Mittwoch, 06. März 2013, 11:23 Uhr

In Bayern kommt die Kirche jetzt ins Dorf gefahren

Die Kirche im Dorf lassen? Warum eigentlich? Eine Kirche besteht normalerweise aus Stein, beherbergt oft Kunstschätze – und der Pfarrer muss darauf hoffen, dass die Gläubigen am Sonntag zum Gottesdienst kommen.

Bei einem Projekt evangelischer Arbeitnehmervereinigungen in Bayern ist das anders – da kommt die Kirche zu den Menschen. Denn die Verantwortlichen haben in Marktredwitz einen ausrangierten Bauwagen zur Kirche umgebaut.

Der kann über die Autobahn gefahren werden und dann dort abgestellt werden, wo die Menschen nach Einschätzung der Kirche Zuspruch und Unterstützung brauchen – bei drohenden Firmenpleiten etwa, wenn die Arbeitnehmer Angst haben, auf der Straße zu landen. “Kirche ist da, wo Menschen in Not sind”, sagt Klaus Hubert, Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der evangelischen Landeskirche (afa).

Die Idee für die Bauwagenkirche hatte Karlheinz Seidel, der frühere afa-Landeschef, als es bei einer Synode um die Frage ging, was Kirche vor Ort bedeute. “Kirche ist nicht nur ein statisches Gebäude”, sagt Seidel. Ein Bauwagen schien ihm ideal, schließlich biete er Menschen, die draußen hart arbeiten müssen, Schutz.

Rund 1000 Arbeitsstunden investierten zahlreiche Helfer, um im Jahr 2006 aus dem gebrauchten Bauwagen eine Kirche zu machen: Fenster wurden ausgesägt, eine Glocke befestigt. Das Innere ist mit Holz verkleidet, Kirchenbänke sind aufgestellt, das schlichte Kreuz ist mit Steinkohle ausgekleidet. Sogar offiziell geweiht ist das Gotteshaus auf Rädern.

Ihren großen Auftritt hatte die Bauwagenkirche bei der Pleite des mittelfränkischen Versandhausriesen Quelle 2009. “Kirche geht dahin, wo die Brennpunkte sind, also auch in die Arbeitswelt”, betont Hubert. Von der Treppe der Bauwagenkirche aus wurden vor dem Quelle-Gelände Predigten und Ansprachen gehalten. Das Innere bot Rückzugsmöglichkeiten für Menschen, die in diesen Tagen ihre berufliche Existenz verloren hatten.

Die Erfahrungen: Gerade durch die unkonventionelle Bauwagenkirche würden auch Menschen Kontakt zu den kirchlichen Mitarbeitern aufnehmen, die zur verfassten Kirche normalerweise ein eher distanziertes Verhältnis haben, sagt afa-Geschäftsführer Hubert. Auch Gerhard Strunz vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) ist öfter mit der Bauwagenkirchen unterwegs und macht “ganz tolle Erfahrungen. Die Kirche ist Anlaufstelle für viele Menschen, es entwickeln sich tolle Gespräche”. (dpa) 033

Fotos: dpa/ Kathrin Zeilmann