Samstag, 25. Februar 2012, 15:25 Uhr

"Die Frau in Schwarz": Daniel Radcliffe wird alle überraschen

Berlin/München. Am 29. März startet “Die Frau in Schwarz” in den deutschen Kinos. Der erste Film von Daniel Radcliffe in der Post-Potter-Ära. Für die Rolle des Protagonisten, Arthur Kipps, suchte Regisseur James Watkins einen jungen Schauspieler, der imstande war, die richtige Mischung aus Trauer und Verletzlichkeit auf der Leinwand zu vermitteln.

Daniel Radcliffe, natürlich bestens bekannt als Titelheld der „Harry Potter“-Blockbuster, war der offensichtliche Kandidat. „Ich traf mich mit Daniel, wir unterhielten uns lange und sahen die Figur auf die gleiche Weise”, erklärt Watkins. „Mit Arthur Kipps kann Daniel einen sehr vielschichtigen Charakter spielen und dabei wesentlich dunklere Bereiche als früher ausloten.”

Jane Goldman hatte ihre Adaption von ‘Die Frau in Schwarz’ lange vor Radcliffes Besetzung entwickelt. „Ich stellte mir Arthur immer sehr jung vor – insbesondere in Anbetracht der Zeitperiode und seiner Stellung in der Gesellschaft.”

„Die Sterne standen sehr günstig, als wir das Drehbuch an Daniel schickten.”, so Produzent Richard Jackson. „Er las es gleich nachdem er es bekommen hatte, auf einem Flug in die USA und als er ausstieg, rief er seine Agenten an und sagte, dass er es machen möchte.”

Radcliffe erkannte seinerseits, dass er die Rolle des jungen Zauberers, mit der er berühmt geworden war, hinter sich lassen musste. „Ich bin auf ´Potter´sehr, sehr stolz. Aber jetzt muss ich den Leuten beweisen, dass ich es mit der Schauspielerei ernst meine. Und das kann ich nur, wenn ich anfange, interessante Projekte auszuwählen.”

Goldmans Drehbuch und das Treffen mit Watkins reichten aus, um den jungen Schauspieler zu überzeugen, dass die Rolle des Arthur Kipps die richtige Herausforderung war. „Er ist ein sehr komplexer Charakter, der gleichzeitig eine tiefe Stille ausstrahlt”, so Radcliffe. „Für mich war er die Chance, eine sehr interessante Figur zu spielen.”

Ebenso reizte Radcliffe die Chance, in einer viktorianischen Geistergeschichte aufzutreten. „Als ich James zum ersten Mal traf, erwähnte er ein Zitat von Kubrick. Demnach haben alle Filme mit einem übernatürlichen Element automatisch eine tröstliche Wirkung. Denn sie gehen davon aus, dass es ein Leben nach dem Tod gibt”, erklärt er. „Wir haben einen Mann, der seine Gattin verloren hat und zu einem Haus reist, wo er den Geist einer toten Frau zu sehen beginnt. Er bleibt dort und versucht sie zu finden, weil er sich versichern möchte, dass seine Frau an einem besseren Ort weilt; das ist sein geheimes Verlangen und sein Instinkt.”

Für Regisseur James Watkins brachte Daniel Radcliffe für die Rolle genau die Art von Reife mit, die er suchte. „Er engagiert sich voll und ganz für seinen Beruf”, so Watkins. „Er hat mir sehr vertraut, und ließ es zu, dass ich ihn bei dieser Rolle in neue schauspielerische Bereiche führe. Ich glaube, er hat ganz neue Aspekte seines Selbsts entdeckt und ausgelotet und sich als Schauspieler weiterentwickelt.”

Der Regisseur glaubt, dass das Publikum von Radcliffes Verwandlung überrascht sein wird: „Daniel erfindet sich damit neu – als erwachsener Schauspieler. Es wird für die Zuschauer atemberaubend sein, den neuen Daniel zu sehen.”

„Ich habe noch keinen Schauspieler gesehen, der sich mit einer solchen Unbedingtheit in seine Rolle hineinstürzt”, so Jane Goldman über Radcliffes Arbeitsethos. „In einer sehr frühen Phase des Projekts trafen wir uns einige Male, um über die Figur zu sprechen und er war ganz darauf versessen, alles dafür zu geben.”

Als Buchautorin Susan Hill hörte, dass Radcliffe in der Rolle des Arthur besetzt worden war, war sie begeistert. „Ich hatte weder die „Harry Potter“-Bücher gelesen noch die Filme gesehen. Aber ich wusste, wer Daniel war – wer hätte das nicht gewusst – und gleich als ich ihn traf, war mir klar, dass er der Richtige war.”

Hill denkt, dass das Publikum von der Reife, mit der Radcliffe den jungen Rechtsanwalt und Vater spielt, überrascht sein wird. „Ich glaube wirklich nicht, dass wir einen Besseren hätten finden können. Daniel meinte in einem Interview, dass dies kein schlichter Spukhorror sei”, fügt sie hinzu.

„Hier geht es um Trauer und Verlust und das Schicksal der Menschen, die das erleiden. Und er hat Recht. Die Geschichte hat einen ernsthaften Zug und er hat ihn eingefangen, weil er ihn verstanden hat.”

Laut Radcliffe ist Arthur Kipps ein Mann der „vom Tod seiner Frau völlig zerstört wurde, so dass es ihm in den letzten vier Jahren beinah unmöglich war, in der Welt der Menschen zu leben. Arthur war nicht imstande, zu anderen Menschen eine Verbindung aufzubauen – insbesondere nicht zu seinem Sohn. Er liebt ihn, aber er war nicht so für ihn da, wie er das hätte sein sollen. Er war bislang nicht imstande, ihm eine glückliche Kindheit zu geben, weil er selbst kein Glück zu empfinden vermag.”

Wie Radcliffe erkannte, ist Kipps’ erste Szene in Jane Goldmans Drehbuch für seinen Geisteszustand besonders symptomatisch: „Wenn wir ihm am Anfang begegnen, dann steht er am Abgrund. Er hat ein scharfes Rasiermesser an seiner Kehle – zwar nur um sich zu rasieren, aber ich dachte mir immer, dass er ganz definitiv mit dem Gedanken an Selbstmord spielte.”

Für Radcliffe lag die besondere Herausforderung der Rolle in der eigentümlichen Stille, die Arthur umgibt: „Es gibt Momente, wo du dir nicht sicher sein sollst, was er denkt. Du weißt, dass es wahrscheinlich keine glücklichen Gedanken sind, aber du kannst nicht genau sagen, woran es liegt und was er in diesen speziellen Momenten durchmacht. Das lässt dem Zuschauer ein bisschen mehr Freiraum für seine Vorstellung, denn er kann hier jede Emotion ergänzen, die Arthur seiner Vermutung nach empfindet. Durch diese Vieldeutigkeit hast du die Möglichkeit, eine Beziehung zu dieser Figur aufzubauen.”

„Er hat sich voll und ganz in diese Rolle hinein vertieft”, so James Watkins über Radcliffes Einsatzbereitschaft. „Wir kamen zu dem Punkt, wo wir nur noch stichwortartig miteinander zu kommunizieren brauchten; so konnte ich ihm selbst die feinsten Änderungswünsche vermitteln. Am Schluss brauchte er gar keine Regieanweisung mehr. Er verstand genau, wer diese Figur war und hat sie regelrecht gelebt.”

Fotos: Concorde