Mittwoch, 15. August 2012, 13:12 Uhr

Christian Ulmen: "Ich lege mich auch während der Drehpausen schlafen"

Wenn ein Hamburger der Hummersuppe wegen nach Bayern zieht, der Papst in der Dorfkneipe Lebensweisheiten verbreitet, die böse Schwiegermutter posthum den Frieden des Ortes wieder herstellt und die harten Männer im Dorf plötzlich an Wunder glauben, dann kann es sich eigentlich nur um den neuen Kinofilm von Regisseur Marcus H. Rosenmüller (der lockige Herr auf dem Foto ganz unten) handeln. ‘Wer’s glaubt, wird selig‘ ist ist eine wundervoll charmante Komödie über die Macht der Wunder und darüber, dass der Zweck doch eigentlich fast jedes Mittel heiligt.

klatsch-tratsch.de-Expertin Katrin Wessel  traf Hauptdarsteller Christian Ulmen, plauderte über die Dreharbeiten, den lieben Gott und seine TV-Politik-Talkshow mit Benjamin Stuckrad-Barre.

In „Wer glaubt wird selig“ geht es um ganz viel Kreativität. Da geht es um einen Skiort ohne Schnee – und das schon über fünf Jahre hinweg – und jeder nicht vorhandene Euro muss zweimal umgedreht werden: da muss man sich also was einfallen lassen. In dieser ausweglosen Situation kann wohl jeder nachvollziehen, dass man zu allem bereit ist. Die Initialzündung kommt Ihrer Figur, dem Wirt Georg, als die Schwiegermutter Daisy, dargestellt von Hannelore Elsner, auf absurde Weise zu Tode kommt. Wie hat Ihnen die Arbeit mit ihr gefallen?
Leider waren es nur zwei Drehtage, aber die waren lustig.

Sie gehen im Spiel so wunderbar bockig und verstockt miteinander um …
Ja. Richtig.

Marcus Rosenmüller erklärt in seinen Filmen die Welt gern durch Kinderaugen: ein Neunjähriger in „Wer früher stirbt ist länger tot“ oder das elfjährige Mädchen in „Sommer in Orange“ und jetzt kommen Sie daher. Wie fühlen Sie sich aufgehoben inmitten der vorpubertären Hauptdarsteller aus früheren Filmen von Marcus Rosenmüller?
Sehr gut, denn Rosenmüller beherrscht etwas Außergewöhnliches: Er lässt seine Filme organisch wachsen. Da ist der Samen einer Idee, ein Drehbuch, eine Vision und dann sind da all die Leute die Mitmachen: Vom Schauspieler bis zum Kameramann. Jetzt kann man sich als Regisseur entweder all dieser Einflüsse verwehren und sagen: So hab’ ich’s im Kopf, so macht ihr das jetzt gefälligst alle, oder aber das kreative Ensemble als Inspirationspool begreifen, das dem Film ungeahnte Richtungen weist. Rosenmüller macht Letzteres, lässt die beste Idee gewinnen, weshalb seine Filme so einzigartig sind. Er setzt den Peter-Zadek-Ausspruch kongenial um: Meine Fantasie kenne ich, ich will Deine sehen. Für einen Schauspieler das Beste, was dir passieren kann.

Das wusste ich nicht. Ich habe mich beim Sehen oft gefragt, wie Rosenmüller das macht, ein so großes Ensemble von Hauptfiguren so wunderbar leicht geschmeidig und lässig zu führen.
Mit viel Motivation! Wenn man böse wäre, würde man sagen mit der Motivation eines Robinson Club Animateurs… Im Grunde genommen ist er der Jürgen Klopp des deutschen Films: Immer mit Überblick und dabei sensationell erfolgreich.

Auch mit „Schneller höher weiter“? Muss ein Sieg, ein 1:0 herauskommen?
Nein. Seine Motivation ist das Werk an sich. Wenn der Film dann gelungen ist, dann heißt es 3:0!

Marcus Rosenmüller sagte, dass er beim Lesen des Drehbuchs schon sehr gelacht hat. Wie war das bei Ihnen?
Ich bin – ehrlich gesagt – ein schlechter Drehbuchleser. Ich kann wirklich erst sagen, ob eine Szene komisch ist oder nicht, wenn ich sie spiele und ich entwickle auch erst dann ein Gespür dafür. Noch nicht mal beim Proben. Drehbuch ist für mich immer so: Ja, da kann man was draus machen, aber dass ich jetzt laut lache oder die Szene schon plastisch vor mir habe, nein, das habe ich nicht. Erst am Tag des Drehs weiß ich wie die Szene geht, vorher nicht.

Lesen Sie still?
Ja und ich lerne den Text auch still für mich.

Wie ist das so wenn Sie den fertigen Film sehen?
Inzwischen habe ich eine fast schizophrene Distanz zu mir selbst entwickelt, ich empfinde kein Unbehagen, wenn ich mich auf der Leinwand sehe, denn das ist dann ein anderer. Allerdings mache ich diesen anderen schonungslos fertig, wenn er scheiße gespielt hat. Ich sehe den Film deshalb beim ersten Mal lieber alleine und nicht mit Team, denn dabei entsteht oft so eine Gruppendynamik, die es dir nicht erlaubt, unzufrieden mit dir selbst zu sein. Bei Selbstkritik wirst du dann mit Hardcore-Lob überhäuft, als habe man nach Komplimenten gefischt. Und dieser Eindruck ist ja auch sehr peinlich.

Haben sich die Animateurfähigkeiten von Marcus Rosenmüller auch auf die Drehpausen ausgewirkt?
Rosenmüller ist wirklich der Jürgen Klopp des Films. Er hört es zwar nicht gern, weil er Bayern-Fan ist, aber er ist nun mal nicht Jupp Heinckes gottseidank.

Wie war die Zeit außerhalb der Drehzeit in Bayern? Gab es einen Verbund zwischen den Schauspielern außerhalb der Drehzeit?
CU: Ich brauche das immer nicht, dieses nachher einen Trinken gehen. Ich lege mich auch während der Drehpausen schlafen. Es geht immer früh um sechs los und ich kann am Vorabend nicht früh ins Bett gehen. Ich habe dann immer das Gefühl, ich versäume was. Darum schlafe ich fast nie wenn ich drehe und penne immer mittags.

Haben Sie befürchtet, wenn Marcus Rosenmüller anruft, dass Sie bayrisch lernen müssen?
Ich spiele ja einen Hamburger.

Ja, eben. Aber er hätte Sie ja dazu verdonnern können.
Nein, ich spiele einen Hamburger. Hamburger sprechen gottseidank und wirklich niemals bayrisch. Und ein unrealistisches Rollenangebot hätte ich natürlich abgelehnt.

In manchen Comedy-Formaten sind Sie oft bis zur Unkenntlichkeit verkleidet. In „Wer´s glaubt wird selig“ haben Sie wahlweise ein Pflaster auf der Nase, eine bayrische Trachtenjacke oder nur einen Kochlöffel als Requisit und „Verkleidung“ zur Auswahl. Was war die stärkere Herausforderung: die Verkleidung bis zur Unkenntlichkeit mit Perücke und Schnurrbart und 80er Jahre Trainingsklamotte oder die bayrische Tracht?
Bei so einer Figur findet die Verkleidung im Kopf statt. Die äußerliche Verkleidung ist nur das folgerichtige Kostüm: Wenn er ein Koch ist, dann der Kochlöffel, wenn er eine aufs Maul kriegt, dann hat er ein Pflaster auf der Nase. Bei den anderen Figuren hat man mich bis zu Unkenntlichkeit deshalb schminken müssen, damit ich auf der Straße nicht erkannt werde.

Gibt es vom Dreh eine Begebenheit, die Ihnen besonders gefallen hat?
Es war wirklich eine der tollsten Arbeiten, aber ich habe festgestellt, dass ich nicht für‘s Land gemacht bin. Ich bin Allergiker, bin nur am Niesen und es juckte dauernd alles. Es gab dort nie ein Handynetz, ich kam auch nie ins Internet! Nur Kühe. Ohne respektlos über das Land zu sprechen, ich bin dort sehr freundlich aufgenommen worden, aber ich bin so stadtverseucht – ich bin in der Stadt aufgewachsen – dass ich ohne Stadt nicht existieren kann. Als ich wieder in Berlin landete, wollte ich den Flughafenboden küssen, aus Dankbarkeit, wieder in der Stadt sein zu dürfen.

 Sie sind ja recht umtriebig auch außerhalb des reinen Filmbusiness, Sie sind Autor, haben eine eigene Produktionsfirma. Dient das eher dem Ausgleich zur Schauspielerei oder ist es eine neue Herausforderung?
Ich habe meine Sachen schon zu MTV-Zeiten selbst produziert. Da komme ich eigentlich her. Und ja, zur Schauspielerei, in der du ein Teil einer Mannschaft bist und vom Trainer deine Anweisungen bekommst, ist das Produzieren ein ganz herrlicher Ausgleich.

Ich hätte mich nie getraut zu fragen, ob Sie an Gott glauben. Ich finde, das ist eine sehr persönliche Frage.
Nein, das finde ich nicht. Es gibt persönlichere Fragen. Obwohl das ist Ansichtssache. Es gibt Leute, die finden das wahnsinnig persönlich, da gebe ich Ihnen Recht.

Zum Abschluss würde ich gerne noch wissen, wie es dazu kam,, sich mit Stuckrad Barre für eine Late-Night-Show zusammen zu tun? Wir wissen nicht genau wie ernst wir die Show nehmen sollen. Wie ernst nehmen Sie sie denn?
Sehr ernst! Die Late Night ist eine der besten (lacht)… Nein, es ist eine ernsthafte Polit-Talkshow. Benjamin von Stuckrad Barre schafft es, Politikern Dinge zu entlocken, die sie in anderen Sendungen nicht sagen. Es gibt solche Perlen… Wie die Sendung, in der Marina Weisband, Ex-Vorstand von der Piratenpartei, Kai Dieckmann, den Chef der Bild Zeitung, anruft und sich beschwert über Bilder, die sie tief dekolletiert zeigen.

Warum der Wechsel vom ach so revolutionären „zdf neo“ zum Spielfilmsender „Tele 5“?
Weil Tele 5 noch revolutionärer ist.

Wegen des Geldes?
CU: Nein, auf keinen Fall. Tele 5 ist Punkrock.

Fotos: klatsch-tratsch.de/Michael Fricke (Planexi), Constantin (2)