Montag, 15. Oktober 2012, 9:54 Uhr

Kachelmann: Auftritt bei Günther Jauch gerät zum PR-Desaster

Jörg Kachelmann (54) und seine Gattin Miriam (26) waren gestern Abend zu Gast bei Günther Jauch in dessen ARD-Talkshow, doch der Auftritt, der eigentlich als PR für das gemeinsame Buch ‘Recht und Gerechtigkeit‘ (eine Abrechnung mit Medien wie ‘Bunte’, ‘Focus’ und der Justiz) gedacht war, geriet zum Desaster. 5,29 Millionen TV-Zuschauer waren dabei.

Neben den Gästen Gerhart Baum, Jurist und ehemaliger Bundesinnenminister und dem ehemaligen Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts Winfried Hassemer auch Ex-Bild-und Bunte-Chef Hans-Hermann Tiedje, der gleich zu Beginn die Messer wetzte mit der flapsigen Bemerkung: “Man muss es wirklich nicht lesen, es sind schon bessere Bücher geschrieben worden”, später nannte er Kachelmann dann einen “Wetterfuzzi” oder sagte Sachen wie diese: “Sie kommen so nett daher, ich kann mir das vorstellen, wie Sie irgendwelchen Frauen die Stradivari vorgespielt haben.”

Den Kachelmanns gelang es leider nicht, die teilweise unverschämten und persönlichen Angriffe Tiedjes zu kontern. Doch auch Günther Jauch kommt nicht gut weg.

Hier die ersten Reaktionen der deutschen Presse:

“Sie haben gelogen am laufenden Band. Das war privat, das ist nicht strafbar, das ist vielleicht nur ein mieser Charakter.” Eine Unverfrorenheit, doch vor allem eine gezielte Provokation des Boulevard-Journalisten (Hans-Hermann Tiedje) – und eine, der Kachelmann schlicht nicht gewachsen war. (Die Welt)

Tiedje kritisierte, dass Kachelmanns Buch in einem hämischen “rotzlöffeligen Ton“ geschrieben sei, den man ihm gar nicht zugetraut habe. Kachelmann stilisiere sich zu einem Opfer á la Alfred Dreyfus, “dabei sind Sie doch nur kleiner Wetterfuzzi“ – kantete Tiedje. (Frankfurter Rundschau)

Er wurde vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen, trotzdem musste sich Jörg Kachelmann im Sonntagabend-Talk der ARD beschimpfen lassen. Ex-“Bild”-Mann Tiedje durfte ungebremst über den Wettermann herziehen, Gastgeber Jauch zeigte sich unsicher – und ahnungslos. (…) Jauch hatte sich von Anfang an in seiner Rolle als vermeintliche Stimme des Volkes verheddert. Er wiederholte die verquere Logik des Gerichtes und vieler Medien, dass jemand, der Frauen betrügt, auch Frauen vergewaltigt. (Der Spiegel)

(…) Wer dann noch das gerade veröffentlichte Buch des 54-Jährigen und seiner Ehefrau Miriam zum Aufhänger für eine Sendung macht, muss sich zumindest fragen lassen, ob dies nicht dem Rundfunkstaatsvertrag widerspricht, wo es heißt: “Schleichwerbung, Produkt- und Themenplatzierung sowie entsprechende Praktiken sind unzulässig.” (Stern)

Tiedje muss sich anhören, dass die Medien, vor allem der Boulevard, eine üble Rolle gespielt haben bei der Vorverurteilung des Jörg Kachelmann. Aber dieser Journalist ist völlig schmerzfrei, wenn es um Angriffe gegen die Yellow Press geht, und er hat auch noch das Glück, dass sich die Runde bald auf einen weit größeren Skandal einschießt: die „Durchstechereien“ der Staatsanwaltschaft, die geheime Ermittlungsakten rausgab, worauf ein mediales Riesenspektakel losging, in dem kein Richter seine Objektivität bewahren konnte. (Tagesspiegel)

Kachelmanns Falschbeschuldigung sei kein Einzelfall, behauptet das Ehepaar. Ihr Auftritt bei Günther Jauch diene vor allem dazu, eine Diskussion anzuregen. Ja, sogar eine Initiative wollen die beiden gründen, um weiteren Opfern der deutschen Justiz zu helfen. (…) Mehr als fünf Millionen Zuschauer sind live dabei, als Hans-Hermann Tiedje schließlich zum Rundumschlag ausholt: „Sie stilisieren sich als Opferanwalt, aber Sie sind keine historische Figur… Sie sind nur Kachelmann, der gute alte Wetterfuzzi.“ (Bild-Zeitung)

Auch der ehemalige Vizepräsident des Bundesverfassungsgericht, Winfried Hassemer, musste eingestehen, dass Gerichten insbesondere im Umgang mit prominenten Angeklagten oft Fehler passieren: „Staatsanwälte und Richter sind es nicht gewöhnt, mit Promis umzugehen.“ Daher plädierte Hassemer dafür, dass Gerichte, bei denen vertrauliche Informationen durchsickern und einer der Beteiligten so einen Nachteil erleide, für diese Fehler haften müssten. (Der Westen)

Auf der einen Seite die Kachelmanns, die in ihrer neuen Rolle als Streiter für Gerechtigkeit aufgehen wollten. Auf der anderen drei Herren, die ihnen die Legitimation dafür madig machten. Dazwischen Jauch, unfähig die Diskussion zu lenken. Zwischenzeitlich verstummte er fast gänzlich, und wenn er sich doch einmal zu Wort meldete, dann so kleinlaut wie ein „Wer wird Millionär?“-Kandidat, der vor lauter Aufregung das Wortspiel in der 500-Euro-Frage nicht versteht. Eine Katastrophe. (Frankfurter Allgemeine)

Die ganz große Quotensensation wurde es nicht, doch einen Staffel-Bestwert bescherte Jörg Kachelmann Günther Jauch am Sonntagabend schon. Nur vier Ausgaben des Sonntagabendtalks hatten seit dem Start mehr Zuschauer. (DWDL.de)