Sonntag, 12. August 2012, 13:43 Uhr

Pussy Riot: Die Welt schaut einer versauten Kirche auf die dreckigen Finger

Die drei Mitglieder der russischen Punkband und aktionistischen Künstlergruppe Pussy Riot Nadeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch sitzen seit Februar im Knast. Die Namen stehen so ordentlich für drei einfache Frauen aus dem Volk – und dann die Zusammenfassung unter so reißerischem Namen „Pussy“ und dann auch noch „Riot“. Gut ausgesucht!

Was haben die drei Damen (zwei sind junge Mütter) mit den bunten Strumpfmasken eigentlich getan, dass eine Anklage mit saftiger Haftstrafe droht? Sie haben den Altarbereich in der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale betreten, der nur Priestern gestattet ist, ein sogenanntes „Punk-Gebet“ (“Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin!”) absolviert und es veröffentlicht. Und nun wirft man ihnen Rowdytum vor!

Die russisch-orthodoxe Kirche hat mit den Übergriffen angefangen, in den Gottesdiensten wurde wiederholt dazu aufgerufen, Putin zu wählen. Für viele ist die Nähe der orthodoxen Kirche zur russischen Diktatur unerträglich.

Nun kann man aus sicherer Entfernung auf demokratischem Boden immer ganz empört rufen: „So geht das aber nicht!“ – die Anklage ist real und ernst zu nehmen. Irgendwie klingt das nach dem Verhalten in einer Diktatur, die Russland ja nicht ist. Ein Schelm, wer Arges darbei denkt …

Wenn man an die Ungerechtigkeiten einer Diktatur denkt, dann denkt man an die wirklich krassen Sachen: Man hat z.B. das Foto zweier Iraner vor sich, beide schon mit Augenbinde, vor ihnen zwei Galgenschlingen. Zwei sehr junge, offensichtlich schwule Männer. Man weiß ja spätestens, seit Ahmadinedschad neben seinen vielen provozierenden Aussagen auch festgestellt hat, dass es im Iran keine Homosexualität gibt.

Oder Südafrika: Nelson Mandela saß von 1964 bis 1982 im Gefängnis.

Aber warum in die Ferne schweifen? Das mag sich jetzt rhetorisch anhören: Von 1949 bis 1989 gab es ein Land namens DDR, die mit ihren Oppositionellen wie bitte nochmal umsprang? Stasi-Knast Hohenschönhausen, Zuchthaus Bautzen, Frauenzuchthaus Hoheneck und die Inhaftieren waren da wegen welchen Vergehen?

Die Gründe der Verurteilung aus jener Zeit klingen genauso lächerlich wie heute bei den „Pussy Riots“: das Selbstverständnis auf eine eigene Gestaltung des Lebens und das Recht auf freie Meinungsäußerung. Die russisch-orthodoxe Kirche muss Farbe bekennen, denn um Rowdytum geht es nun wirklich nicht bei den Pussy Riots, die Dimensionen sind 100 Prozent politisch. Es geht hier schlechtweg um drei Andersdenkende. Wie mutig die drei Frauen sind… Erreicht haben sie, dass der russische Rechtsstaat die Verhandlung nicht mehr im Geheimen durchziehen konnte.

Die Anklageschrift des von einer politisch-religiöse Willkür wie im Mittelalter getragenen Prozesses umfasst kranke 3000 Seiten. Die Urteilsverkündung wurde für den 17. August festgesetzt. Die gleichgeschaltete Staatsanwaltschaft hat jeweils drei Jahre Haft gefordert.

Kreml-Chef Putin knickte längst ein vor einer ungeahnten Welle der weltweiten Empörung und “forderte”, die drei Frauen “nicht zu hart” zu verurteilen.

Wie dem auch sei: Ihr könnt Nadeschda, Marija und Jekaterina wegsperren, aber alle, alle sehen euch jetzt zu!

Mehr Hintergrund zum Thema:

Pussy-Riot-Prozess Der Fehler der unbarmherzigen Kirche

Pussy Riot: Das junge Russland erwacht