Samstag, 16. Februar 2013, 11:17 Uhr

Aus den Slums nach Bollywood: Die Kinder von Mumbai

In einer dunklen Hütte tief in einem der größten Slums Asiens schreit Barburo Ladsahib, damit ihn seine Schüler über die plärrende Bollywood-Musik aus zwei alten Boxen verstehen.

“Schließt die Schere, öffnet die Schere, 4, 3, 2, 1”, ruft er ihnen zu und tanzt den Takt der Schritte vor. Die Kinder hüpfen und drehen sich wie ihr Lehrer, der zwar eine Halbglatze und Schnurrbart trägt, seine Hüfte aber wie berühmte Schauspielerinnen schwingt.

Genau das wollen sie hier alle werden: berühmt. Die indische Bollywood-Filmindustrie liegt nur wenige Kilometer entfernt, doch meistens trennen den Slum Dharavi und den schicken Vorort Welten. Manchmal aber kann Ladsahib helfen, eine Brücke über diese Distanz zu bauen. Seit 30 Jahren unterrichtet er Kinder und Jugendliche aus dem Slum und bringt sie in Nebenrollen in Kinofilmen oder Fernsehserien unter. 144 Schüler hätten das geschafft, erzählt er.

Jay Holmukhe wartet noch auf die große Rolle. Stolz erzählt der 15-Jährige aber, dass er in dem Oscar-Film ‘Slumdog Millionär’, der in seinem Slum Dharavi spielt, einen Bettler verkörpert. Der schüchterne Junge kommt jedes Wochenende in die Hütte, vor der ein großes Schild für “5 Sterne Schauspielkunst Tanzen Kämpfen” wirbt. Er hofft, dass eines Tages ein Regisseur vorbeischaut und ihn entdeckt. “Eigentlich kommt er, um die Mädchen anzugucken”, scherzt Ladsahib.

Dann springt der 50-Jährige mit der roten Hose wieder auf und es geht weiter. Mit weit ausladenden Bewegungen animiert er die Schüler. “Du bist festgenommen”, ruft er und zieht eine imaginäre Waffe. Etwa 25 Kinder sitzen vor ihm auf dem löchrigen Betonboden und ziehen mit. Dann erschrecken sie mit großer Geste wie ihr Lehrer. Und fauchen. Und hängen Wäsche auf.

In der nächsten Stunde unterrichtet er Boxen wie die Helden. Ein Schlag, Drehung und Fußkick. Die Schüler lachen und beginnen einen kleinen Kampf miteinander. Da wird Ladsahib plötzlich ernst. “Bitte lacht nicht”, sagt er. “Schaut mir zu, lernt es richtig. Wenn ihr 1000 Rupien (14 Euro) nach Hause bringt, macht ihr eure Eltern glücklich.” Das Training koste 600 Rupien monatlich, aber talentierte Schüler unterrichte er auch kostenlos, sagt Ladsahib.

Er selbst kam zum Film über das Malen, eigentlich produziert er Reklameschilder. “An einem Filmset mussten einmal zwölf Läden angemalt werden. Das habe ich gemacht. Und wurde ein Freund der Szene”, erzählt er. Auch spielte er einige Nebenrollen und merkte, dass die Filmemacher oft Gangster, Krankenhauspatienten, Betrunkene und ärmlich aussehende Kinder suchen, die passenden Darsteller aber in den Schauspielklassen der Mittelschicht nicht finden. «Warum es also nicht selbst machen?», fragte er sich damals.

Damit reihte sich Ladsahib ein in die zahllosen Talentsucher, Statisten-Jäger und Selfmade-Trainer, die den Hoffnungssuchenden Mumbais Eintritt in die Glitzerwelt versprechen. Bollywood ist eine riesige Maschine, die jedes Jahr etwa 900 Filme produziert, für die drei Milliarden Tickets verkauft werden. Die Stars der Leinwände drehen meist mehrere Filme gleichzeitig, sind dazu im Fernsehen ständig in der Werbung zu sehen und genießen gottgleichen Status in Indien.

In der immerwährenden Hoffnung, sie irgendwann dorthin zu bringen, nutzt Ladsahib den 30 Quadratmeter kleinen Raum über seiner Wohnung auch als Studio, um Bewerbungsfotos anzufertigen. Außerdem, so steht es auf den Schildern entlang der Wände, lernen sie hier, “wie man einen Schal präsentiert”, “wie man mit einem Keks posiert” oder ein “Haaröl-Model” darstellt. Auch andere Besonderheiten des indischen Films wie Schwertkampf, Messerkampf und einen Dialog zu sprechen, während man verprügelt wird, lehrt er.

Und dann kommt tatsächlich Besuch, die stellvertretende Casting-Direktorin eines kleinen Independent-Films schaut vorbei. Aufgeregt zeigen die Jungen und Mädchen, wie viele verschiedene Gesichtsausdrücke sie beherrschen. Chaitra Yadavar dämpft ihre Hoffnungen: Der Film habe nur ein kleines Budget. Doch sie verrät, weswegen sie nach Dharavi kam: “Wir brauchen 20 bis 25 Kinder, die wie Slum-Kinder aussehen.” (dpa)

Foto: dpa/Doreen Fiedler