Dienstag, 21. August 2012, 11:33 Uhr

First Steps Awards 2012: Nachwuchs-Preise für den deutschen Film verliehen

Gestern Abend fand in Berlin die Verleihung der First Steps Abwarts statt. Der deutsche Nachwuchspreis ist der seit 2000 stattfindender Wettbewerb für Abschlussfilme von Studenten deutschsprachiger Filmhochschulen.

Der Spielfilm ‘Staub auf unseren Herzen’, erhielt ebenfalls einen Preis. Es war Susanne Lothars letzte Rolle, bevor sie im Alter von 51 Jahren verstarb.
Unter den Gästen und Laudatoren des Abends tummelten sich reichlich bekannte Namen, neben Klaus Wowereit, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, auch Corinna Harfouch, Matthias Schweighöfer, Nina und Katja Eichinger, Iris Berben, Franmz Dinda, Joko Winterscheidt, Produzent Niko Hoffmann und Regisseur, Dennis Gansel, Produzentin Minu Barati-Fischer mit ihrem “Ziehkind”, dem herausragenden Vladimir Burlakov, Ulrike Folkerts mit Girlfriend Katharina Schnitzler, Florian David Fitz und Susan Sideropoulos.

Das sind die Preisträger und die Begründungen der Jury:

Abendfüllender Spielfilm:
Staub auf unseren Herzen,
Regie: Hanna Doose, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin
Alles, was familiäre Beziehungen so unausweichlich macht, kommt hier auf die Leinwand. Zwei schauspielerische Naturgewalten – Susanne Lothar und Stephanie Stremler – bilden das Zentrum dieses atemberaubend authentischen Zweikampfs zwischen einer erfolgreichen Therapeutin und ihrer unsicheren, zweifelnden Tochter. Der mühsame Prozess der Emanzipation, Selbstbehauptung, eine Therapeutin, die sich und anderen nicht helfen kann, Trauer, Wut, Rache, Ohnmacht – erhellend, oft komisch, sehr bewegend. Diese Regisseurin hat eine ganz eigene Handschrift, die mit wenigen Zutaten auskommt und mit absoluter Sicherheit auf die Wahrheit zielt. Ein wirklich außergewöhnlicher, mutiger Film, dem Susanne Lothar zum letzten Mal all ihre Intensität und Verletzlichkeit gegeben hat.

Dokumentarfilm:
Reality 2.0
Regie: Victor Orozco Ramirez, Hochschule für bildende Künste Hamburg
Ein Mexikaner verlässt seine Heimat in der Hoffnung, im Hamburger Exil auch die Schreckensbilder des mexikanischen Narco-Bürgerkriegs hinter sich lassen zu können. Aber als ihn das Heimweh ins Internet treibt, holen sie ihn wieder ein. Victor Orozco Ramirez verwandelt dokumentarische Bilder mit leuchtenden Aquarellfarben in Animationen, die das nicht mehr Erträgliche der gefilmten Wirklichkeit sichtbar machen, ohne diese Wirklichkeit zu verleugnen. Wo das Grauen allein den Betrachtern den Blick verstellen kann, zwingt ihn die Übersetzung durch die Animation zur Auseinandersetzung. Eine Aufforderung zum Hinschauen. Ein neuartiger Zugang zur Realität.

Kurz- und Animationsfilm bis 25 Minuten:
Kellerkind
Regie: Julia Ocker, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg
Eine Mutter gebärt alleine, sie kann das Kind nicht lieben und versteckt es im Keller, wo es ein unheimliches Eigenleben führt. Julia Ocker dringt mit Verdichtung und Archaik direkt zu der beunruhigend existenziellen Frage vor: Was bedeutet es, wenn die immer noch als ewig und unantastbar geltende Beziehung von der Mutter zum Kind reißt? Mit einfachen Mitteln erzählt sie eindrucksvoll vom Entstehen einer unkonventionellen, tragischen Liebe: kontrastreiche, schwarzweiße, an den Expressionismus erinnernde Animation, keine Sprache, nur das unerträgliche Weinen des verstoßenen Kindes. Ein kleines, kostbares Kunstwerk.

Spielfilm bis 60 Minuten:
Ausreichend
Regie: Isabel Prahl, Kunsthochschule für Medien Köln
Ein fast schon klassisches Drama über einen idealistischen jungen Lehrer, der beinahe an den Machtspielen seiner Schüler zerbricht. Spannend, nie vorhersehbar, mit großartigen Schauspielern (allen voran Thomas Fränzel als Referendar), im perfekten Tempo, psychologisch absolut stimmig, genau richtig geschnitten, mit herausragendem Sounddesign und ganz ohne Musik. Das ist eine scheinbar “kleine” Geschichte in einem überschaubaren Kosmos – tatsächlich aber ein großer Film über Weichenstellungen, über den ewigen Kampf zwischen Ideal und Wirklichkeit.
Wenn uns Filme gefallen, sagen wir ja gerne, sie seien dicht. In diesem Fall kann man den Machern aber bedenkenlos ins Zeugnis schreiben: “Ihr seid Dichter.”

NO FEAR Award:
Wir sind wieder wer!
Produktion: Steffen Hofbauer, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg
Da haben sich eine Filmschule und ein Sender viel vorgenommen: In 18 Monaten entwickeln Produktionsstudenten ein Serienkonzept und drehen einen Teaser, ein sogenanntes “Testimonial”.
“Wir sind wieder wer!” ist (noch) keine Serie, sondern ein Versprechen – aber auf jeden Fall eine klar erkennbare Produzentenleistung. Hier weiß ein junger Writer/Producer genau, wohin er mit seinem eigenen Entwurf will. Dieses Testimonial zeugt in allen Gewerken von hoher Professionalität, aber vor allem von Leidenschaft, von einer Vision, die das Risiko nicht scheut.
Die wachsende Bedeutung anspruchsvoller Serien als künstlerische Herausforderung für Filmemacher kann niemand mehr ignorieren. Wir möchten deshalb mit unserer Entscheidung den Sender ausdrücklich auffordern, das Versprechen einzulösen: Setzt diesen Entwurf um – wir wollen das sehen!

Werbefilm:
Sky Nordpol (Sky) (siehe Video obem)
Regie: Stephan Strube, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg
Stephan Strube gelingt es, Produkt und Marke emotional perfekt aufzuladen und in genau der richtigen Zeit auf den Punkt zu bringen. Dabei setzt er auf ganz klassische Mittel, um den Zuschauer atmosphärisch abzuholen und ihn regelrecht mit ins Expeditionszelt zu locken. Die spezielle „Leiden“-schaft der von der Außenwelt abgeschnittenen Polarforscher ist förmlich spürbar und wird dank brillantem Cast optimal umgesetzt. Schuss – Gegenschuss auf die Protagonisten, ein gut getimter Dialog: so einfach und doch kunstvoll kann Filmemachen sein. Die menschliche Mimik ist am Ende eben doch am faszinierendsten und jeder Visual Effects-Szenerie überlegen. So wird Identifikation und Wärme pur erzeugt – trotz der fast körperlich gefühlten frostigen Temperaturen am Ende der Welt… grandios!

FIRST STEPS Ehrenpreis 2012:
Die Redaktion “Das kleine Fernsehspiel”, die im nächsten Jahr ihren 50. Geburtstag feiert, gilt als die Mutter aller Nachwuchsförderprogramme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Kaum eine aktuelle Größe des deutschen Kinos hätte ohne die Unterstützung dieser Redaktion ihre Karriere beginnen können. Und ohne die vom Kleinen Fernsehspiel betreuten Abschlussfilme sähe auch die Geschichte von FIRST STEPS anders aus:
Schon beim ersten FIRST STEPS Award 2000 kamen sechs der zwölf nominierten Spielfilme von dort. In den letzten zwölf Jahren haben zehn Produktionen des Kleinen Fernsehspiels FIRST STEPS Awards gewonnen.
Das kleine Fernsehspiel ist der Einstieg ins große Kino.
Der FIRST STEPS Ehrenpreis ging bisher u.a. an Susan Schulte, Helene Schwarz und Gerd Ruge. Der Preis versteht sich als Würdigung einer Haltung, die die Bedeutung des Filmnachwuchses versteht, unterstützt und persönlich auf unterschiedlichste Weise fördert.
Die diesjährige Ehrung gilt nicht in erster Linie einer Institution, sondern vor allem und ausdrücklich den Persönlichkeiten, den Redakteurinnen und Redakteuren, die “Das kleine Fernsehspiel” zum Markennamen gemacht haben. Mit höchstem persönlichen Einsatz, mit filmischer Leidenschaft und immer wieder gegen Widerstände haben sie unzählige Filmemacher dabei unterstützt, ihre Geschichten zu erzählen und dabei auch ihre eigene Handschrift zu finden und zu festigen. Wir wünschen uns, dass sie auch weiterhin dazu beitragen werden, dass diese Handschriften die Filmkultur unseres Landes verändern und bereichern können.

Fotos: Jirka Jansch