Mittwoch, 19. September 2012, 18:10 Uhr

Rapper-Granate Lupe Fiasco ist mit viertem Album zurück

Lupe Fiasco (30) bezieht seine Inspiration aus großen Höhen. Manchmal im wahrsten Sinne des Wortes – in der Vergangenheit bestieg der Avantgarde-MC bereits den Kilimanjaro für die eigene geistige Klarheit und zugleich für einen guten Zweck – und manchmal eher im metaphorischen Sinne.

Die Arbeiten von großen Männern wie dem Philosophen und Linguisten Noam Chomsky, dem Schreiber James Baldwin, dem Historiker Howard Zinn und dem religiösen und politischen Aktivist Malcom X haben alle zu der Weltsicht des Mannes, der als Wasalu Muhammad geboren wurde, beigetragen.

Jedoch hatte keine Ikone einen größeren Einfluss auf die letzte Arbeit des 30 Jahre alten Rhetorikers als Baldwin. Dessen meisterhafte Texte und seine Wahrheiten aufdeckenden Dokumentationen wie „Take The Hammer“ lieferten Motivation und Inspiration für „Food & Liquor 2: The Great American Rap Album“ (VÖ: 28.09.12), das vermutlich definitive Lupe-Album.

„Food & Liquor 2: The Great American Rap Album“ ist kein simples Sequel, sondern viel mehr jeweils zur Hälfte eine Dokumentation amerikanischer Geschichte und durchaus auch ein Showcase des enormen Rap-Talents von Lupe Fiasco.

Lupes viertes Studioalbum entstand, um Hip Hop einen tieferen Blick in das Innere einer Nation zu gewähren. Zugleich stellt es eine Rückkehr zu seiner ursprünglichen Motivation dar. Seitdem er 2006 mit der Native Tongue-inspirierten und später für zwei Grammys nominierten Single „Kick Push“ in die HipHop-Industrie hineinfand, behielt der Martial Arts-Experte sein Ziel bei, der fähigste MC überhaupt zu werden. Mit dem Wissen, dass die lyrische Dichte seines frühen Meisterstücks „Failure“ noch immer unerreicht bleibt, hält er sich seine aktuelle Konkurrenz („lyrical Zuckerberg(s)“) mit dem aufregenden „Audobon Ballroom“ und dem von The Runners produzierten „Bravehart“ vom Leib („Took wood from a slave ship to furnish my abode..now that’s a house of pain/ plus I use nooses to hang up all my clothes“).

Die felsenfeste Konzentration des muslimischen Wortschmieds auf seine Kunst hat eine unglaublich engagierte Fanbase aktiviert. Als Lupes Label sich 2010 weigerte, „LASERS“ zu veröffentlichen, demonstrierten seine größten Fans vor dem Hauptquartier von Atlantic Records und übergaben eine von 16.000 Fans unterschriebene Online-Petition. Die Reaktion des Rappers? Er reiste nach Afrika, um Klarheit in seine Gedanken zu bringen und bestieg den größten Berg des Kontinents, um Geld für neue Brunnen zu erkämpfen. Im Anschluss kehrte er zurück in die Heimat. Dort verlegte er sich auf das, was er, seit dem er auf seiner ersten LP mit Jill Scott („Daydreamin“) und auf seiner zweiten mit Mathew Santos („Superstar“) kollaborierte, regelmäßig getan hat: Er nahm Hits auf („The Show Must Go On“ und „Words I Never Said“ mit Skylar Grey) und erhielt folgerichtig seine zweite goldene Schallplatte.

Klar, „F&L 2“ geizt nicht mit Gastauftritten von Soul-Helden mit Breitenwirkung wie Bilal und Jamiroquai. Dennoch hat Lupe keinerlei Interesse daran, sich an die Geschmäcker der Programmgestalter der Radiostationen anzupassen. Viel lieber bespricht er seine Erfahrungen auf seiner ersten Single „Around My Way (Freedom Ain’t Free)“, die dem Pete Rock and CL Smooth-Klassiker „T.R.O.Y.“ neues Leben einhaucht. Und wenn er die Ohren der Frauen anvisiert, dann möchte er sie nicht verführen, sondern durch das erleuchtende „Bitch Bad“ zu mehr Selbstvertrauen ermutigen.

„Ich habe nicht zwingend eine Vorstellung davon, was Erfolg bedeuten soll. Ich denke, es macht das Künstler-Dasein für mich unendlich schwieriger, wenn ich kommerziellen Erwartungen entsprechen muss“, sagt Lupe, bevor er seine Perspektive erweitert: „Diese Welt wird nicht von materiellen Dingen bestimmt, Gott hat mir all diese Dinge gezeigt: ‘Du möchtest wissen, wie es sich anfühlt, vor 80.000 Menschen zu performen? Hier. Du möchtest auf deinen Kontostand blicken und dir keine Sorgen machen müssen? Hier.’ Dann nahm er mir sie wieder weg, damit mich dieser ganze Mist nicht belastet. Heute möchte ich nicht mehr machen, als soziale Misstände zu kommentieren und Musik machen, die Menschen ein gutes Gefühl gibt.“

Es macht Sinn, dass ein Rapper, der an einem Tag ein Kamel in Kairo reitet und am nächsten im Ferrari durch Los Angeles steuert, die Gedanken von HipHop-Hörern erweitern kann. Es ist wenig überraschend, dass ein MC, der sein Haus nicht ohne die Autobiografie von Malcom X verlässt, eines der reichhaltigsten Rap-Alben überhaupt schaffen würde. Man muss nicht mehr als Lupe Fiascos Lobeshymnen auf James Baldwin in sich aufnehmen und Wasalu Muhammads Bild erscheint einem in HD: „Seine Perspektive war so unerbittlich..er würde Amerika keine halbe Entschuldigung zugestehen. Weil er so gegen die Regeln protestierte, fühlte es sich fast so an, als würde er die Regeln schreiben, sie diktieren. Dennoch verstand er jedermanns Ansichten und die verschiedenen Seiten der selben Geschichte.“

“Food & Liquor 2: The Great American Rap Album” erscheint am 28. September.