Mittwoch, 05. Oktober 2011, 21:45 Uhr

"Das Pop" aus Belgien: Schamlose, schräge Retro-Popmusik

Köln. Nach drei Alben veröffentlichen “Das Pop” aus dem belgischen Gent nun ihr viertes Studioalbum. Schon jetzt hat sich das neue Werk “The Game” seinen rechtmäßigen Platz im Pophimmel verdient. Der Berliner Journalist Richard Cameron feiert im folgenden seine Begegnungen mit einer der originellsten Bands unserer Tage.

Als ich “Das Pop” 2000 zum ersten Mal traf, hatten sie gerade ihr Debütalbum I Love veröffentlicht. Von Beginn an war unschwer zu erkennen, dass diese Jugendlichen – ‚Mann-Kinder, die aus dem Nichts zu kommen schienen – wie dafür gemacht waren, ein Leben im Scheinwerferlicht zu führen. Sowohl von Presse als auch von Kollegen bejubelt wurden sie als eines der spannendsten Dinge, die seit langer Zeit aus einem holländischsprachigen Land überhaupt hätten kommen können, betrachtet. Ich für meinen Teil war sicher seit den späten 1980er Jahren und der Entdeckung von Urban Dance Squad nicht mehr so begeistert von einer Band ‚aus meiner Ecke’. Während ich aber nicht glaube, das UDS jemals ein Album eingespielt hat, das ihrem Ruf als Live-Band gerecht worden wäre, scheint “Das Pop” auch in dieser Beziehung außergewöhnlich zu sein: Das Aussehen, die Logos, die Live-Shows, die Lieder, das ganze Album und selbstverständlich ein Bandname, der es genau auf den Punkt bringt.

Bent van Looy, Reinhard van Bergen und Niek Meul waren 16 Jahre alt, als sie sich in einer Waldorfschule in ihrer belgischen Heimat Gent kennenlernten. Eines Tages begannen sie Musik zu machen und hörten schlichtweg nicht mehr damit auf. Nicht nur, dass sie ein schier unendliches Talent besaßen, sie verfügten auch über das ganz gewisse Etwas, das eine gute Band zu einer großartigen Band macht. Nach drei Alben, die bereits zu Klassikern wurden (I Love, The Human Thing und Das Pop), hat sich Das Pops vierte und jüngste Veröffentlichung, The Game, ebenfalls schon seinen rechtmäßigen Platz im Pophimmel verdient.

Es liegt alles im Namen begründet. “Das Pop” kann rocken, macht aber keine Rockmusik. Sie entwerfen schamlosen ‚weißen’ Powerpop voller geschmeidiger Anlehnungen an die großen Bands der 1960er, an bekannte Songwriter aus den 1970ern und an die New-Wave-Bewegung der 1980er Jahre – und doch hört sich ihre Musik nicht im Geringsten nach Retrokompositionen an. Sie kombinieren Altes mit Neuem auf eine Art und Weise wie es nur für eine Band Sinn macht, die sich gerade mal ein paar Barhocker entfernt vom Samplechaos von 2manyDJs entwickelt hat. Dies zeigt auch, das Gent wahrlich eine der interessantesten Musikstädte des 21. Jahrhunderts ist.

Das ‚I ?’ logo, welches das Cover der ersten Platte sowie zahllose enganliegende T-Shirts ziert, hat mir alles was ich über diese Band und ihre Musik wissen musste beigebracht. Es war zugleich ironisch und ikonisch, einfach und doch gewitzt, modisch und doch zeitlos. Lange Zeit dachte ich, ihr Debütalbum sei sehr stark elektronisch beeinflusst, doch mittlerweile habe ich herausgefunden, dass es lediglich durch die sporadische Benutzung eines alten Trommelsynthesizers musikalisch ‚manipuliert’ wurde. Die Basis ihrer Musik ist immer der Song an sich – und die Tatsache, dass dieser von einer richtigen Band gespielt wird. Und so geht es einfach immer weiter, doch die Handschrift ist dieselbe geblieben.

“The Game” wurde nach einer erzwungenen fünfjährigen Pause aufgenommen. Aufgrund des ‚üblichen plattenfirmenbedingten Mists’, wurde ihr drittes Album “Das Pop”, welches bereits 2004 eingespielt und von Soulwax produziert wurde, erst 2009 veröffentlicht. Während sie so mit ihrem unveröffentlichten Meisterstück in der Tasche umherwanderten, zog es Bent nach Paris um in die Welt der Mode und Kunst einzutauchen, Niek siedelte sich in Stockholm an um ein Studio zu eröffnen und Reinhard blieb einfach in Gent und produzierte dort Platten, wie beispielsweise das hoch gelobte Goose-Debüt.

Freilich hatte keiner von ihnen erwartet, dass es so lange dauern würde, bis die Nachfolgeplatte eingespielt wird. Als sie sich im November 2009 in Niek’s Studio trafen war es als ob der Korken einer Flasche Champagner, die seit einem halben Jahrzehnt geschüttelt wurde, knallt. Aus dem Nichts heraus und zum ersten Mal in Eigenproduktion nahmen sie im Rahmen vier dreitägiger Sessions einen Song pro Tag auf. Danach flogen sie nach New York um die Ergebnisse gemeinsam mit dem legendären Techniker von Stax und Ardent, Terry Manning, zu verfeinern, bevor in dessen Treehouse, nicht weit von seinen berühmten Compass Point Studios auf den Bahamas, alles gemixt wurde. Der Korken ‚poppte’ einfach immer weiter.

Obwohl The Game innerhalb von zwei Wochen aufgenommen wurde, klingt die Platte unglaublich dicht und reichhaltig; unter anderem weil Das Pop während der fünf Jahre des Wartens zahllose Shows gespielt hatten. Eine ganze Zeit lang hatten sie als Trio mit Bent an Mikrophon und Schlagzeug – in bester Tradition von Karen Carpenter, Fleetwood Mac und Dave Grohl – gespielt. Ich kann bezeugen, dass Bent diesen historischen Vorbildern um nichts nachsteht. Doch letztendlich, nach mittlerweile 16 Jahren, entschlossen sie sich, ein weiteres Bandmitglied aufzunehmen: den neuseeländischen Schlagzeuger Matt Eccles. Gemeinsam spielten sie zum Release des Albums Das Pop 2009 über 200 Gigs weltweit. The Game ist ihr erstes Studioalbum als Quartett.

Ich könnte nun einfach beginnen, ganz detailliert jeden Song auf The Game zu beschreiben. Aber wie es so schön heißt, über Musik zu schreiben ist wie über Architektur zu tanzen. Auch wenn über die Jahre eine Menge großartiger Autoren und Tänzer diesen Satz ad absurdum geführt haben, ist es mir dennoch lieber, dass der jeweilige Hörer sich seine persönlichen kleinen Covertexte für diese Lieder schreibt. Ich kann nur sagen, sie sind alle großartig!

Ok, ich kann es mir nicht verkneifen, mich doch noch ein wenig in einer Ode an den Pop von “Das Pop” zu ergehen. The Thunder ist mein persönlicher Favorit, aber ich stehe ohnehin auf Balladen, und zum Glück für Schlagzeuger Matt ist es auch die Einzige auf der Platte… Girl Wolf ist ein furchterregend-toller Werwolf-Song und könnte (in einer perfekten Welt) der absolute Radiohit sein… Yesterday besticht durch den mutigen Saxophoneinsatz… Wronging the Rights und Gold passen perfekt in die sogenannte ‚Neo-Softrock’-Schiene über die momentan jeder in Berlin spricht… Skip the Rope kommt mit einem Joan Jet Schlagzeugpart, gespielt auf einem 1980er Simmons-Schlagzeug. Stark!…. Flowers in the Dirt berührt mich sehr, obwohl ich den Text nicht einmal richtig verstehe – das ist einfach die Magie des Pop… Und als ob das nicht genug wäre, ist I Me Mine das prägnanteste Lied seit McCartney’s Coming Up… Unterdessen klingt The Game eigentlich sogar mehr nach Das Pop als Das Pop selbst… Und eines muss noch gesagt werden: A Kiss is Not a Crime, jedenfalls nicht für die Billionen Mädels (und Jungs) die für einen (Kuss) von Das Pop sterben würden… Alles was ich noch zu Fair Weather Friends loswerden möchte ist Folgendes: Ich bin sicher, Das Pop wird immer genügend gute Freunde haben, um schlechte Zeiten gut zu überstehen (aber irgendwie vermute ich, die werden sie in absehbarer Zeit auch gar nicht brauchen…)…

Last but not least, würde ich mich gerne persönlich und von Herzen bei Euch bedanken: Ihr seid der lebende Beweis dafür, dass es möglich ist genial zu sein, ohne Arschloch zu sein. Bleibt Euch treu und bleibt dabei, auf das es noch viele weitere phantastische Alben von Euch gibt!

Eine dicke Umarmung und einen Kuss auf die Wange von eurem ‘Allwetter-Freund’, Richard Cameron

Fotos: Jimmy Kets/EMI Belgium