Donnerstag, 07. März 2013, 19:07 Uhr

Alles über den Wirbel um die Echo-Nominierung der Band "Frei.Wild"

Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten: Mit der Nominierung der Rocker von Frei.Wild für einen Echo-Preis hat die deutsche Musikwirtschaft für mächtigen Wirbel in den sozialen Netzwerken gesorgt. Der Preis soll am 21. März in Berlin verliehen werden.

“Nationalisten” war da noch eine eher mildere Beschimpfung, die auf die Band aus Brixen in Südtirol und ihre Fans losgelassen wurde. Auch Künstler protestierten. Die Chemnitzer Band Kraftklub und die Elektro-Popgruppe MIA. wollen nicht mehr gemeinsam mit Frei.Wild als Kandidaten für einen Echo geführt werden.

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Für Frei.Wild würde ein Preis gut zu den jüngsten Erfolgen passen. Ihr Album “Feinde deiner Feinde” verkaufte sich im vergangenen Jahr mehr als 100.000 Mal, die Deutschrocker spielen in ausverkauften Hallen und Stadien. Ein Preis wäre eine Anerkennung der Branche.

Angesichts der Absatzzahlen kam der Bundesverband Musikwirtschaft als den Preis auslobende Instanz nach eigenen Angaben nicht umhin, die Band auf die Liste der Echo-Anwärter in der Kategorie ‘Rock/Alternative National’ zu nehmen. Es habe lange Diskussionen gegeben, sagte ein Sprecher. Aber Regeln seien Regeln, die man nicht beliebig ändern könne. Die Südtiroler treten gegen MIA., Kraftklub, Unheilig und Die Ärzte am 21. März in Berlin an. Eine Jury hat das letzte Wort.

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Tatsächlich kokettiert Frei.Wild gern mit jenen Begriffen und Sprachbildern, die auch bei rechten Bands auftauchen. “Südtirol, wir tragen deine Fahnen”, heißt es in einem Song, in dem auch von “Ahnen”, “Helden” und “Feinden” die Rede ist.

Leadsänger Philipp Burger versichert, dass er mit rechtem Gedankengut nichts am Hut habe. Er sei zwar als Jugendlicher bei den Skinheads gewesen, heißt es auf der Frei.Wild-Seite “Die Macht der Medien”. Auch habe er der rechtspopulistischen Südtiroler Partei “Die Freiheitlichen” nahegestanden. Doch dann heißt es im Song “Wahre Werte”: “Wir hassen Faschisten, Nationalsozialisten, unsere Heimat hat darunter gelitten.” Dort ist allerdings auch vom drohenden Untergang der Südtiroler die Rede.

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Solche Sätze stoßen Beobachtern der rechten Szene auf. “Wer einen Zusammenhang zwischen menschlicher Abstammung und dem Heimatboden behauptet, bewegt sich auf brandgefährlichem Terrain”, sagte der Politikwissenschaftler Christoph Schulze vom Berliner Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum zu ‘Zeit Online’ vor ein paar Wochen.

Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass einzelne Passagen aus Frei.Wild-Texten inhaltliche Überschneidungen mit Texten von Rechts-Rockbands haben, gibt die Band auch selber zu. Doch solche Texte würden in Südtirol (Italien) nicht als anstößig empfunden. In der Bundesrepublik würden sie wohl als radikal empfunden.

Viele nehmen Frei.Wild die Distanzierung von Rechts nicht ab. Jörn Menge von der Kampagne “Laut gegen Nazis” sagt, die Band spiele etwa mit antisemitischen Stereotypen, so im Song “Gutmenschen und Moralapostel”. Deswegen wünscht sich Menge, dass bei der Echo-Gala die Zuhörer den Saal verlassen, sobald Frei.Wild die Bühne betrete. (dpa) 039

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UPDATE: Am Abend hat die Deutsche Phono-Akademie Frei.Wild überraschend von der Liste der diesjährigen Echo-Nominierten genommen. In der Begründung heißt es: “Wir haben in den letzten Tagen heftige Kontroversen um die Nominierung von Frei.Wild, die auf Basis der Charts-Auswertung erfolgte, erlebt, die den gesamten Echound damit auch alle anderen Künstler und Bands überschatten. Um zu verhindern, dass der Echo zum Schauplatz einer öffentlichen Debatte um das Thema der politischen Gesinnung wird, hat sich der Vorstand nach intensiven Diskussionen dazu entschlossen, in die Regularien des Preises einzugreifen und die Band Frei.Wild von der Liste der Nominierten zu nehmen.“

Die Echo-Regularien hätten sich in den letzten 20 Jahren etabliert und bewährt, heißt es weiter. “Dennoch haben wir bereits im Vorfeld zur diesjährigen Preisverleihung begonnen, die Anpassung dieser Regularien anzugehen, was wir mit Blick auf den aktuellen Fall nun weiter forcieren werden. Mit Blick auf die politische Dimension der aktuellen Debatte möchten wir an dieser Stelle betonen, dass der Bundesverband Musikindustrie und die Deutsche Phono-Akademie mit Aktionen wie „Starke Stimmen gegen Rechts“ seit jeher in diesem Umfeld Farbe bekannt haben.”

Fotos: Holger Fichtner/Markus Nass