Freitag, 17. August 2012, 13:37 Uhr

Wie im Mittelalter: Gericht verurteilt "Pussy-Riot" zu zwei Jahren Haft

Die Mitglieder der russischen Punk-Band ‘Pussy-Riot’ wurden heute von einem Moskauer Gericht schuldig gesprochen. Die Staatsanwaltschaft hatte wegen Rowdytums aus religiösem Hass je drei Jahre Haft gefordert.

UPDATE: 16.00 Uhr: Soeben wurden die drei Musikerinnen zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die sechs Monate Untersuchungshaft wird auf ihre Strafe angerechnet.

Die 50-jährige Richterin Marina Syrowa ist bekannt dafür, stundenlange Pladoyers zu halten, in denen sie sich vor allem ständig wiederholt und wiederholt und wiederholt. Allein die heutigen 80 (!) Seiten Urteilsspruch ist schon eine unerträgliche Folter für alle Anwesenden im Gericht, die die Prozedur im stehen ertragen müssen.

Aus “Sicherheitsgründen” wurde Syrowa, die Frau mit der Betonfrisur, auch nie gezeigt. Die Babuschka fürchtet angeblich um ihr Leben.

Das Gerichtsgebäude war heute weiträumig abgeriegelt. Hunderte Demonstranten hatten sich eingefunden.

Nina Hagen ist einer der vielen Künstler weltweit, die sich für die Band einsetzen. Die deutsche Punk-Ikone postete auf Facebook: “SCHULDIG? Schuldig nicht sachgemäss und unangemeldet gebetet zu haben? Christen – wenn sie denn wirklich Christen sind – sollten diesen jungen Frauen VERGEBEN. Ohne Vergebung kein Christentum!”

Wie im Mittelalter: Die drei Frauen wurde zur heutigen Urteilsverkündung in Handschellen vorgeführt und eingepfercht in einen verglasten Käfig wie Tiere. Das alles ist Teil der staatlich verordneten Schikane für drei Frauen, die eine halbe Minute in einer Kirche gesungen haben.

Die russischen Diktatoren hätten gut daran getan, die Sache von ihrer gleichgeschalteten Justiz besser als Ordnungswidrigkeit ahnden zu lassen, dann wäre der Vorfall (und mehr ist das nicht) längst vergessen.

Doch stattdessen war in der Urteilsverkündung heute die Rede von “verbrecherisch” und “Rowdytum aus religiösem Hass” und “unanständigen Worten gegenüber Gott”.

Nun steht nicht nur die russische Justiz, sondern vor allem das System Putin weltweit am Pranger, die unbedingt ein Exempel statuieren wollte.

Einer der Anwälte von Nadeschda Tolokonnikowa (22), Maria Aljochina (24) und Jekaterina Samuzewitsch (30), erklärte zuvor gegenüber der russischen Tageszeitung ‘Novaja Gazette’: “Genau so hätte man sie eines Mordes oder gleich des Völkermordes beschuldigen können. Wenn Sie nicht freigesprochen werden, dann bedeutet das, dass Russland sich von demokratischen Werten abwendet, kein Rechtsstaat mehr ist und so etwas nun mit jedem Menschen passieren kann.”

Der Kreml habe sich verkalkuliert, sagte die Politologin Maria Lipman vom Moskauer Carnegie-Zentrum laut stern.de gegenüber der Agentur Ria Nowosti. Analysten seien der Überzeugung, dass Russland durch dessen megapeinlichen Prozess weltweit deutlich an Ansehen verloren habe.

Fotos: dpa Picture Alliance, Promo