Freitag, 21. Oktober 2011, 16:55 Uhr

Wie geil ist das denn? "Atomic" mit ihrem neuen Album "Heartbeater"

Berlin. Was hat sich nicht alles getan in den vergangenen zehn Jahren! Noch nie war die Musikbranche derartig im Umbruch, nie zuvor war die Musikwelt so schnelllebig wie heute. Wie passt es da ins Bild, dass eine Band wie Atomic seit über einem Jahrzehnt konsequent gegen alle Regeln des Geschäfts verstoßen, aber immer noch da sind? Den Unterschied machen zwei Brüder, die noch immer ihren ganz großen Rock’n Roll-Traum leben.

Die Geschichte von den Zwillingen aus dem Bayerischen Wald wurde schon oft erzählt, deshalb nur so viel: Leicht hatten es Thomas und Rainer Marschel nie. Aber sie haben härter gearbeitet als irgendwer sonst und haben aus dem Nichts eine nun schon über zehn Jahre andauernde Erfolgsstory gestartet.

Der Sound von Atomic war im abgelaufenen Jahrzehnt so oft ‘in’ und wieder ‘out’, dass man ihn getrost zeitlos nennen kann. Wen interessieren schon Trends! Für eine gute Rock’n Roll-Platte ist schließlich immer die richtige Zeit.

Eigentlich ‘out’ und furchtbar unmodern hingegen ist ja die Liebe zum guten, alten Langspieler. „Heartbeater“ aber ist keine lieblose Sammlung einzelner Songs, sondern ein echtes Album! Man hört, dass sich da jemand Gedanken gemacht hat über Reihenfolge, die Übergänge, über das große Ganze eben.

Aber nicht nur das gesamte Album (erscheint am 18. Oktober) kann überzeugen, auch die einzelnen Songs sind eine Wucht.

Der treibende Opener „Aphrodite“ gibt die Richtung vor, für das folgende „Heartbeater“ würden die Noren-Brüder ihre Mutter verkaufen – So gut waren Mando Diao und Sugarplum Fairy nie! Vergleiche mit schwedischen oder britischen Kapellen verbieten sich aber.

Die gemeinsamen Referenzen sind die Beatles, die Stones und vor allem die Kinks. Klar, mit der Liebe zu Oasis und der Faszination für die Gallaghers hat bei Atomic alles einmal angefangen.

Die Gebrüder Ray und Dave Davies haben ihnen aber schon längst den Rang als All-Time Favourites und musikalischer Fixstern abgelaufen. Gitarren dominieren, überhaupt ist der Sound von Atomic eine Spur rauer geworden als auf den Vorgängern, aber ohne an Vielfalt und Ideenreichtum einzubüßen. „Come Closer“ und „Lady Sun“ sind energiegeladene Ohrwürmer mit messerscharfen Gitarrenriffs, „Black Angels“ und „Shadow Dancer“ eine Reminiszenz an die großen Britpop-Hymnen der 90er.

Und mit „Sunshine Bliss“ enthält das Album sogar noch einen veritablen (Spät-)Sommerhit. Mehr geht nicht, für Füllmaterial und künstliches Aufbauschen des Albums haben Atomic nichts übrig. Einen kleinen Spaß gönnen sie sich aber dann doch. Der geduldige Hörer wird nämlich nach dem schönen Schlusstitel „Don’t Rip It Up“ mit einem Hidden-Track belohnt, der wieder als Hommage an die späten Beatles verstanden werden darf. Ein Hidden Track. Im mp3-Zeitalter! Das ist wieder so konsequent fortschrittsverachtend, dass man nur den Hut ziehen kann. Sollen die mp3-Kids mal zusehen, wie sie den letzten Track in zwei mp3s zerschnipseln!

Im Laufe der Jahre haben Atomic auf ihrem Weg viele Freundschaften geschlossen. Eine besondere Beziehung pflegen die Marschel-Brüder zu Thees Uhlmann. Die Einladung, bei „Black Angels“ die Background Vocals beizusteuern, hat dieser natürlich gerne angenommen. Bei „Don’t Rip It Up“ ist außerdem die wunderbare Diane Weigmann zu hören.

„Heartbeater“ ist keine Platte für mp3-Piraten. Auch nicht für Britpop-Nostalgiker, die immer noch auf ein nächstes „Definitely Maybe“ warten. Das neue Atomic-Album ist für Menschen, die ehrliche, unverfälschte Gitarrenmusik lieben. Die keinen Trends hinterherjagen, sondern lieber ein gutes Album in Dauerrotation hören, als jeden Tag mehr aus dem Netz zu laden als man jemals anhören kann. Atomic schreiben Songs für Menschen, die Musik lieben – so wie sie selbst eben.

Das ist nicht altmodisch, sondern ziemlich großartig!