Freitag, 12. November 2010, 20:27 Uhr

Mousse T.: "Ich möchte in Clubs auflegen, wo es nicht ums Geld geht"

Berlin. Er gilt als einer der besten und erfolgreichsten deutschen Musikproduzenten und Remixer: Der Hannoveraner Mousse T. Als Songschreiber, Remixer, Labelboss und Produzent hat er es zu Weltruhm gebracht. Die Liste der Stars, die bei ihm ihre Hits remixen ließen ist gigantisch: Michael Jackson, die Backstreet Boys, Quincy Jones, Timbaland, Missy Elliot…

Erst letzte Woche gab sich Mousse T. in Berlin die Ehre und brachte mit seinem DJ-Set beim ‚MTV-Hauptstadtclub’ im angesagten ‚Puro’ die Massen zum ausflippen. Und Mousse T. wäre einfach nicht er, wenn er sich nicht mal wieder selbst übertroffen hätte. Neben Club-Klassikern hielt er einige Überraschungen parat. Die größte und schönste war zweifelsohne die Sängerin Sharon Phillips (Foto unten), die live mit ihrer großartigen Stimme und einer tollen Performance den Massen einheizte.

klatsch-tratsch.de hat Mousse T. in Berlin zum Interview getroffen und mit ihm ein wenig über Musik geplaudert.

Mousse T. Du wurdest als erster europäischer Remixer für einen Grammy nominiert und wir erinnern uns alle an deine Riesen-Hits ‚Horny’ und ‚Sex Bomb’. Hast du es bei alldem was du schon erreicht hast überhaupt noch nötig in Clubs aufzulegen?
Mit nötig haben hat das überhaupt nichts zu tun. Ich mache Musik aus Liebe und Idealismus heraus. Ich habe mit Clubmusik angefangen und während meiner Abi-Zeit begonnen aufzulegen. Obwohl ich vorher schon Musik gemacht habe, ist DJ’ing meine wahre Liebe. Natürlich ist ein Set in einem Club auch ein gutes Instrument um zu testen: Wo geht es hin, wie sind die Leute drauf, wie finden sie meine Musik, kann ich neue Erfahrungen machen? Was ich allerdings sagen muss ist, dass ich das nur noch saisonal machen kann, da ich leider keine 20 mehr bin. Wenn ich drei Tage am Stück auflege, dann merke ich, dass das ganz schön an die Substanz geht.

Nach welchen Kriterien entscheidest du, in welchen Clubs du spielst?
Ich möchte einfach, dass die Leute Spaß haben, wenn ich auflege – und ich natürlich auch. Das ist mir sehr, sehr wichtig. Clubbesitzer haben oft scheu mich anzufragen, weil sie meinen: ‚Oh Gott Mousse T. – der kostet bestimmt irrsinnig viel.’ Aber sie fragen noch nicht einmal. In sofern habe ich ein bisschen selbst die Initiative gestartet. Ich möchte in kleinen, geilen Clubs auflegen, da geht es nicht ums Geld. Es geht darum, dass sich mein Spaß, den ich beim auflegen habe auf die Leute überträgt und alle einen großartigen Abend haben. Ich möchte einfach in guten Clubs auflegen, das ist für mich wichtig.

Mit deinen zeitlosen Welt-Clubhits „Horny“ und „Sex Bomb“ hast du zweifelsfrei deinen Platz in der Geschichte der größten Clubhits aller Zeiten. Wie schwer ist es, an diese Erfolge anzuknüpfen?
Also an Erfolge anzuknüpfen ist glaube ich gar nicht so schwierig. Viel schwieriger und wichtiger ist es, sowohl sich selbst als auch den Leute draußen zu zeigen, dass man noch mehr ist, als diese beiden Hits. Ganz deutlich habe ich das nach ‚Horny’ gespürt. Das war mein erster Hit – natürlich völlig ungeplant und zufällig. Und nach so einem Ding erwarten die Leute: ‚Super – jetzt macht er ein Album mit zwölf Horny’s und alles wird schön und alles wird gleich.’
Aber das bin ich einfach nicht. Ich muss sagen, ich habe nach ‚Horny’ einige Zeit gebraucht um mich von diesem ‚Damoklesschwert’ zu lösen. Und dann kam ‚Sex Bomb’ um die Ecke. Ein Song der ganz anders ist und mit Dancefloor fast gar nichts zu tun hat, sondern eher eine Radio-Soul Nummer mit einem älteren Crooner. Viele waren natürlich verwundert, weil der Song so wenig mit Clubmusik zu tun hat. Das hat mich eine Weile verunsichert aber im Prinzip hat mir diese Erfahrung ganz, ganz viele andere Türen geöffnet. Ich habe gemerkt, dass Musik allgemein ein unglaublich weites Feld ist und dass man eigentlich immer nur so cool ist, wie seine letzte Nummer. Ich glaube an folgende Philosophie: Du kannst zum Beispiel geile Housescheiben machen und danach – gut ich würde das nicht machen – im Stile von Dieter Bohlen produzieren. Wenn du dann aber wieder ein geiles Minimal-Brett schraubst, ist alles wieder schön. Es kommt immer darauf an, was man macht.

Wir haben den Eindruck, dass es seit zwei, drei Jahren an großen, innovativen Clubhits mangelt, es wird gnadenlos viel Musik aus den letzten 30 Jahren recycelt. Woran liegt das deiner Meinung nach?
Es ist natürlich auch nicht einfach, gerade mal eben einen Hit zu produzieren. Das passiert eher zufällig. Ein gutes Beispiel ist ‚Laserkraft’. Da sind Jungs im Studio, die machen lustige Sachen und dann wird es ein Hit. Wenn man mal ehrlich ist, die Beatles, Stevie Wonder oder auch andere große Musiker haben schon fast alles gesagt, was es musikalisch zu sagen gibt. In sofern ist es nicht einfach. Man muss sich ganz schön anstrengen und vor allem auch Zeit investieren, um Musik zeitgemäß zu präsentieren. Viele tun das nicht und natürlich liegt es dann nahe, sich die Charts der letzten 30 Jahre anzuhören und Songs oder Elemente einfach zu recyceln. Auf der anderen Seite ist es auch so: Wenn man zum Beispiel von Will Smith ‚Men in Black’ nimmt, wissen die wenigsten, dass der Originalsound der Musik aus den 70ern aus dem Song ‚Forget Me Nots’ von Patrice Rushen stammt. In sofern ist es auch ein bisschen Nachhilfe für die Kids von heute.

Was macht denn einen echten Clubhit aus?
Im Prinzip ist das einzige Argument, dass Leute zu dem Song total ausflippen und abgehen. Meist ist es so, dass ein solcher Hit in den Clubs entsteht und so gut ist, dass er das Zeug zu mehr hat. Ein gutes Beispiel aus der Vergangenheit ist ‚Music Sounds Better With You’ von Stardust. Ein Hit der im Club entstanden ist und weltweit unglaublich erfolgreich war. Die Scheibe wurde zu Anfang ganz handverlesen auf der Winter Music Conference in Miami verteilt. Ein halbes Jahr später lief der Song in den Clubs und hat es so im Prinzip von einer Underground-Nummer an die Spitze der Charts geschafft.

Was motiviert dich, ausgerechnet mit Schlagerikonen wie Marianne Rosenberg oder Vicky Leandros zusammenzuarbeiten?
Also bei Vicky Leandros muss ich sagen – ich weiß ehrlich gesagt nicht, woher dieses Gerücht kommt. Ich habe sie auf der Echo-Verleihung kennen gelernt aber wir haben nie zusammen gearbeitet. Mit Marianne Rosenberg habe ich tatsächlich zusammengearbeitet. An einem Best Of-Album, auf dem wir Hits wie ‚Er gehört zu mir’ noch einmal neu aufgelegt haben. Dieses Stück habe ich sogar selbst früher in Clubs gespielt. Zum Beispiel im ‚Casablanca’ in Hannover, dem kleinsten Club Deutschlands. Ein großartiger Laden, in dem sogar Leute wie Mick Jagger und Grace Jones gefeiert haben. Von Chicago House über Marianne Rosenberg bis hin zu geilen Jazz-Stücken ging hier alles. Marianne ist für mich eine absolute Disco-Ikone der 70er Jahre. Sie schafft es, Disco richtig authentisch rüberzubringen. Es ist Schade, dass Schlagerstars belächelt werden, weil sie auf Deutsch singen. Für mich war es eine großartige Gelegenheit einen Star meiner Jugend kennen zu lernen und mit ihr zu arbeiten.

Mit wem möchtest Du gerne noch zusammenarbeiten?
Da gibt es ganz viele und die Möglichkeiten sind heute sehr viel größer als früher. Der letzte Star, bei dem ich richtig Lust gehabt hätte mit ihm zusammenzuarbeiten, wäre Luciano Pavarotti gewesen. Seine Stimmgewalt war einfach überwältigend. Eine ordentliche Portion Mousse T.-Groove und Pavarotti – das wäre richtig schick gewesen.

Luciano Pavarotti – das hatten wir jetzt ehrlich gesagt nicht erwartet. Wir dachten, dass jetzt eher Namen wie Lady GaGa oder Madonna fallen…
…das sind Sachen, die man sich sowieso wünscht, weil sie einfach auf der Hand liegen. Madonna und Lady GaGa sind großartige und erfolgreiche Künstlerinnen. Aber ich versuche gerne die Leute – und auch mich selbst – zu überraschen, indem ich Sachen mache, welche die Leute von mir so nicht erwartet hätten.

Du warst einer der Mentoren bei X-Factor. Worin siehst du den Unterschied zwischen X Factor und DSDS?
X-Factor ist – international betrachtet – ein funktionierendes Format mit einem Riesenpotenzial. Das ist sehr spannend. Die Quoten in Deutschland haben bewiesen, dass das Format auch hierzulande funktioniert. Man muss Leute nicht fertig machen oder sich über sie lustig machen. Das ist – glaube ich – der Hauptunterschied zu DSDS. Dort geht es eigentlich nur um Dieter Bohlen. Die Musik ist zweitrangig. Bei X-Factor ist das anders.

Ich bin selbst als Hauptjuror bei X-Factor angefragt worden. Aber die Entscheidung, ob man einen solchen Job macht, hängt natürlich auch davon ab, ob man gerade eine Platte veröffentlicht hat und eine Präsenz im Fernsehen und in den Medien in dem Moment hilfreich ist. Für mich kam es dieses Jahr nicht in Frage, den Job zu machen. Als mein Freund Till Brönner – einer der Hauptjuroren – mich aber anrief und fragte, ob ich ihn unterstützen würde, habe ich sofort zugesagt. Bei Till weiß ich, dass er qualitativ nur hochwertige Sachen macht und mit ihm jemand in der Jury sitzt, der weiß, wovon er spricht. Till schielt weder auf Quoten noch hat er das Bedürfnis Leute fertig zu machen.

Wann können wir ein neues Album von dir erwarten?
Gute Frage (lacht). Ich habe ungefähr 100 Stücke auf meinem Rechner an denen ich weiter arbeite. Momentan fehlt noch ein bisschen der rote Faden. Ich bin gerade ziemlich heiß auf Clubmusik. Ich hoffe, dass ich im nächsten Jahr an den Start komme und mein neues Album planen kann.
Bis dahin produziere ich ein Album von Sharon Phillips, die mich bei meinem DJ-Set in Berlin live begleitet hat. Sharon ist die beste Sängerin die ich kenne – ein großartiges Talent! Ich habe mit Sharon nichts Geringeres vor, als die zweite Platte zu machen, die Lauren Hill leider nie gemacht hat…

Mousse T., vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast, mit uns zu plaudern. Wir freuen uns auf die Scheibe von Sharon Phillips und natürlich dein neues Album.

Alle News von Mousse T. und Infos gibt’s auf seiner Seite: http://www.mousse-t.com

Fotos: wenn.com (1)