Dienstag, 05. Juli 2011, 14:55 Uhr

"Super 8": Die letzten Geheimnisse des Mystery-Thrillers (Teil 1)

Berlin. Im Mittelpunkt des neuen Kinokrachers ‘Super 8’ von Suspense-Weltmeister J.J. Abrams stehen sechs Jugendliche in den 70er-Jahren – sie leben in einer Kleinstadt im Stahlrevier von Ohio. Für den Sommer haben sie sich vorgenommen, ihr erstes Horrorfilmmeisterwerk auf Super 8 zu drehen – doch ihre Träume werden jäh unterbrochen: Sie werden Zeugen eines grausigen Eisenbahnunglücks – die geheimnisvollen Auswirkungen der Katastrophe beeinflussen nicht nur ihre Freundschaft nachhaltig, sondern auch ihre Familien und ihre Lebenseinstellung.

Wir verraten eine Reihe von Hintergrundinformationen zur Enstehung des mit Spannung erwarteten Thrillers. Heute die erste Folge.

Kinostart ist in Deutschland der 4. August.

Die Jugendlichen stehen im Zentrum von SUPER 8, doch die eigentliche Seele des Films sind zwei Filmemacher, die als junge Männer ebenfalls ihre ersten filmischen Versuche auf 8 mm drehten: J. J. Abrams und Steven Spielberg entdeckten das Filmemachen bereits im Kindesalter, filmten auf Super 8 beziehungsweise auf 8-mm-Material und legten damit das Fundament für ihre heutigen Leinwandabenteuer.

Regisseur Abrams produzierte nicht nur den Monsterthriller „Cloverfield“ (CLOVERFIELD, 2008), sondern auch TV-Serien wie „Felicity“, „Alias“ (ALIAS – DIE AGENTIN), „Fringe“ (FRINGE – GRENZFÄLLE DES FBI) und die innovative ABC-Serie „Lost“ (LOST).

Steven Spielberg verantwortet einige der erfolgreichsten und bedeutendsten Film aller Zeiten, darunter „E.T.”, „Close Encounters of the Third Kind“ (UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART, 1977) und „Raiders of the Lost Ark“ (JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES, 1980).

Er war für den jugendlichen Abrams immer ein Vorbild.

Ihre gemeinsame Begeisterung für Super-8-Filme (und ein Wink des Schicksals) führten diese beiden Filmemacher immer wieder zusammen. Als Junge entdeckte Abrams, wie viel Spaß die Arbeit mit der Super-8-Kamera machen kann – dieses Format wurde 1965 von Eastman Kodak eingeführt. Schon mit acht Jahren begann Abrams seine eigenen Filme zu drehen – sie handelten von dem, was ihn als Junge am meisten interessierte: Verfolgungsjagden, Kämpfe und Monster.

Einige Jahre später stellten Abrams und sein Jugendfreund Matt Reeves (Regisseur von „Cloverfield“) ihre Filme auf einem Super-8-Filmfestival vor und wurden von der Los Angeles Times in dem Artikel „The Beardless Wonders“ (Bartlose Wunder) gewürdigt. Kurz darauf wurden sie von Spielbergs Assistentin Kathleen Kennedy angesprochen – sie fragte an, ob die beiden Spielbergs alte 8-mm-Filme restaurieren wollten, die der als Kind gedreht hatte. Abrams war erst 15 Jahre alt, als er zusammen mit Matt Reeves Spielbergs 8-mm-Filme zusammenstellte.

Was beide als Kinder begeisterte, führte sie viele Jahre später wieder zusammen. „Wir sprachen über die Filme, die uns am besten gefallen – aber auch über Filme, wie wir sie gerne einmal drehen würden. Sofort kamen wir auf unser gemeinsames Hobby, die 8-mm-Filme. Wir fanden die Idee interessant, einen Film über junge Leute zu drehen, die beim Filmen ein Abenteuer erleben“, erinnert sich Spielberg.

Abrams wollte SUPER 8 in die Tradition der Filme einreihen, die ihm besonders liegen: exemplarische Geschichten in einer Umgebung, in der der tägliche Lebenskampf um Arbeit, Liebe und Familie zunächst banal wirken mag – doch urplötzlich verändern außergewöhnliche, grausige und fantastische Vorfälle die Situation grundlegend.

„Ich möchte den Zuschauern Action, Humor, Spannung und Explosionen bieten, wie sie zu einem echten Sommer-Popcorn-Film gehören, aber dennoch birgt SUPER 8 einen ernsten Kern, und für mich kommt es vor allem darauf an“, erklärt Abrams. „Trotz all der haarsträubenden Ereignisse in dieser Geschichte habe ich das Gefühl, dass dieser Film als Erster ganz direkt Teil meines eigenen Lebens ist.“

Bei der Entwicklung von SUPER 8 gefiel Abrams vor allem die Idee, Nachwuchsfilmemacher in den Mittelpunkt zu stellen. Dafür brauchte er aber eine dynamische Story. „Ich stellte mir vor, dass ein Zug Gegenstände aus der Area 51 wegtransportiert“, sagt er und bezieht sich dabei auf das streng geheime Militärdepot in einer entlegenen Ecke von Nevada, in dem gerüchteweise ein Ufo-Wrack und andere außergewöhnliche Phänomene gelagert werden. „Für diese Idee hatte ich noch keine Hauptfiguren – andererseits hatte ich tolle Helden, die auf eine Story warteten. Die Kombination beider Konzepte stellte ich mir als mitreißenden Film vor.“

Spielberg stimmt ihm zu. „Als J. J. mir vorschlug, die Super-8-Filmer mit einem groß angelegten Science-Fiction-Event zu kombinieren, fand ich das richtig spannend, denn plötzlich taucht etwas in ihrem Film auf, das ein Geheimnis birgt und die Stadt in eine Krise stürzt“, sagt er. „Mir war klar, dass es dabei nicht nur um die Kultur des Filmemachens in den 70er-Jahren geht, sondern auch um die Folgen.“

Als Abrams’ Ideen für SUPER 8 langsam Form annahmen, schälten sich zwei abstrakte Ideen als Dreh- und Angelpunkte für die Produktion heraus. Die erste Idee nennt Abrams die „Mystery-Box“: Gemeint ist damit, dass Menschen stets von unsichtbaren Geheimnissen fasziniert sind – der Film muss also so unvorhersehbar sein wie eine ungeöffnete Schachtel, aus der buchstäblich alles Mögliche hervorkommen kann.

Abrams stellt fest, dass es im Zeitalter der per Mausklick verbreiteten Informationen ein Fulltime-Job sein kann, die Zuschauer wirklich im Ungewissen zu lassen, bis der Film anläuft. Aber das hält ihn nicht davon ab, dem Publikum einen echten Thrill zu bieten. „Wenn es uns gelingt, etwas Originelles zu schaffen und vorab nichts davon zu verraten, ist das Filmerlebnis viel intensiver“, sagt er.

Das zweite Konzept war ihm ebenso wichtig: Er will in SUPER 8 zeigen, wie Super-8-Filme damals gemacht wurden – mit der Hand und mit viel Fantasie. „Ich erinnere mich nicht nur an meine eigene Jugend – auch die Macharten von damals und heute sind durchaus zu vergleichen“, sagt er. „Wir zeigen, wie Geschichten erzählt werden, wie man eine Illusion schafft, die echt wirkt, wie man die Zuschauer gruselt und zum Lachen bringt – sie sollen etwas empfinden. In dieser Hinsicht hat sich für uns seit damals gar nichts geändert.“

Spielberg war begeistert von Abrams’ Ideen: „J. J. gelingt es wirklich, die Kluft zwischen den Generationen zu überbrücken. Er schätzt die Filme der damaligen Machart, kombiniert das aber mit den technischen Möglichkeiten, mit denen die Filme heute gemacht werden und die beim jetzigen Publikum ankommen. Er weiß genau, was die Kids von heute interessiert, kann der jüngsten Generation ebenso etwas bieten wie meiner. Ich halte ihn ganz einfach für einen der besten Filmgeschichtenerzähler unserer Zeit – in all seinen Filmen zeigt er ein ungewöhnliches Gespür für Kamerabilder, Ausleuchtung, Bildkompositionen und Erzählstrukturen.“

Spielberg weiter: „Mit SUPER 8 stellt J. J. einen Film vor, der nostalgisch wirkt und doch völlig originell ist. Auf wunderbare Weise verbindet er die Science-Fiction-Story mit der mitreißenden Dynamik von Jugendlichen, die ganz im Heute zu Hause sind, sich aber dennoch wie die Kids aller früheren Epochen verhalten.“

Abrams war von Spielbergs engagierter Mitwirkung schwer beeindruckt: „Ich konnte es gar nicht fassen, wie viel Arbeit Steven in diesen Film investierte, denn er hat derart viel zu tun, dass er eigentlich doch gar keine Zeit dafür hatte. Dennoch hat er stundenlang mit der Überarbeitung des Skripts und später im Schneideraum verbracht“, erinnert er sich. „Ich erlebte das als ganz surreal. Denn ich empfand es nicht nur als Auszeichnung, mit ihm arbeiten zu dürfen – zusätzlich geht es auch noch um einen Film über eine Zeit, die für unsere beiden Biografien von entscheidender Bedeutung war.“

Fotos: Paramount Pictures Germany GmbH