Samstag, 09. März 2013, 14:57 Uhr

Heimatlieder oder Hassgesang: Wie rechts ist die Musik von Frei.Wild oder MIA?

Sie singen von Heimat und Vaterland: Rechtsrock erfreut sich in Deutschland durchaus Beliebtheit. Die Querelen um die Nominierung der Südtiroler Band Frei.Wild für den Musikpreis Echo werfen wieder ein Licht auf den Umgang mit Bands, die in ihren Liedern mit nationalistischem Gedankengut spielen.

Die Debatte, wann etwas rechtsextreme Musik ist oder nicht, wann es um Heimatverbundenheit und wann um wirklich extremistische Texte geht, ist nicht neu. Gruppen wie Böhse Onkelz haben Millionen Platten verkauft. Ihre Lieder laufen im Radio, auch wenn Kritiker ihnen Deutschtümelei vorwerfen.

Problematisch wird es für viele erst dann, wenn die Heimatverbundenheit in Nationalismus und offenen Fremdenhass umschlägt. Auch das ist kein Randphänomen in Deutschland: Bundesweit gibt es Hunderte rechtsextreme Rockbands, in denen Neonazis Schlagzeug oder Gitarre spielen. Sie nennen sich Blitzkrieg oder Macht&Ehre – und hetzen gegen Ausländer oder schwadronieren vom “Endsieg”.

Nach Beobachtung des Verfassungsschutzes wird Musik für Rechtsextremisten zur Verbreitung ihrer Ideologien immer wichtiger. Erst vor einigen Tagen setzte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien wieder Schulhof-CDs der NPD auf den Index. Die rechtsextreme Partei soll die CD im Landtagswahlkampf in Niedersachsen in einer Auflage von 20 000 Stück eingesetzt haben. Seit Jahren versuchen Neonazis so, ihr Gedankengut auf Schulhöfen zu verteilen und Nachwuchs zu gewinnen.

Rechte Musik sei eine gefährliche “Einstiegsdroge”, warnte Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (SPD) bei einer Fachtagung des Verfassungsschutzes. In Brandenburg gibt es über 20 Neonazi-Rockbands, so viel wie in kaum einem anderen Bundesland. Mit dem Vertrieb von Musik und Kleidung verdient die Szene inzwischen jedes Jahr mehrere Millionen Euro. Ein Musiksoziologe erklärte bei der Tagung, dass hetzerische Krawallmusik die Hemmschwelle zu Gewalttaten senken könne.

Aber was ist Krawall und was harmlose Heimatliebe? Wie weit geht Meinungsfreiheit und was muss auf den Index? Darüber streiten Experten immer wieder. In einem Text von Frei.Wild heißt es: “Südtirol, sind stolze Söhne von dir. Unser Heimatland, wir geben dich nie mehr her.” Anhänger der Band können nicht verstehen, was daran rechtsextrem sein soll. Gegner finden die Texte nationalistisch, die Musiker dagegen distanzieren sich von rechtsextremen Gedankengut. Nach heftigen Protesten wurde die Band schließlich von der Liste des Musikpreises Echo gestrichen.

“Frei.Wild vermitteln in ihren Texten eine Blut- und Bodenideologie. Das ist wirklich lupenrein rechtsextrem – da gibt es nichts misszuverstehen”, sagt Torsun Burkhardt, Sänger der Electro-Punkband Egotronic (siehe Foto oben). Irritierend findet er die große Empörung von Medien und Musikfans, die sonst an Deutschtümelei keinen Anstoß nähmen – etwa bei der Band MIA.

Die Berliner Popgruppe hatte aus Protest gegen Frei.Wild ihre Teilnahme am Echo-Rennen abgesagt. Vor einigen Jahren stand MIA. allerdings wegen ihres Hits “Was es ist” selbst in der Kritik und wurden als Nationalisten gebrandmarkt. Der Song besingt einen neuen, entspannten Umgang mit Herkunft und Geschichte. “MIA. propagieren hier einen Schlussstrich-Patriotismus”, meint Sänger Burkhardt.

Sie wollten sich endlich wieder ohne schlechtes Gewissen zu Deutschland bekennen dürfen. Dass sich viele Deutsche heute einen unbeschwerten Patriotismus wünschen, zeigt sich immer wieder am schwarz-rot-goldenem Fahnenmeer zu Fußball-Weltmeister- oder Europameisterschaften.

Auf die Frage, ob er mit seinen patriotischen Texten nicht den Nährboden für rechte Gewalt sät, sagte Frei.Wild-Sänger Philipp Burger im Interview mit dem Kölner ‘Express’: “Wer das sagt, soll unseren ganzen Text hören. Wir haben nichts mit Nazis gemeinsam. Außer vielleicht: „Mein Land ist schön“. Aber das sagt doch fast jeder. Dann müssten alle Volksmusik-Bands bei der NPD spielen. Das wäre auch ein Nährboden. Wir mögen Südtirol, verachten aber Extremismus.”

(Haiko Prengel,dpa/KT) 032. Fotos: Stokkete/Fotolia