Montag, 26. Dezember 2011, 21:17 Uhr

5 Minuten mit Paul Hille: "Ich sehe mir alle Filme freiwillig an"

Berlin. Paul Hille ist der Neuzugang in der Redaktion. Als Gastkritiker geht er ins Kino und verrät unseren Lesern zumeist vorab seine geistigen Ergüsse zu den neuesten Produktionen. Als Scharfrichter widmet er sich gelegentlich aber auch den Ereignissen in der Promiwelt, lehrt uns in diesem schnelllebigen Geschäft viel leicht doch noch Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

klatsch-tratsch.de plauderte mit Hille übers Kino und sein erstes Buch.

Herr Hille, Sie gehen ja gerne ins Kino. Was ist im Kino anders als Zuhause vor der Flimmerkiste?
Also zunächst mal meine Mutter sitzt schon mal nicht neben mir… nein, Spaß beiseite. Wenn ich ins Kino gehe, zelebriere ich es. Nach Möglichkeit lese ich vorher ein paar Zeilen zum Film und stimme mich darauf ein.
Die Flimmerkiste ist sehr privat, ich kann auf Pause schalten, rausgehen, etwas anderes tun, jederzeit um- oder ausschalten.

Als Filmkritiker gehen Sie ja selten freiwillig ins Kino. Welche Filme sehen sie sich freiwillig an?
Ich bin Cineast. Ich sehe mir alle Filme freiwillig an. Das haben zumindest die Schauspieler meistens verdient. Selbstverständlich gehe ich manchmal auch ganz bewußt mit meiner Voreingenommenheit zu einem Thema in einen Film und hoffe, dass sie nicht bestätigt und zerstreut wird. Schafft der Film das nicht, bekommt er seine Quittung. So ist das eben.

Was Filme betrifft sind sie ja familiär vorbelastet. Der Vater Fernsehschauspieler, der Ziehvater ein bekannter ARD-Kommissar mit eigener Krimireihe. Können Sie sich da eigentlich fallen lassen beim Filmegucken, oder sehen Sie alles aus der Sicht des – sagen wir mal – Insiders?
Ich versuche Beides. Als Kritiker gehe ich nicht von vornherein in einen Film, um ihn zu zerreißen. Ich wäre ein sehr schlechter Kritiker, wenn ich keine Emotionen zuließe, denn dafür wird Kino doch gemacht. Ich gehe schon mit dem Wunsch in eine Vorstellung, mich fallen lassen zu können. Und wenn es so ist, ja, dann weine ich eben auch. Und wenn ein Film das schafft, ohne die Klischeetube auszuquetschen, ist das schon sehr viel.
Nichts desto trotz sehe ich gerne Feinheiten, genauso wie grobe Fahrlässigkeiten. Das ist ein Stück Übungssache. Dramaturgisches und Technisches mit Gefühl und sachlichem Blick zu hinterfragen muss kein Spagat sein.

Sie waren ja mal ein professioneller Clown! Wie sind sie denn dazu gekommen?
Das kann ich auf die Schnelle nicht mit einem Satz beantworten. “Ich war jung, wild, verrückt und hatte keine Lust zum Arbeiten” wäre eine spontane Antwort, die aber einer Erklärung bedürfte, denn es war mehr Arbeit als ich dachte. Ich denke, es war familiär bedingt. Mein Großvater wurstelte sich auch als Akrobat durchs Varieté-Leben, bis er dann Maler und Grafiker wurde und Bücher schrieb. Es ist aber ein Trugschluß zu glauben, dass allem Humor die Ernsthaftigkeit vorangestellt wird und das Clowns ernste und eigentlich traurige Menschen sein. Blödsinn. Natürlich bin ich das alles auch: ernst und manchmal traurig. Aber Clown bin ich geworden, weil ich schrecklich gern Spaß habe und verbreite und eine Möglichkeit suchte, dies ausleben zu können. Da haben auch viele Zufälle mitgeholfen. Letztendlich war ich kein außerordentlich guter Clown, und jetzt dürfen Sie lachen: die Ernsthaftigkeit kam mir dazwischen. Mir lag eine andere Art von Clownerie, die in der DDR, beim Staatszirkus nicht so rechten Anklang fand.

Sie schreiben gerade an ihrem ersten Buch “An Herzversagen stirbt man nicht”, das im Frühjahr rauskommen soll. Worum geht es da?
In dem Buch geht es mir darum, meiner Tochter Elisa Lilly von meinem Leben zu erzählen, bevor ich alles vergesse. Ich war sehr umtriebig und mit meinen Berufen begab ich mich immer in die Extreme. Mein erstes Studium absolvierte ich, wie erwähnt, an der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik. Danach studierte ich an der Universität der Künste Visuelle Kommunikation, brach aber nach dem Vordiplom ab. Zuletzt legte ich mein Staatsexamen an der Schule für medizinische Sektions- und Präparationsassistenten ab. Dazwischen arbeitete ich in ganz anderen Berufen. Mein letzter Job verlangt meine Anwesenheit in der Pathologie. Damit hatte ich wohl den Nerv der Zeit getroffen und die Geschichten aus ihr, die Aufmerksamkeit eines Verlages erregt. Es geht kurzum um meinen Weg von dort nach hier, um den Umgang mit Toten, dem ganzen Leben dazwischen und meine Auseinandersetzung damit.

Welche Filme haben Sie in ihrem Leben am meisten beeindruckt?
Ich glaube, es waren immer subtile Filme. Mit vierzehn sah ich im Fernsehen die ersten Filme von Bunuel, Truffaut und Godart. Noch gar nicht bewußt, beeindruckte mich aber ihre Filmsprache schon da. Ich war sehr begeistert vom Kabinettstück „Der Totmacher“. Mit ganz wenig so viel bewirken, Hut ab Frau Mütze. Ich kann mich aber auch durchaus für großes Kino wie „Star Wars“ begeistern, also für Blockbuster und Mainstream. Wo soll ich anfangen? „Der Pianist“, „Shortbus“, „Drachenläufer“, „Erbsen auf halb sechs“, „Hard Candy“, „Cashback“, „Heaven“… Und ist es ganz teuer und aufwendig produzierter Mist, dann beeindruckt er mich eben genau damit, mit großartigem Mist.

Die Jugend von Heute läßt sich ja zumeist nur noch von Horror-und Splatterfilmen beeindrucken. Was sollte man dagegensetzen?
Ist das wirklich so? Ich halte dagegen. Meine Tochter wird jetzt vierzehn und ist der Twilight-Saga hinterher. Meine Nichte Emmy wird fünfzehn und hat sich gerade die „Oceans 11“-Reihe angesehen. Liegt ’s vielleicht daran, dass sie mit mir verwandt sind?

Fotos: Konrad Wolff