Mittwoch, 27. Februar 2013, 19:05 Uhr

Natascha Kampusch ist entsetzt über das Buch ihres Vaters

Während das österreichische Entführungsopfer Natascha Kampusch heute Abend Berlin einen Besuch abstattet, überraschte ihr Vater pünktlich zur Premiere des Films ‘3096 Tage’ mit dem Buch ‘Vermisst’ (“Missing”) des britischen Autors Alan Hall, in dem er die Entführungsgeschichte seiner inzwischen 25-jährigen Tochter in großen Teilen anzweifelt.

Ludwig Koch wolle seine Sicht der Dinge darstellen, zitiert oe24.at den Mann.

In dem Buch geht es um die angebliche Vertuschung von Aussagen der Zeugin Ischtar A., die Schülerin war im März 1998 offenbar Augenzeugin der Entführung am Rennbahnweg in Wien-Donaustadt. Sie habe zwei Entführer gesehen.

In dem Buch heißt es dazu: “Ich bin das zweite Opfer der Entführung. Ich weiß, es waren zwei Männer, der zweite blieb die ganze Zeit am Fahrersitz“, wird Ischtar A. zitiert. „Sie haben mich gesehen, sie wissen, ich bin Zeugin. In all den Jahren hatte ich Angst, dass sie zurückkommen, um mich zu holen.”

Zudem gehe es auch um die Rolle von Priklopil-Freund Ernst H.

Natascha Kampusch ist über ein Buch ihres Vaters entsetzt. “Ich bin so erschüttert”, sagte die 25-Jährige am Mittwoch in München.

“Es soll eine Analyse des Falls sein”, sagte der britische Autor der Nachrichtenagentur dpa. “Es ist Ludwigs Geschichte. Er glaubt, dass Natascha noch nicht wirklich bewältigt hat, was in diesem Haus geschehen ist.” Darin heißt es u.a.: “Der Keller schaut so aus, als wenn in diesem Raum nie jemand für lange Zeit lebte. Das Mädchen aus dem Keller ist ein Mythos. Sie wartete mit ihrer Flucht, bis sie 18 war, weil sie nicht in ein Heim wollte oder zu ihrer Familie zurück.”

Das Buch soll in rund zwei Wochen als eBook erscheinen.

Laut dem Internetportal oe24.at soll Koch unter anderem anzweifeln, dass sie wirklich jahrelang in einem Kellerverlies leben musste. Kampusch, die den beklemmenden Film ‘3096 Tage’ vorstellte, der auf ihrem Buch über ihre Entführung beruht, sagte: “Ich werde nachdenken müssen und Spaziergänge machen müssen.” Sie habe nichts von dem Buch gewusst. “Ich bin sprachlos.” Das Verhältnis zwischen Kampusch und ihren Eltern gilt seit langem als schwierig.

Kampusch wurde als Zehnjährige gekidnappt und war jahrelang in der Gewalt ihres Peinigers Wolfgang Priklopil. Im August 2006, im Alter von 18 Jahren, gelang ihr die Flucht, die sie “Selbstbefreiung” nennt. Priklopil warf sich daraufhin vor einen Zug. Der Film, an dem Kampusch mitgearbeitet hat, habe “viel wieder aufgewühlt”. “Es hat mich sehr belastet.”

Die lange Zeit ihrer Entführung habe sie mit einem “Glauben an Frieden, Gerechtigkeit und Harmonie” überstanden. Den habe sie immer noch nicht verloren. “Das hat etwas mit einer inneren Einstellung zu tun und mit gewissen Moralvorstellungen”, sagte sie. “Ich habe aus der Zeit eine bessere Konzentration auf mich und meine Belange.”

Der Hass, der ihr vor allem in ihrer Heimat Österreich entgegen schlägt, sei allerdings nur schwer zu verstehen und zu ertragen. Nachdem sie in der U-Bahn auch körperlich angegriffen worden sei, fahre sie heute mit dem Taxi. “Viele Menschen wollen das, was ich erlebt habe, eben nicht an sich heranlassen.”

Mehr als acht Jahre hatte Kampusch während ihrer Entführung keine andere Bezugsperson als ihren Entführer, den sie als psychisch krank bezeichnet. “Es wäre besser, er würde noch leben, damit er sich rechtfertigen muss und nicht ich.”

‘3096 Tage’ erzählt keine Opfergeschichte, sondern die Geschichte einer Überlebenden. Der Film stellt sich dem Thema in seiner ganzen Komplexität. Eine Gratwanderung – doch die Mehrheit der rund 1000 Premierengäste war sich einig: “3096 Tage” ist ganz hervorragend gelungen. Bewegend, aber nicht rührselig geht der Film mit dem sensiblen Thema um.

Regisseurin Sherry Hormann: “Es ist ein Film über die Kraft, die in einem Kind stecken kann. Ihre Stärke, die über seine Macht gewinnt, steckt in uns allen und macht Mut.”(dpa/KT) 026

Fotos: dpa/Helmut Fohringer, Constantin