Donnerstag, 23. Februar 2012, 18:53 Uhr

"Shame" mit Michael Fassbender: Der etwas andere Liebesfilm

Berlin. Shame wird am 1. März in die deutschen Kinos kommen. Mit Michael Fassbender und Carey Mulligan sind zwei Gesichter auf der Leinwand, denen wir hoffentlich noch oft begegnen. Shame: Scham, Schande, Schmach, Beschämung, Unwürdigkeit. Ja, all das finden wir in diesem großartigen Film von Steve McQueen. Und vorweg: Ja, es ist ein Liebesfilm. Es ist ein anderer Liebesfilm!

Lassen Sie uns den Rasen dieses Mannes betreten, dieses leeren Mannes, um den es geht. Die Eingangssequenz des Filmes nimmt sich Zeit, kommt ohne Worte und erreicht, dass sie in einem wirkt. Ja, der Rasen des Protagonisten scheint saftig und grün zu sein. Aber ganz schnell wird dem Zuschauer klar, dass dieser Rasen auf dem Morast der Unfähigkeit des Filmhelden gewachsen ist. Michael Fassbender sieht smart aus, hat eine tolle Wohnung mitten in New York, ist erfolgreich und kann beinahe jede Frau haben, die er will.

Und doch: all das, was er zu haben scheint und zu bekommen vermag, ist nichts wert, hat keine Bedeutung, erreicht ihn nicht.

Unfähig, auch das geringste Maß an sozialer Bindung und Bindungen im Allgemeinen zuzulassen, ergibt er sich in One-Night-Stands und Masturbation ohne Limit. Ob unter Dusche, am Laptop, oder der Firmentoilette. Pornografie selbst auf seinem Firmenrechner. Seine Gier kennt kein Ende. Immer auf der Suche nach dem nächsten Lustkick, nach dem Sekundenbrennen unter Haut, nach hoffentlich erschöpfendem Liebesersatz, soll dies letztendlich nur eines bewirken: die Flucht aus der Routine, das Ersticken der schönen Melodie von vorhandener Zeit, das Verhindern von Denken. Er bewegt sich im Hamsterrad seiner Sucht. Er ist dazu verurteilt das Tempo zu halten, wenn er nicht eines Tages die Schmierigkeit seiner Figur und diese tödliche Leere in sich reflektiert und schmerzvoll erkennen will. Dieser Tag aber kommt und mit ihm seine Schwester Sissy (Carey Mulligan). Nichts Geringeres hat sie im Gepäck, als die Gemeinsamkeit ihrer ungestillten Liebe und die folgende frenetische Erkenntnis darüber.

Eindrucksvoll und beklemmend wird der Zuschauer gezwungen selbst in seinen Spiegel dieser irrwitzigen Zeit zu schauen. Wenn sich auch nicht jeder mit der Hauptfigur identifizieren kann – und doch wird es viele geben, die dies heimlich tun werden – so wird man sich doch dabei ertappen, wie sehr man auch selbst in den Wassern der schnellebigen Medien mitschwimmt. Das Internet als das dreckige Kreuz, an die sich die Sex- und Konsumindustrie nageln lassen muss.

Michael Fassbender („Inglourious Basterds“, „Hunger“) beseelt diese unbeseelte Figur eindringlich und detailliert, peinlich genau. Wo uns ein geleckter Karrierist erscheint, finden wir aber gleichzeitig einen Mann, der erst in der Selbstdemütigung zu sich findet.

Carey Mulligan („Drive“) schenkt uns in ihrer Rolle als Sissy etwas, was wir alle kennen: „die ewige Suche“ nach Anerkennung, Geborgenheit und Liebe und gerade und erst recht die Liebe zu und von unseren eigenen Verwandten.

Der Film tanzt eine gewagte Polka in Moll durch den Kopf und man wünscht ihm, dort wo er schwingt, sanft aber deutlich anzuecken.
Ein Film, der bewegt, der sich einer alten Thematik in neuem Raum widmet. Ungekünstelt, unaufdringlich, ganz leise gewaltvoll. Bitte mehr davon.
Sehen Sie das auch so? Ihr Paul Hille

Fotos: Prokino, Konrad Wolff