musiker des 20. Jahrhunderts. Einen Künstler, der auch 20 Jahre nach seinem Tod noch den Ruf eines exzentrischen Genies und legendären Verführers genießt.

Aber Joann Sfar geht es weniger darum, Leben und Werk seines frühen Vorbilds für die Leinwand zu rekonstruieren. Sein Wunsch ist es vielmehr, in Bilder zu fassen, was der Motor von Gainsbourgs schier unerschöpflicher Kreativität war, zu veranschaulichen, was ihn so faszinierend und so anziehend machte. Sfars Annäherung an Gainsbourg ist in jedem Moment selbst eine künstlerische; er analysiert nicht, er erzählt in atemberaubenden Bildern. Er schildert eingängig die Geschichte des berühmten Musikers Serge Gainsbourg und lässt uns dabei ebenso hinreißende wie erschreckende, betörende wie irritierende Entdeckungen machen.

Die Titelrolle besetzte Sfar mit Éric Elmosnino, der in seiner Heimat Frankreich ein gefragter Theaterschauspieler ist. Diese Besetzung erweist sich als absoluter Glücksgriff, denn Elmosnino verfügt nicht nur über erstaunliche äußerliche Ähnlichkeiten mit Gainsbourg, sondern ihm gelingt auch mit verblüffender Leichtigkeit, das Charisma dieses großen Musikers und Liebhabers der Frauen wiederaufleben zu lassen. (Eva Magdon)

Fotos: Prokino