Freitag, 01. Februar 2013, 17:39 Uhr

"Schantall, tu mal die Omma winken!": Lässt sich der Kevinismus aufhalten?

Sozialarbeiter Jochen wird von der beschaulichen Kulturbehörde einer Kleinstadt in den Sozialdienst versetzt und trifft dort auf die chaotische Unterschichtfamilie Pröllmann samt Tochter Schantall. Er erhält Einblicke in eine Welt, die ihm bisher gänzlich unbekannt war …

Jochens Arbeitsalltag dreht sich ab sofort um Rückentattoos, Tuningschlitten, Shoppingwahn, Prollurlaub oder Essen vom Fußboden: Als Verfechter des guten Geschmacks erhält er zum ersten Mal Einblicke in ein faszinierendes Milieu, das er zuvor so nicht kannte.

Mit spitzer Feder schreibt Kai Twilfer über eine Familie, die stark von Bildungs- und Niveauarmut geprägt ist. Er leistet damit einen ebenso wichtigen wie amüsanten Beitrag zum Thema “Kevinismus”.

“Die Familie Pröllmann mit Tochter Schantall ist der Prototyp einer deutschen Prollfamilie, die gleich Dutzende Eigenschaften, aber auch Klischees und Skurrilitäten unter einem Dach vereint. Jedes der Familienmitglieder symbolisiert auf seine Art und Weise einen Typus Mensch, wie ihn wohl jeder aus seinem Umfeld in irgendeiner Form kennt”, sagte Kai Twilfer und fügte hinzu: “Ich denke, dass all das Kuriose, was sie in diesem Buch veranstalten, mit voller Überzeugung geschieht, und diese Tatsache macht die Familie Pröllmann nebst Schantall extrem sympathisch. Trotzdem könnte man als Leser vor Fremdscham im Boden versinken. Die Familie hält ihre unglaublichen Erlebnisse schließlich für absolut normal und merkt gar nicht, dass andere das vielleicht etwas anders sehen.”

Das ganzue Buch ist vir allem eine humorvolle Exkursion in die Welt des “Kevinismus”.

Kevinismus ist der krankhafte Zwang auffallend vieler Eltern, ihrem Nachwuchs einen ganz besonderen Vornamen wie beispielsweise Cheyenne, Jason oder Schanaia zu geben. Aber eigentlich geht es bei diesem Phänomen nicht allein um Namen, sondern um eine ausufernde Niveaulosigkeit, die vor allem durch die Unterhaltungsindustrie propagiert wird und in allen Bevölkerungsschichten der deutschen Gesellschaft aufritt – wenn auch die bildungsferne Unterschicht besonders betroffen zu sein scheint.

Der Grad der Geschmacksarmut nimmt mittlerweile pandemische Züge an und wirkt sich auf viele Bereiche wie Ernährung, Sprache, Mode, Medienkonsum, Reisen oder Freizeitgestaltung aus. Zeitgeistige kulturelle Exzesse wie Doku-Soaps, Castingbands, Ballerspiele und Talentwettbewerbe sind dabei die Säulen eines Lebensstils, der die medienfernen Bevölkerungsschichten schlichtweg erschaudern lässt. Können wir die Welle der Geschmacksverarmung in Deutschland noch aufhalten oder ist es dafür schon zu spät?

Zehn Sätze, mit denen man sich unmittelbar als Kevinist zu erkennen gibt:

1. “Mama, die Currywurst aus der Mikrowelle schmeckt nicht.”
2. “Ja, Sie haben richtig gehört, ich will den Wagen in Mattschwarz umlackiert haben!”
3. “Sach ma für den Papa, wir tun jetz SALE gehen.”
4. “Boah Mutta, den HDMI is den Scart sein großer Bruder.”
5. »Alter, wie uncool chillst du denn?«
6. “Fanessa, Schanaia, Schackeline und Marlon, ab inne Betten, sonst”
7. “Tschessika, tu ma fu?r den Jason seine Schwester Bescheid sagen!”
8. “Kann kein Mathe, muss ich googlen.”
9. “Morgen fahren wir alle mit dem Bus nach Lloret de Mar.”
10. “Schantall, tu ma die Omma winken!”

Das satirische Porträt “Schantall, tu mal die Omma winken!” erscheint am 15. Februar 2013 im Verlag ‘Schwarzkopf & Schwarzkopf’

Fotos: Schwarzkopf & Schwarzkopf