Samstag, 02. März 2013, 17:56 Uhr

Was ein Locationscout beim Film macht: "Ich suche das, was es nicht gibt"

Rüdiger Jordan biegt in eine kleine Seitenstraße ein. Ältere nicht renovierte Häuser, Kopfsteinpflaster. “Das könnte eine Kulisse für einen 70er-Jahre-Film sein.”

Sein Blick wandert nach oben zu einem Leuchtreklameschild eines asiatischen Imbisses. Er grinst verschmitzt. Das Schild müsse natürlich abgebaut werden, aber ansonsten würde es gut passen. Es sind die Kleinigkeiten, die sein geschultes Auge schnell erkennt. So will es sein Beruf: Jordan ist Locationscout.

Von Jahr zu Jahr erteilt die Medienstadt Köln mehr Genehmigungen für Drehorte. Doch diese “Locations” müssen erst mal gefunden werden. Eben das ist die Aufgabe eines Locationscouts wie Rüdiger Jordan. Rund 40.000 Kilometer fährt er im Jahr, um Räumlichkeiten zu entdecken wie einen alten Kölner Hörsaal, der für den Film «Hannah Arendt» einfach mal ein amerikanischer Hörsaal wurde.

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Es gibt zwar keine Ausbildung zum Locationscout, doch die Tätigkeit fasst der 43-Jährige kurz und bündig so zusammen: “Ich suche das, was es eigentlich nicht gibt. Ich muss mir vorstellen: Welche Ecke könnte auch in Paris sein?” Die in Köln angesiedelten Produktionsfirmen möchten nämlich nicht für eine Drei-Minuten-Szene nach Paris fahren. Das wäre zu teuer. Daher gibt es Leute wie Jordan, die durch die Stadt fahren und Orte suchen, die einen universellen Zugang ermöglichen. Dabei sind Kölner Wahrzeichen wie Dom oder Rhein eher störend.

Durch die Digitalisierung ist es einfacher geworden, Dinge wegzuretuschieren, aber es ist immer noch “schöner und billiger”, viele Originalaufnahmen zu bekommen. Die Drehort-Sucher müssen einiges beachten, wie Jordan lachend erklärt: “Was nützt das schönste Motiv, wenn es keine Parkmöglichkeit für die Crew gibt?” Deshalb sei das Finden eines Ortes immer ein Prozess, bei dem sich die Filmcrew und der Locationscout einander annähern müssten. «Ich bin dabei auch ein Vermittler zwischen Wunsch und Wirklichkeit.»

Häufig sind potenzielle Drehorte in Privatbesitz. Die Leute, denen solche Orte gehören, heißen im Jargon der Branche “Motivgeber”. Um sie davon zu überzeugen, den Platz zur Verfügung zu stellen, ist oft diplomatisches Geschick erforderlich. “Man muss ihnen klar machen, dass man mit 40 Leuten in ihre Privatsphäre eindringt.”

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Finanziell kann es sich durchaus lohnen. Bei einem einzelnen Drehtag in einer bewohnten Wohnung gibt es eine Monatskaltmiete. Deshalb melden sich immer mehr Menschen von alleine bei Jordan, um ihm ein Motiv anzubieten. Bei längeren Drehs wird der Tagessatz etwas geringer.

Immer wieder gibt es auch Motivgeber, denen der Inhalt eines Films nicht zusagt. “Bei Lars von Triers ‘Nymphomaniac’ waren vielen Motivgebern die expliziten Sexszenen zu heiß.” Manchmal ziehe dann noch das Argument, dass es hier um große europäische Filmkunst gehe. “Außerdem trifft man da Darsteller, die man sonst nur aus Illustrierten kennt.”

Für Lars von Triers Film ‘Antichrist’ sollte Jordan zuerst eine Waldlichtung “ähnlich den Rocky Mountains” finden. “Mit einer großen Eiche und einer Hütte. Dann hieß es, guck nach einer Hütte oder einer alten Eiche auf einer Lichtung in hügeliger Landschaft, das Fehlende bauen wir. Letztlich wurden Hütte und Baum gebaut.” Die Waldlichtung in den Bergen aber – die hat er tatsächlich gefunden: im Siegtal bei Windeck in Nordrhein-Westfalen. (dpa, Paul Tschierske,) 033

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