Donnerstag, 10. März 2011, 11:23 Uhr

Rabenschwarzer Humor: "Schauen Sie sich mal diese Sauerei an"

Berlin. Tragik und Komik liegen ja oft beisammen. Lustige, dramatische und äußerst skurrile Geschichten eines Rettungsassistenten und Feuerwehrmanns aus einer nordrhein-westfälischen Großstadt finden sich in dem Buch von Jörg Nießen. Die Mehrzahl der Einsätze hat einen dramatischen Hintergrund, aber manchmal dominieren auch Skurrilität und Absurdität das Geschehen.

Der Lebensretter mit 15 Jahren Berufserfahrung berichtet von frechen Schwangeren, Scheinopfern, Angehörigen, die in letzter Minute unbedingt die Handy-Pin des Verstorbenen erfahren möchten, Möchtegern-vampiren und nackten Musen, die aus Bäumen fallen …

“Natürlich ist nicht jeder Einsatz zum Schreien komisch, natürlich gibt es Einsätze, wo Anstand und Pietät das Lachen verbieten. Aber Humor ist für mich keine zeitweilige Attitüde, sondern ein fester Bestandteil meiner Lebenseinstellung. Schwarzer Humor ist in Feuerwehr- und Rettungsdienstkreisen weit verbreitet. Hier und da ist er sicherlich auch ein Mittel, um sich gegen belastende Situationen abzuschirmen. Im Berufsalltag ergänze ich mich jedenfalls wunderbar mit vielen Kollegen, was meinen Humor angeht”, erklärte Jörg Nießen, der am Dienstagabend auch in der Talkshow von Markus Lanz im ZDF zu Gast war, über sein Buch.

Die 20 Geschichten, die bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen sind, beruhen auf Tatsachen und sind ein Genuss für alle, die schwarzen Humor mögen und nicht davor zurückschrecken, dem Tod tief ins Auge zu blicken. Hier ein Auszug.

»04­83­01 für Florian – 04­83­01 für Florian«, krächzte es aus dem Funkgerät im Rettungswagen. Damit waren wir gemeint, die Zahlenkombination war das Kürzel für unseren Rettungswagen, und Florian ist der Funkverkehrsname für un­sere Leitstelle. Da Hein noch immer mit den Tränen kämpfte, griff ich zum Funkhörer: »Kommen Sie für den 04­83­01.«

»Frage Standort?«
»Dresdner Platz.«
»Ihr steht goldrichtig, fahrt mal zur Uferstraße 3, dort chi­rurgischer Notfall ohne Notarzt bei Ramm.«
»Verstanden, sind unterwegs.« Zum besseren Verständnis: Bei »chirurgischer Notfall ohne Notarzt« handelt es sich in der Regel um leichte Verletzungen, die das Team eines Rettungs­wagens auch ohne ärztliche Hilfe erfolgreich behandeln kann, zum Beispiel leichte Schnittverletzungen, Platzwunden oder auch ein schmerzfreier Bruch. Man darf diesen Stichworten aber nicht zu viel Bedeutung beimessen. Bei »Kindernotfall« würde man vielleicht Fieberkrämpfe oder verschluckte Legosteine  er­warten. Es ruft die verängstigte Mutter an: »Mein kleiner Sohn bekommt schlecht Luft«, aber beim Eintreffen stellt man fest, dass die Dame 82 Jahre alt und der Sohn ein 63­jähriger Asth­matiker ist, der noch bei Mama wohnt. Nach kurzer Alarmfahrt hatte Hein sich beruhigt, auch wenn das T­Shirt nicht zu retten war. Wir erreichten die Einsatzstelle.

Ein angelaufenes Messingschild am Tor der Gartenanlage ver­riet uns, dass wir richtig waren: »RAMM Consulting Unterneh­mensberatung.« Auf dem Weg zur Eingangstür lästerte Hein noch: »Hier wird sich doch hoffentlich niemand an nem Blatt Papier geschnitten haben.« Wir läuteten, eine kurze Tonfolge, und eine elegant gekleidete Dame um die vierzig mit streng zurückgekämmten Haaren öffnete die Tür. Die Dame wirkte etwas unterkühlt, also rein charakterlich, und ich fragte mich, ob sie als Biest eher bei Dallas oder im Denver Clan mitgespielt hätte. »Sind Sie Frau Ramm?«, fragte ich.

Die folgende Antwort werde ich wohl nie in meinem Leben  vergessen. Wörtlich: »Ja, das bin ich. Aber kommen Sie doch bitte rein, ich glaube nicht, dass Sie noch etwas tun können, aber schauen Sie sich mal diese Sauerei an, die mein Mann mir hier gemacht hat.«

Das klang nicht gut. »Nichts mehr tun kön­nen« und »Sauerei gemacht« – Pulsadern aufgeschnitten oder Tablettenintox und am Erbrochenen erstickt, hässliche Sache gingen mir durch den Kopf. »Wo ist Ihr Mann jetzt?«, fragte Hein in dominantem Tonfall, was mit seinem von Speiseeis ver­sifften T­-Shirt etwas albern wirkte.

»Im Badezimmer, den Flur entlang, dritte Türe links«, be­schrieb Frau Ramm völlig ruhig und ebenso knapp wie präzise den Aufenthaltsort ihres Gatten. Wortlos eilten wir den Flur entlang, ich erreichte das Badezimmer als Erster. Der Anblick, der sich mir bot, war völlig unwirklich. Frau Ramm hatte recht, hier konnten wir nichts mehr tun. Herr Ramm hatte sich mit einer kurzen doppelläufigen Schrotflinte in den Kopf geschos­sen.

Stellen Sie sich ein ausgebombtes Haus vor, von dem nur noch beschädigte Grundmauern stehen – so ungefähr können Sie sich den Kopf von Herrn Ramm vorstellen. Hinterkopf und Schädeldach fehlten vollständig, der ehemalige Inhalt hatte sich in einem Hellgrau­Rosa auf den weißen Badezimmerfliesen ver­teilt und folgte langsam der Schwerkraft, der Blick auf beide Innenohre lag frei. Der Begriff »Kopfplatzwunde« bekam hier eine völlig neue Dimension.

Mir ging der Satz nicht aus dem Kopf: »Schauen Sie sich mal diese Sauerei an, die mein Mann mir hier gemacht hat.« Sicher, das Bad sah aus, als hätte man dort ein Hausschwein mit TNT gesprengt, die Frau stand vielleicht unter Schock, aber ein we­nig gefühlskalt war der Satz schon. Frau Ramm erinnerte mich
an eine Gottesanbeterin oder besser noch an eine Schwarze Witwe, eine Einladung zu einem romantischen Essen zu zweit bei Kerzenschein würde ich jedenfalls ablehnen. Sirenen erto?n­ten, die Polizei traf ein, und es freute mich, dass Frau Ramm angesichts der Ereignisse nicht nur einen Rettungswagen ge­rufen, sondern auch die Polizei alarmiert hatte.

Fotos: Schwarzkopf & Schwarzkopf, Nico Klein-Allermann (2)