Freitag, 30. Dezember 2011, 13:19 Uhr

Heesters: Der Operettenkönig wurde zu Grabe getragen

München. Für den an Heiligabend verstorbenen Johannes Heesters und den Medien der Springer-Presse zum “Jahrhundertkünstler” hochgejubelten Operettensänger fand heute morgen um 11 Uhr auf dem Münchner Nordfriedhof die private Trauerfeier mit ca. 200 Gästen statt. Neben seiner 62-jährigen Witwe Simone Rethel, erwiesen auch Heesters älteste Tochter Wiesje Herold-Heesters (80) und zahlreiche Prominente die letzte Ehre.

Der weiße Eichensarg in der Aussegnungshalle war mit einem riesigen Rosenkranz bedeckt, flankiert von Kränzen der Angehörigen sowie einem Foto der Hände des im Alter von 108 Jahren Verstorbenen.

Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle hielt eine Rede auf ‘Jopie’ und sagte: “Wir alle schätzen uns glücklich, dass er uns so lange an seiner Kunst teilhaben ließ. Seine Paraderollen, seine Melodien, seine Stimme und sein Lächeln: All dies werden wir nicht vergessen.”

Liest man Heesters Liste der Filme und Bühnenstücke, in denen er mitwirkte, wird man feststellen, dass sie recht lang ist. Und die Liste seiner Preise und Ehrungen steht dieser in keinem nach. Da hat er wohl die Preise für sein Lebenswerk verdient. Hat er? Was denn war sein Lebenswerk, wodurch zeichnete es sich aus?

Die Operette ist ein schwieriges Genre, etwas für ganz spezielle Freunde der ganz speziellen Form der Unterhaltung. Es gibt es große Werke, und in beinahe allen spielte Heesters mit. Wenn es um Begrifflichkeit geht, so sind Heesters und Operette unzertrennlich miteinander verknüpft. Mit großem Charme spielte und sang er sich in die Herzen des Vorkriegs, Kriegs-, und Nachkriegs-Deutschlands. Unbenommen. Aber Charme allein genügt nicht. Oder doch?

Die Operette hatte ihre ganz große Hoch-Zeit und die Betonung liegt auf „hatte“ noch bis in die Nachkriegszeit. Grob betrachtet umrissen die Möglichkeiten der Zerstreuung damals das Kino, und das Theater – inbegriffen die Oper und die Operette – das war’s.

Die Operette ist ein Opfer der Beliebigkeit der mannigfaltigen und schnelllebigen Unterhaltungsmöglichkeiten von heute geworden. Leider. Aber sicher kommt die Operette wieder, ganz groß, und mit ihr vielleicht auch die neuen „Heesters“. Nur jetzt ist die Operette zwar auch da, aber ganz klein.

Und so will man den Wirbel nicht verstehen, der um Heesters gemacht wurde. Bezöge er sich allein auf die Liste seiner Rollen, dann bitte. Die ihn liebende Generation ist fast gänzlich verschwunden, die ihn noch kennen kräftig ausgedünnt.

Johannes Heesters hätte bei den Jüngeren heute keine Chance mehr. Singen und Tanzen, das gehört inzwischen zum Einmaleins einer jeden, auch noch so kleinen Schauspielschule. Auch wenn jeder das singende und tanzende Fach heute im Schauspielberuf drauf haben muss, ist noch lange nicht jeder, der einen Abschluss an solch einer Schule machte auch ein guter Sänger oder Tänzer. Der Anspruch speziell darauf wird ja auch gar nicht erhoben. Heesters selbst aber bezeichnete sich als singenden und tanzenden Schauspieler.

 

Mit den Maßstäben von heute gemessen wäre Heesters aber nur der König des Mittelmaßes geworden. Hier kommt man aber in einen Teufelskreis, denn was sind denn auch schon die Maßstäbe von heute? Wenn es Leute wie Bohlen oder Soost sind, die die Messlatte dafür legen dürfen – gute Nacht! Und leider sind es sie und Konsorten, die mit flachem Niveau die Unterhaltungslandschaft verderben (dürfen!). Hoch lebe die Quote.

Gemein betrachtet zeichnete sich Heesters Lebenswerk doch am Ende nur dadurch aus, dass er es soooooo lange betrieben hatte, bis es seine Darstellungsform längst überlebte. Sein Lebenswerk huldigt das Werk dessen, was er liebte – sich selbst in seinen Rollen. Sein Engagement galt nur sich selbst.

Hoch-, ja, ganz hoch anzurechnen ist die Wahnsinns-Leistung, bis in dieses hohe Alter Texte zu beherrschen. Aber musste uns diese Leistung wirklich bis zum letzten Tag „vorgeführt“ werden? Wo waren jene Berater und gute Freunde, als die Grenze des ästhetisch Geschmackvollen überschritten wurde? Wenn ein Heesters auf die Bühne geht und sich positioniert, und das sahen wir sehr gerne, ist das immer noch etwas anderes, als wenn er – inzwischen längst erblindet – auf die Bühne gestellt wird. Viel wurde da hinter vorgehaltener Hand getuschelt. “Peinlich” und “Muß das denn denn noch sein”. Fremdschämen nennt man das inzwischen.

Johannes Heesters ist als als großer Künstler der leichten Muse von uns gegangen. Nicht als gefeierter Charakterdarsteller. (Paul Hille)

Fotos: wenn.com