Mittwoch, 13. Juni 2012, 12:32 Uhr

"Das Schwein von Gaza": Der vom Lachen erstickte Wutschrei kommt ins Kino

Der vom Pech verfolgte Fischer Jafaar steht in ‘Das Schwein von Gaza’ stellvertretend für das kleine Volk des Gazastreifens, das im Spannungsfeld zwischen alltäglichen Sorgen des Überlebens, den Zwängen des israelischen Militärs und dem Diktat der islamischen Fundamentalisten lebt.

Mit viel Einfallsreichtum, beißendem Witz und Feingefühl für die brisante Situation schickt der französische Journalist und Schriftsteller Sylvain Estibal in seinem Regiedebüt Jafaar und sein Schwein auf eine ebenso köstliche wie irrwitzige Odyssee durch den Gazastreifen. Entstanden ist erfrischendes Kino aus dem Nahen Osten, das sich mit Intelligenz und Humor dem ebenso schwierigen wie sensiblen Thema nähert und mit einem Stück Hoffnung auf Frieden endet.

Sylvain sagtze dazu: “Zunächst ist es ein vom Lachen erstickter Wutschrei. Es ist der starke Wunsch, Dinge zu ändern. Den beiden Lagern, Israel und Pala?stina, Luft zum Atmen zu geben, sie gar zum Lachen zu bringen und die Situation als absurd zu zeigen, indem man sie gleichzeitig aus einem humanen und grotesken Blickwinkel zeigt. Niemand wird angegriffen, aber es wird auch niemand verschont.”

In den Hauptrollen sind der großartige Komödiant Sasson Gabay, der 2007 den Europäischen Filmpreis als Bester Darsteller für die ‘Do Band von nebenan’ erhielt, und Baya Belal (Die Frau die singt) als seine ruhige, aber resolute Ehefrau zu sehen.

Der Film gewann den französischen Filmpreis ‘César’ 2012 als bester Debütfilm und wird auf dem Filmfest München seine Deutschlandpremiere feiern.

Am 2. August kommt der Film in die deutschen Kinos.

Regisseur Sylvain Estebal fügte hinzu: “Die Idee ist eine Mischung aus verschiedenen Anekdoten und verstreuten Erinnerungen. Zurzeit lebe ich in Uruguay, in Montevideo. Zu bestimmten Zeiten im Jahr kann man dort im Hafen riesige Schiffe beobachten, die den Atlantik überqueren und mit Tausenden von Lämmern für das Opferfest beladen sind. Diese besondere Fracht sorgt für einen intensiven Geruch in der Stadt und beflügelt die Phantasie. Eines Tages habe ich mich selbst dabei überrascht, wie ich mir anstelle der Lämmer Schweine vorstellte. Ich fand das amüsant und habe das Bild nicht vergessen. Ungefähr zur gleichen Zeit erza?hlte mir ein befreundeter israelischer Fotograf Folgendes: Er kannte Juden, die auf den Estraden Schweine züchteten – auf Holzbrettern, weil diese ja nicht den israelischen Boden berühren dürfen.” Das schien mir gleichzeitig absurd und genial, und ich behielt auch dieses Bild im Kopf.”

“Dann habe ich im Jahr 2004 an einem Fotoprojekt im Westjordanland, in Hebron, gearbeitet, und diese Erfahrung hat mich sehr geprägt. Ich habe zwei benachbarten Familien, die jede auf ihrer Seite des Zauns lebten – die eine palästinensisch, die andere israelisch – Fotoapparate gegeben und sie gebeten, ihr tägliches Leben zu dokumentieren. Dabei hatte keine der beiden Familien eine Ahnung davon, dass gegenüber das genau gleiche Projekt im Gange war.
Nachdem ein Jahr vergangen war, zeigte ich die Fotos des einen Lagers der Familie auf der anderen Seite des Zauns und nahm ihre Kommentare auf Band auf. So bekamen sie einen Einblick in die In-timsphäre der Nachbarn, und sie sahen, wie sehr sich ihre Leben im Grunde ähnelten. Das hat, glaube ich, das Bild, dass sie von ihren Nachbarn hatten, verändert – der „Andere“ wurde menschlich.”

Fotos: Alamode Film