Mittwoch, 03. Oktober 2012, 19:45 Uhr

Samuel Koch und Samuel Harfst: Ergreifendes Konzert in Berlin

Das Privileg zu sein….Diese Worte haben für Samuel Koch (25) eine ganz besondere Bedeutung. Und nicht nur für ihn sondern auch für seinen Namensvetter und guten Freund Samuel Harfst. Der deutschsprachige Sänger und der ehemalige ‘Wetten, dass…’-Kandidat, der 2010 während der Show verunglückte, haben sich nun zusammengetan und traten heute im Soho-Haus Berlin zusammen zu einer bemerkenswerten Konzert-Lesung an.

Die Vorgeschichte der beiden ist eine außergewöhnliche Aneinandereihung von schicksalhaften Ereignissen, aus denen sich eine langjährige Freundschaft entwickelte.

Vor drei Jahren führte Samuel Koch noch ein ganz normales Leben eines ungestümen jungen Mannes und befand sich gerade in einer experimentellen Phase seiner Jugend. Er war gerade umgezogen und es schien ihm alles so leicht von der Hand zu gehen. Seine Wünsche und Träume schienen alle wahr zu werden und Samuel fühlte sich, als könne er Bäume ausreißen. Irgendwann schickte ihm eine Freundin den Song ‘Privileg zu sein’ von Samuel Harfst. Der leidenschaftliche Turner mochte den Song und verband mit ihm Fröhlichkeit und das Glück auf dieser Welt zu sein. Heute sieht er das Lied aus einer anderen Sicht, wie Samuel Koch heute verriet: “Ich denke mir heute oft, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Das Leben ist kein Privileg. Es ist nur dann eins, wenn man laufen kann. Oft genug habe ich diesen Gedanken gehabt.”

Den Musiker Samuel Harfst lernte er ausgerechnet in der Show kennen, die ihm seine Bewegung kostete. Seine Mutter erinnerte sich später an Harfst und rief ihn darauf hin prompt an.

Der 26-jährige Sänger erklärte: “Ich muss ehrlich zugeben, dass ich erst gezögert habe und hin und her überlegt habe. Wer fährt denn für jemanden bis in die Schweiz, den man nicht wirklich kennt. Doch dann habe ich mich doch anders entschieden und bin zu ihm gefahren.” Aus diesem Entschluss entwickelte sich eine unvorstellbar innige Beziehung zwischen Musik und den Erlebnissen eines Menschen, der ein schweres Los ertragen muss. Heute Nachmittag stellte Samuel Harfst ein paar dieser sehr berührenden Songs vor, die einem zum Nachdenken, zum Weinen, aber auch ein wenig zum Lächeln bringen.

Da wären zum Beispiel die Songs ‘Mir dir kommt der Sommer’ oder ‘Anders als du denkst’. Sie alle beschreiben Gefühle und Gedanken, die wohl jeder oft genug hat. Doch kennt man die tragische Geschichte von Samuel Koch, und genau dann erlebt man die Musik mit einem völlig anderen Blick. Sie fährt einem in das Herz, bringt einem zum Zittern und lässt Trauer, aber auch Glaube, Hoffnung und Glückseligkeit aufkeimen.

Zu unbeschreiblich schönen Klängen las Samuel auch aus seiner Biografie ‘Zwei Leben’. In diesen Momenten wurde einem wieder bewusst, wie gezeichnet das Leben dieses jungen Mannes eigentlich wirklich ist und wie er es trotzdem immer wieder schafft, den Leuten ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Samuel verspüht eine faszinierende Aura, die einen nicht mehr losläßt und die mancher überschwänglich Star-Appeal nennen würde.

Neben Geschichten, die eigentlich einen tragischen Hintergrund haben, aber trotzdem komisch und witzig dargestellt werden gab es bei dem Konzert aber auch Stellen, an denen man die Tränen nicht zurückhalten konnte.

“Ich lernte während meines Klinikaufenthalts ein Mädchen kennen, dass einen Tumor im Rückenmark hatte. Uns verband also fast dasselbe Schicksal. Wir beide machten auch zusammen eine Wassertherapie. Sie besaß einen etwas stärkeren Handgelenkmuskel und ich ein großes Spuckvolumen. Die Wassertherapie wurde also oft zu einer lustigen, spritzigen Angelegenheit. Sie machte viel Fortschritte und verzeichnete vor meiner Entlassung sogar echte Geherfolge. Ich freute mich und war trotzdem neidisch. Ein paar Wochen später erreichte mich die Nachricht, dass ihr Tumor wieder größer geworden war, auf ihr Rückenmark gedrückt und sie am Ende getötet hatte.” Stille im Saal. Diese Worte müssen erst mal verarbeitet werden.

Samuel gibt selbst zu, dass das Schlimmste der Tod eines geliebten Kindes sei. Doch wenn man glaubt, der ehemalige ‘Wetten, dass…?’-Kandidat könne etwas Positives darin sehen, “statt gestorben zu sein, nicht mehr gehen zu können”, der irrt. Nach außen hin wirkt es oftmals so, als hätte sich der Student aus Hannover mit seinem Schicksal abgefunden, doch genau das ist bei weitem nicht der Fall.

Es ist das letzte Kapitel des Buches, dass seine wahren Gefühle offenbart und dass den Anwesenden schmerzlich bewusst macht, wie schlecht es ihm wirklich geht. “Mein persönlicher Super-Gau ist, abgesehen vom Verlust eines Angehörigen der, dass ich mich nicht mehr bewegen kann. Was helfen kann ist die Hoffnung, dass ich irgendwann wieder mit verschränkten Armen im Türrahmen stehe, noch einmal meiner Familie zuwinke und dann einfach aufbreche. Wunder passieren nicht auf Knopfdruck, aber ich hoffe mich irgendwann wieder bewegen zu können. Obwohl mein Verstand mir was anderes sagt.”

Samuel wird oft gefragt, was das erste wäre, das er tun würde, wenn er wieder laufen könnte. Er hat eine Antwort darauf, die keiner weiteren Erklärungen bedarf und die zeigt, was es heißt, bewegungsunfähig zu sein. “Ich würde nur laufen, um des Laufens willen. Ich würde mich an einen Baum lehnen, die Rinde spüren und ihm ein wenig von meinem Gewicht abgeben. Dann würde ich mich vielleicht setzen, nur um des Hinsetzens willen, nach einer Weile die Beine überkreuzen und die Arme hinterm Kopf verschränken. Einfach so…weil ich es kann….”

Die emotionalen Songs von Samuel Harft verleihen der schicksalshaften Geschichte von Samuel Koch noch eine tiefergehende Bedeutung und vielleicht helfen sie ihm auch, überhaupt Worte zu finden.

Mit den beiden Freunden ist ein Duo entstanden, dass ein trauriges Schicksal mit Hoffnung, Mut und Stärke vermischt und demonstriert, dass Kämpfen ein Teil des Lebens ist. Und Samuel Koch kämpft jeden Tag aufs Neue darum, wieder laufen zu können. Eben deswegen stellt er für Samuel Harfst einen ganz besonderen Menschen dar. “Er ist mein Held!”. Ja, er ist ein Held und wir hoffen, dass sich sein Kampf und seine Hoffnung irgendwann auszahlen. Und dafür lieben wir ihn über alles.(SV)

Fotos: klatsch-tratsch.de/Patrick Hoffmann