Freitag, 01. März 2013, 14:49 Uhr

"3096 Tage": Natascha Kampuschs Überlebenskampf ist schwer zu ertragen

Wie im Traum gleitet das blonde Mädchen die menschenleere Skipiste in einer weiß getünchten Gebirgslandschaft hinab. “Es war klar, nur einer von uns konnte überleben. Und am Ende war ich es und nicht er”, sagt eine Stimme aus dem Off.

Damit ist das Thema in ‘3096’ Tage gesetzt, sollte man meinen. Ein Zweikampf zwischen Natascha Kampusch und ihrem Entführer, der sie achteinhalb Jahre gefangen hielt. Der Beginn des Films weist jedoch in die Irre.

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Für das Mädchen (Amelia Pidgeon) und später die junge Frau (Antonia Campbell-Hughes) im Kellerverlies geht es weniger um einen Zweikampf als ums reine Überleben, um die Rettung der eigenen Persönlichkeit und um das Ertragen des unfassbaren Leids.

Der arbeitslose Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt) entführte die damals zehnjährige Natascha am 2. März 1998 auf ihrem Weg zur Schule. Achteinhalb Jahre hielt er das Mädchen in einem fünf Quadratmeter kleinen Kellerverlies unter seinem Haus in der Nähe von Wien gefangen und misshandelte es schwer, körperlich und seelisch. Am 23. August 2006 konnte die inzwischen 18-jährige Frau fliehen. Der Entführer warf sich vor die S-Bahn.

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Ein Teil des Drehbuchs stammt noch vom dem vor zwei Jahren überraschend gestorbenen Produzenten Bernd Eichinger. Die Umsetzung des Films übernahmen die Regisseurin Sherry Hormann (‘Wüstenblume’) und ihr Ehemann, der preisgekrönte Kameramann Michael Ballhaus. Sie drehten mit weitgehend unbekannten Schauspielern in englischer Sprache.

Dabei schont die Regisseurin die Zuschauer nicht. Kein Aspekt des Martyriums von Kampusch wird ausgelassen: Der Entführer quält Natascha Kampusch mit Einsamkeit und Drohungen. Er lässt sie jahrelang hungern, verprügelt sie brutal und vergewaltigt sie. Bei ihrer Flucht wiegt die abgemagerte 18-Jährige nur noch 38 Kilogramm, so viel wie als 10-Jährige bei der Entführung.

Auf ihre verzweifelten Bitten um Kontakt zu ihrer Mutter antwortet Priklopil: “Ich bin deine Familie. Ich bin alles für dich, weil ich dich erschaffen habe.”

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Um die Isolation zu überstehen, gibt Kampusch sich selbst mit Hilfe eines Lexikons Schulunterricht. Sie wechselt zwischen Anpassung und Auflehnung gegen ihren Entführer. In ihren schlimmsten Momenten habe sie versucht, das Geschehen wie aus der Ferne zu betrachten, als ob sie ihren eigenen Körper verlassen habe, berichtet sie später.

Nicht nur die Kamera, auch die Tonspur fängt die klaustrophobische Atmosphäre ein. Der Ventilator, die Tür des Verlieses, ein Uhrticken – jeder Ton dröhnt zuweilen unerträglich in den Ohren der Gefangenen.

Auf Tränenfluten oder eine dramatische Musikuntermalung verzichtet der Film – aber nicht auf Nackt- und Vergewaltigungsszenen, die teilweise voyeuristisch erscheinen. In ihrer Autobiografie wollte sich Kampusch diesen Rest an Privatheit bewahren. Die Verfilmung ist da weniger zurückhaltend.

Trotzdem bleibt «3096 Tage» sachlich. Er bildet ab, was passiert ist. Auch die scheinbare Endlosigkeit der Gefangenschaft, die sich in einzelnen nummerierten Tagen im Ablauf von Hunderten und Tausenden anderer Tage zeigt.

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Gerade wegen seiner realistischen Abbildung ist vieles für den Zuschauer schwer zu ertragen. Die Regisseurin Hormann argumentiert, ihr gehe es vor allem um die innere Kraft dieses heranwachsenden Kindes. Der Film könne trotz allem «sehr viel Mut machen».

Als der Entführer bei einem gemeinsamen Aufenthalt im Vorgarten nicht aufpasst, kann Kampusch fliehen. Der Film endet wenig später. Für die echte Natascha Kampusch endet ihre Gefangenschaft nie, wie sie kürzlich in einer Talkshow über ihr Trauma sagte. (dpa/Andreas Rabenstein) 034

Fotos: Constantin