Donnerstag, 18. Oktober 2012, 16:29 Uhr

"Gnade" mit Jürgen Vogel: Laaaaaangsam erzählt, passend zur Weite und Stille

Seit heute ist der Film ‘Gnade‘ in den deutschen Kinos. Gnade kann etwas sein, was einem widerfährt. Welchen Weg hier Gande entlang geht, ist interessant und aus Eigenverständnis nachvollziehbar.

Er, Nils (Jürgen Vogel) betrügt Maria (Birgit Minichmayr) schon lange. Er ist erfolgreich, sie geht in ihrer Arbeit auf, der Sohn (Henry Stange) weiß von nichts. Aufbruchstimmung. Ein gutes Angebot in Norwegen lockt, Flucht aus dem Althergelebten, die Lebensfallen aber ziehen mit.

Nils arbeitet als Ingenieur bei der größten europäischen Gasverflüssigungsanlage, Maria begleitet Sterbende in einem Hospiz, der Junge geht zur Schule.
Schnell wird sichtbar, dass es sich um eine kleine Familie handelt, in der sich trotz ihrer Nähe allesamt fremd sind. Maria wird von Nacht-, Wochenend- und Zusatzschichten gefressen, Nils entfernt sich, sucht und findet die nächste Afaire. Über dies vergessen sie die Seele ihres Sohnes. Der Sohn, auf der Suche nach seinen Eltern, filmt sie heimlich mit seinem iPhone in Alltagssituationen.

Als Maria eines Nachts „etwas“ anfährt, bekommt sie Panik, flieht. Nils fährt noch einmal an die vermeidliche Stelle zurück, sieht und findet aber nichts. Nächsten Tages wird in der Zeitung stehen, dass ein Mädchen, 16 Jahre alt, tot aufgefunden wurde.

Dass etwas nicht stimmt, merkt ihr Sohn sofort. Er sucht Antworten, die er nicht bekommt. Einerseits beginnt er sich zu verschließen, andererseits freundet er sich mit dem „Scheusal“ der Klasse an.

Der Tragweite des Unfalls bewusst, beginnen die Urängste in allen sichtbar zu werden, konstruiert sich ein neuer Weg des Wiederfindens, des stillen aufeinander Zugehens.

Interessant und sensibel zeigt hier Regisseur Matthias Glasner in der norwegisch-deutschen Coproduktion eine Möglichkeit auf, dem Entsetzlichen zu begegnen, mit ihm umzugehen und am Ende einen Weg zu nehmen, der trotz der überall herrschenden Kälte Norwegens nicht warmherziger sein kann.
Vorweg: der Film ist gut.

Persönliche Befindlichkeiten aus einer Kritik herauszulassen sind schmale Gratwanderungen auf dem Weg der Objektivität. Auch wenn man diese berücksichtigt und außen vor lässt, ob einem der Film „gefällt“ oder nicht, so kommt die Geschichte zwar gut ,aber auch etwas schleppend in Gang. Ganz leise brummt hin und wieder die Frage an den Film: „muss man dir alles aus der Nase ziehen?“ Ob hier die langsame Erzählweise der Weite und Stille des meist im Dämmerlicht liegenden Norwegens angepasst wurde, bleibt zu mutmaßen.

Wir sehen eindringlich ruhige Bilder, ja beinahe Porträts aller drei Familienmitglieder, erfahren aber dennoch erstaunlich wenig von ihnen und der Geschichte, die sie vielleicht schon hatten. Als Mittel, um die eigentliche Geschichte zu transportieren, halte ich dies für gewagt, aber nicht für ungelungen.

Erkenntnisse, Ein- und Ansichten offenbaren sich erst zum Ende des Films, fast schon zu spät. Man könnte zusammenfassend sagen: wer die Geduld aufbringt, bis zum Ende dran zu bleiben, der wird belohnt. Sich den Film anzusehen lohnt allemal, denn er ist eine Ode an die Tugend der Ehrlichkeit. Ob das Ende dann so gefällt, ist tatsächlich mal Geschmacksache. Aber es ist so möglich. Ihr Paul Hille

Fotos: Jakub Bejnarowicz/Alamode