Mittwoch, 20. Februar 2013, 19:02 Uhr

Joaquin Phoenix in "The Master": Sektendrama mit Starbesetzung

Der Name L. Ron Hubbard kommt in dem Sektendrama ‘The Master’ nicht vor. Auch nicht der Begriff Scientology. Aber die Parallelen mit der umstrittenen Organisation, die der Autor L. Ron Hubbard 1954 in den USA gründete, liegen auf der Hand.

In dem bildgewaltigen und packenden Drama von US-Regisseur Paul Thomas Anderson (‘There Will Be Blood’) verwandelt sich Oscar-Preisträger Philip Seymour Hoffman (‘Capote’) in einen charismatisch-herrischen Guru, der seinen Anhängern Heilung und Glück verspricht.

Er heißt Lancaster Dodd, doch seine Schüler nennen ihn nur ‘The Master’, den Meister. Wie Hubbard schart er im Nachkriegsamerika der 1950er Jahre immer mehr Anhänger um sich. Mit Hypnose und intensiven Zweiergesprächen nimmt er sie in Beschlag. Dass der Scientology- Gründer Pate stand, räumte Anderson bei der Weltpremiere des Films im vorigen September bei den Festspielen in Venedig ein. Er wisse nicht sehr viel über Scientology, gerade zur heutigen Zeit, sagte der Regisseur. “Ich weiß aber viel über die Anfänge dieser Bewegung. Das hat mich inspiriert, es als Hintergrund für diese Charaktere zu verwenden.”

Das fiktive Epos ist weit davon entfernt, die von Kritikern als gefährliche Sekte angesehene Organisation anzuprangern oder Skandale aufzudecken. Vielmehr ist es ein Psychodrama über die Suche nach Zugehörigkeit, Machthunger und Abhängigkeit. Der Guru spielt darin die Nebenrolle, die Hauptfigur ist seine rechte Hand, der dubiose Anhänger Freddie Quell.

Mit ungeheurer Intensität verwandelt sich Joaquin Phoenix (‘Gladiator’, ‘Walk the Line’) in den traumatisierten Kriegsveteranen und einsamen Alkoholiker, der zufällig und betrunken eines Nachts auf die Jacht des Sektenführers stolpert. Vom blinden Passagier wird er zum blind ergebenen Anhänger, dann zum Zweifler an den Methoden und absurden Ideen des Lehrers.

Phoenix ist die quälende Zerrissenheit auf den Körper geschrieben. Die Kamera fährt nah über sein zerfurchtes Gesicht. Mal läuft er mit gebeugten Schultern, mal hebt er die Fäuste zum Angriff hoch. Besessen rennt er in einem Zimmer zwischen zwei Wänden hin und her, wenn Lancaster Dodd dies als Therapie befiehlt.

Hoffman ist das kontrollierte Gegenstück zu dem animalisch- impulsiven Schüler. “Ich bin Schriftsteller, Arzt, Kernphysiker, theoretischer Philosoph, aber vor allem bin ich ein Mann, genau wie Sie”, trumpft er bei ihrer ersten Begegnung überheblich auf. Anderson packt homo-erotische Momente in die komplexe Beziehung der ungleichen Männer. Mit genialer Schauspielkunst gehen Hoffman und Phoenix unter die Haut.

Ihr fesselnder Schlagabtausch über 137 Minuten hinweg brachte ihnen höchstes Kritikerlob und Preise ein. In Venedig wurden sie zu den besten Schauspielern gekürt, Anderson gewann den Silbernen Löwen für die beste Regie. Bei der Oscar-Verleihung (am 24. Februar) könnte Phoenix als Hauptdarsteller Gold holen, Hoffman ist als Nebendarsteller nominiert. Die dritte Oscar-Hoffnung für ‘The Master’ liegt bei Amy Adams. Die Schauspielerin glänzt als Dodds Ehefrau Peggy, vordergründig brav und geduldig, in Wirklichkeit aber berechnende Powerfrau an der Seite des Gurus.

Fünf Jahre nach dem genialen Kapitalismusdrama ‘There Will Be Blood’ – mit Daniel Day-Lewis als gieriger Ölmagnat – beweist sich Anderson mit ‘The Master’ wieder als Meister seiner Kunst. Im seltenen 70mm-Format liefert er brillante Bilder, mit einem schwelgerischen Set-Design fängt er die 50er Jahre ein. Perfekt untermalt von dem Komponisten Johnny Greenwood, der 2008 in Berlin mit ‘There Will Be Blood’ den Silbernen Bär für die beste Musik holte. Opulentes Kino, Starbesetzung und ein heikler Stoff – «The Master» zieht die Zuschauer in den Bann, so wie Lancaster Dodd seine Anhänger fesselt. (Barbara Munker/dpa) 025

Fotos: Senator