Montag, 04. Februar 2013, 19:22 Uhr

NDW-Ikone Peter Schilling: "Vom Burnout zurück ins Leben"

Peter Schilling ist eine Ikone der 80er-Jahre und der sogenannten Neuen deutschen Welle und Schöpfer gefeierter Hits wie “Major Tom” und “Die Wüste lebt”. Nun präsentiert er seine Autobographie ‘Völlig losgelöst. Mein langer Weg zum Selbstwert. Vom Burnout zurück ins Leben’, über die wir letzte Woche berichteten.

Peter Schilling beschreibt, wie man sich vom Gefühl, “nichts wert zu sein”, befreien und zu einem erfüllten, glückhaften Leben finden kann. Aus eigener, schmerzhafter Erfahrung rät er, nicht auf den Erfolg zu warten, sondern zeigt, wie wir ihn uns selbst machen können.

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch ‘Völlig losgelöst. Mein langer Weg zum Selbstwert – vom Burnout zurück ins Leben’.

Anfang der Nuller-Jahre hatte ich mein Burnout zwar weitestgehend überstanden, mich wieder aufgerichtet, der Marktwert von Peter Schilling, also meine Karriere als Bühnenkünstler, lag jedoch inzwischen am Boden. Kreativ war ich bekanntlich jahrelang außer Gefecht gesetzt gewesen, Konzerte, TV-Shows etc. – alles Vergangenheit.

So entschied ich mich für einen sanften Einstieg zurück ins Geschäft. Dachte ich. Spielte Solo-Auftritte, sogenannte Halbplayback-Jobs. Keine tatsächliche Herausforderung, aber ein florierendes Geschäft. Drei Jahre nach Aufnahme dieser Jobs zählte ich bis zu 139 Termine im Jahr. An Aufträgen mangelte es also nicht, aber meine Künstlerseele litt entsetzlich. Es waren Auftritte in Kaufparks, zwischen Einkaufswagen und Coffeeshops, und Auftritte in Diskotheken, grundsätzlich nichts Verwerfliches, aber manchmal mit widerlichem Beigeschmack, so wie diesem: Eine Veranstalterin hatte mich in ihren Club gebucht.

Es handelte sich um eine Ü30-Party, bei der es dem Publikum wohl darum ging, sich schnellstmöglich bewusstlos zu saufen, um keinen klaren Gedanken mehr fassen zu muüssen. Die Veranstalterin war wohl auf Drogen, jedenfalls kam es mir so vor, als habe sie mich nicht zum Singen, sondern für ihre privaten Zwecke gebucht. Und der sogenannte Sound-Engineer hing über seinem Pult, über das er soeben erbrochen hatte. War es das, weswegen ich in den 70er-Jahren vor meiner Mehrspurmaschine in Omas Schlafzimmer gesessen hatte, war es das, warum ich jahrelang geprobt hatte, mir das Songschreiben beigebracht hatte? War das übrig geblieben von meiner wahren Liebe zur Musik? Mir war entsetzlich schlecht, ich schämte mich vor mir selbst. Keine Frage, wo sich zu jenem Zeitpunkt mein Selbstwert befand…

Wenn man mich in Interviews als Botschafter des deutschen Kinderschutzbundes nach meinem Bezug zu diesem Engagement fragt und dann schnell auf meine eigene Kindheit zu
sprechen kommt, ist es mir ein besonderes Bedürfnis, kundzutun, dass die blauen Flecken, resultierend aus der Gewalt, die einem schutzbefohlenen Wesen angetan wurde, eines Tages nicht mehr sichtbar sind. Damit ließe sich, ich spreche eben aus eigener Erfahrung, vielleicht sogar noch umgehen. Am schlimmsten jedoch ist der zusammengeprügelte Selbstwert.



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Da sind wir wieder beim Thema: Dieses »Nicht-angenommenworden-Sein« begleitet einen durch das ganze Leben. Wie gut Sie so ein Trauma bearbeiten, davon hängt ab, wie Sie später durchs Leben gehen.

Ich weiß heute, wie auch schon an mehreren Beispielen deutlich gemacht, dass ich mir meine sagenhafte Karriere damals Stück für Stück selbst zerstörte, scheibchenweise eine Fehlentscheidung nach der anderen traf. Auch ich konnte mir auf dem Olymp seinerzeit nicht erklären, wie mich alle Welt so lieben konnte. In mir war schließlich der Prägestempel, der besagte: »Du bist schuld, du bist nichts wert.« Genau aus diesem Gefühl heraus war ich wohl auch in besagter Diskothek gelandet…

»Mein« Therapeut hat mich in zahlreichen Sitzungen und intensiver Auseinandersetzung mit meiner Geschichte wieder zu einem gesunden, selbstwertstarken Menschen gemacht. Ein harter Prozess, kann ich Ihnen sagen. Denn ohne diesen hätte ich für mein Versagen, meine Misserfolge immer meine Kindheit schuldig erklärt. Natürlich soll das nicht die Gewalttätigkeit meiner Mutter, ihre Unfähigkeit, angemessen für ihren kleinen Sohn zu sorgen, relativieren und in irgendeiner Weise gutheißen. Und doch war es für meine Heilung immens wichtig, mit meiner Vergangenheit Frieden schließen zu können.

Als ich das, auf mein Leben bezogen, endlich begriffen hatte, war ein neuer, qualitativ anderer Sprung in meiner Karriere möglich.

Wie das machbar war? Ich habe beschrieben, dass der Mensch eine Gesamtpersönlichkeit darstellt, bestehend aus Fehlern, Schwächen, Stärken, Fähigkeiten, eigener Optik und vielem mehr. Erst wenn er – vereinfacht formuliert – alle seine Teile dieser Persönlichkeit annimmt, wirkt er nach draußen schlüssig, ist authentisch. Zu glauben, man könne unliebsame Teile von sich einfach so abstoßen, ist falsch. Dann fehlen Bausteine im komplexen System des eigenen ICH.

Vielleicht haben Sie schon einmal bemerkt, dass, wenn Sie mit Kollegen gemeinsam für eine Arbeit kritisiert wurden, jeder unterschiedlich damit umging. Einer ganz entspannt, der andere selbstkritisch, wiederum andere – vielleicht auch Sie selbst – gekränkt. Eine alte, vereinfacht formulierte Regel aus der Psychologie besagt, dass alles, was dich länger als drei Minuten beschäftigt, mit dir zu tun hat. Fühlen Sie sich also gekränkt und lässt Sie der Gedanke nicht los, oder versuchen Sie unter Umständen, Schuld zu verteilen, dann sollten Sie besser ganz woanders nachforschen, nämlich bei sich selbst.

Auch wenn es zunächst nicht so aussieht, aber es entspannt ungemein, wenn Sie es kontinuierlich tun. Stellen Sie sich Ihren Selbstwert wie das Immunsystemvor. Ist Letzteres geschwächt, kommen Grippeviren schneller zum Ziel. Und das Ergebnis: Sie sind öfter krank. Ist der Selbstwert geschwächt, schlägt jedes kritische Wort, jeder schräge Blick zu Buche. Sie fangen an zu grübeln, nehmen alles persönlich und fu?hlen sich noch unsicherer. Wichtig ist also, dass wir lernen, wohlmeinende von destruktiver Kritik zu unterscheiden.

Man weiß inzwischen, dass so ziemlich jede psychische Störung mit einer Verletzung des Selbstwertgefühls zusammenhängt. Umgekehrt aber lässt sich sagen, dass auch bei »psychisch Gesunden« der Selbstwert in den verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann.

Das Ziel muss also sein, dass ich eine anhaltende Stärkung meines Selbstwertes erreiche. Seien Sie Ihr eigener Bilanzbuchhalter und notieren Sie ganz wertfrei Ihre Stärken und Schwächen.

Wenn Sie einen ehrlichen und vertrauenswürdigen Menschen bitten, Ihre Außenwirkung ebenfalls in PRO und KONTRA zu gliedern, dann haben Sie einen guten Richtwert. Stufe 2 sollte sein, dass wir aufhören, von aller Welt geliebt werden zu wollen.

Typisch für Selbstwertschwache ist nämlich auch, dass sie meinen, man finde nur im Außen Anerkennung. Ist Ihr Chef also heute nicht zufrieden mit Ihrer Leistung, kann und darf es nicht sein, dass Ihre komplette Tagesform davon abhängt. Nur, weil Ihr Sohn nicht mehr möchte, dass Sie ihn zum Sport fahren, weil er sich dafür zu alt fühlt, sollte das ebenfalls nicht mit »Beleidigtsein« einhergehen.

Um ins Thema hineinzufinden, ist es erst einmal ganz hilfreich, sich die Bereiche herauszusuchen, in denen Sie stark sind, wo nichts und niemand Ihren Selbstwert erschüttern kann, gewissermaßen Ihr individuelles Stärkeprofil anzulegen.

Ich erinnere mich, dass mich meine Deutschlehrerin für einen Aufsatz tadelte und ich mit einer 5 von dannen zog. Erschu?ttert hat mich das aber nicht. In diesem Fall war mein Selbstwert offensichtlich nicht geschwächt, denn ich wusste, dass ich in demBereich etwas draufhabe. Im Schnitt betrifft noch heute jede zweite Mail, die mich über Facebook von meinen Fans erreicht, die Qualität meiner Texte. Ich lag damals also offensichtlich nicht ganz falsch.

Als ich fruüher mal mit einemschlechten Zeugnis nach Hause kam, hörte ich von meiner Mutter nur: »Dann wird er halt Handwerker!« Das hat mich so gekränkt, dass ich bis Mitte 40 keine Bohrmaschine angefasst habe. Erst nach meiner Scheidung, ich war schon knapp 50, habe ich den ersten Wasserhahn repariert. Und als ich zwischendrin ein wohlgemeintes Geschenk, ein Heimwerkerbuch, bekam, fühlte ich mich angegriffen, empfand es als Anmaßung. Das aber ist nicht der Fehler anderer, sondern meint eben nur, dass ich mich mit speziell diesem Bereich aussöhnen musste.

Dehnen Sie diese Bereiche aus. Gehen Sie raus aus Ihrer Opferrolle. Und irgendwann merken Sie, dass Sie so schnell nichts mehr kränken kann.
Noch ein, zwei Beispiele aus meinem ganz persönlichen Selbstwert-Katalog? Seit inzwischen über 30 Jahren bin ich selbstständig tätig. Da gehört es natürlich dazu, dass ich Wochenenden komplett durcharbeite, nächtelang im Studio sitze, in zwei Tagen knapp 2.000 Kilometer selbst mit dem Auto zurücklege und dazwischen Fernsehtermine absolviere. Ein ganz normaler Arbeitsrhythmus, den ich mir immer gewünscht habe. Wenn ich jedoch dann, was recht einfach zu erklären ist, zeitweise erst um 10.30 Uhr aufstehe, plagt mich – inzwischen seltener – immer noch das schlechte Gewissen, ich sei faul, weil ich nicht um 8 Uhr an die Arbeit gehe. Ja, das ist wirklich wahr.

Wenn ich mir früher das »Handelsblatt« zu lesen holte, überkam mich manchmal beim Lesen das schändliche Gefühl, alle außer mir wu?ssten wahnsinnig viel. Dabei müsste ich, könnte man denken, bei meinen künstlerischen wie unternehmerischen Erfolgen gar keine Komplexe haben. Es war ein langer Weg zu dieser Erkenntnis, doch er hat sich gelohnt.

Fotos: MTR München