Sonntag, 05. Februar 2012, 19:39 Uhr

Conchita Wurst: Hier spricht der Harald Glööckler der Popmusik

Wien. Conchita Wurst gilt als heiße Anwärterin, um unser Nachbarland Österreich beim diesjährigen “Eurovision Song Contest” in Baku zu vertreten. Selten war das nationale und internationale Interesse an einer Teilnehmerin so groß.

Die extravagante Künstlerin wurde als Tom Neuwirth am 6. November 1988 im oberösterreichischen Gmunden geboren und ist bei unseren Nachbarn schon längst keine Unbekannte mehr. 2006 wurde der damals 18jährige Tom Neuwirth Zweiter in der österreichischen Castingshow “Starmania” und 2011 erregte er erstmals große Aufmerksamkeit mit seinem Alter Ego “Conchita Wurst” in der ORF-Talentshow “Die große Chance”.

Am 24. Februar 2012 wird Conchita Wurst – gemeinsam mit neun anderen Acts – um das begehrte österreichische Ticket nach Baku singen. Das geht’s um die Wurst!

Conchita, gewissermaßen der Harald Glööckler der österreichischen Popmusik, sprach mit klatsch-tratsch.de.

Warum steht Tom Neuwirth nun als Conchita auf der Bühne?
Meine Lieben! Leider kenne ich diesen jungen Mann nicht. Die österreichische Presse stellt ständig vergleiche mit ihm an, aber bis dato hat er sich bei mir noch nicht vorgestellt…

Als Tom Neuwirth hast du weit weniger polarisiert. Wir konnten (auf Facebook) eine sehr kleine, aber dennoch vorhandene Anti-Conchita-Wurst-Bewegung ausmachen, die dagegen ist, dass du dein Land in Baku vertrittst. Was sagst du dazu? Verletzt dich das?
Oh nein, ganz und gar nicht: Jeder darf seine Meinung kund tun. Mir ist klar, dass mich nicht jeder mag. Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass die mitteleuropäischen Frauen keinen Barg tragen. In meiner Familie in Columbien ist das ganz normal. Da tragen alle Frauen Fell im Gesicht.

Wir haben in Deutschland einen sehr erfolgreichen Modeschöpfer, Harald Glööckler, dem du zumindest barttechnisch irgendwie ähnelst. Was glaubst du, macht jemanden erfolgreich?
Die Liebe zu sich selbst und der Mut sich so zu präsentieren, wie man eben sein und leben möchte. Ich denke, dass wir alle mehr Toleranz in die Welt hinaustragen sollten. Wobei man natürlich zunächst mal bei sich selbst anfangen muss. Erfolg ist für mich sehr an inneres Gleichgewicht und Wohlbefinden gebunden.

“That’s What I Am”, jener Song, mit dem du am 24. Februar dein Ticket nach Baku lösen möchtest, klingt wie eine Hymne. Und nicht nur, weil er auf dem Dancefloor der Knaller ist, sondern auch weil er eine Botschaft hat… Vorurteile abzubauen – richtig?
Genau so ist es! Ich versuche wirklich täglich für Toleranz zu kämpfen und setze mich aktiv gegen Vorurteile ein. Dabei ist es wichtig das ‚anerzogene‘ Schubladen-Denken abzuschalten.
Auch ich habe ab und zu vorgefertigte Meinungen. Das ist auch in Ordnung, solange man sich und seine Meinung reflektiert und diese Schubladen-Kategorisierung überwindet.

Uns erinnert der Song irgendwie an die Gay-Hymne “I Am What I Am” von Gloria Gaynor. Was gibt es zur Entstehungsgeschichte des Songs zu sagen?
Ich liebe dieses Lied, weil es mir auf den Leib geschneidert wurde und genau der Message beinhaltet, die ich mir gewünscht habe. Es war sehr aufregend für mich, Teil des Produktionsprozesses sein und gemeinsam mit einem professionellen Team arbeiten zu dürfen. Geschrieben habe ich den Song mit dem in Österreich sehr erfolgreichen Produzentenkollektiv „Echopilot“. Die Chemie im Studio hat sofort gestimmt. In einer sehr kreativen und respektvollen Atmosphäre ist binnen weniger Tage „That’s What I Am“ entstanden. Ein Song, der zu 100% Conchita Wurst ist und auf den ich sehr stolz bin.

Wer sind deine großen musikalischen Vorbilder?
Ganz klar: Celine Dion, weil die Frau einen Stimmumfang hat, den man sich nur wünschen kann, ein Vollprofi ist und als Gesamterscheinung beeindruckend. Beyoncé, weil sie sehr talentiert ist und obendrein eine unglaublich gute Tänzerin ist. Sie berührt mich immer wieder aufs Neue. Lady Gaga, of course, die lieben wir doch alle! Außerdem: Tina Turner, Prince, Queen… und viele viele mehr. Ich hol‘ mir von überall Inspiration.

Wie groß siehst du deine Chance, in Baku dabei sein zu dürfen? Und was würde das für dich bedeuten?
Das ist natürlich ein großer Traum von mir und es würde mir sehr viel bedeuten in Baku dabei sein zu dürfen. Schon als kleines Mädchen wollte ich Sängerin werden und auf den so genannten Brettern stehen, die die Welt bedeuten. Ich liebe es, mich in Szene zu setzen und vor Publikum aufzutreten. Je mehr, desto besser! JIch enstamme einer Künstlerfamilie – meine Eltern sind beide am Theater. Meine Affinität zur Selbstdarstellung wurde sozusagen in die Wiege gelegt.
Übrigens, eine kleine Info am Rande: 1988 hat Celine Dion für die Schweiz den Song Contest gewonnen. Das Jahr, in dem ich geborgen wurde. Ob das mal nicht ein Zeichen ist?

Weißt du schon, was du in Baku tragen wirst – wenn dich Österreich dort sehen will?
Noch habe ich nicht den leisesten Hauch einer Ahnung.

Wie wichtig sind für dich Äußerlichkeiten?
Das ist eine schwere Frage. Wenn man mich sieht, dann mag man vielleicht annehmen, dass ich oberflächlich bin. Ich schminke mich einfach gerne und ziehe mir schöne Klamotten an, weil es mir Spaß macht. Diese Frage in aller Ausführlichkeit zu beantworten würde stundenlang dauern. Auf den Punkt gebracht kann ich zusammenfassend sagen: Aussehen ist nicht wichtig, denn der Mensch zählt. Viel wichtiger als die Optik ist der Charakter.

Was ist deine Message? Was ist dir wichtig im Leben?
TOLERANZ und AKZEPTANZ ohne Kompromisse, wie eingangs schon gesagt. Man muss nicht alles und jeden toll finden, aber man sollte sich die Zeit nehmen, über gewisse Dinge nachzudenken und sie nicht einfach hinzunehmen.

Gibt es für deutsche Fans die Möglichkeit, zum Vorentscheid für dich zu stimmen? Wenn ja: verrate uns, wie!
Ja, die gibt es, liebe Fans aus Deutschland! Kommt am 24. Februar (oder schon früher) alle nach Österreich und ruft für mich an. So, jetzt hab ich auch gleich noch den Tourismus angekurbelt. Falls ihr selbst nicht kommen könnt, dann mobilisiert all eure österreichischen Freunde und Bekannte für mich anzurufen. Dat wär doch mal was, ne?

Fotos: SonyMusic Austria/Saskia Etschmaier (3), ORF