Donnerstag, 14. März 2013, 20:21 Uhr

Künstlerpaar Gilbert & George sorgt für monumentale Schlagzeilen

“Fast alles geklaut” – darauf sind die beiden Kunststars Gilbert & George besonders stolz. Einer kaufte Kaugummi am Kiosk, während der andere die reißerischen Schlagzeilen-Poster klaute, mit denen die Londoner Zeitungskiosks um Käufer werben.

Sechs Jahre hätten sie jeden Tag Schlagzeilen gesammelt und stibitzt, sagen sie. Mehr als 3700 sogenannte Schürzen hatte das exzentrische Künstlerpaar schließlich beisammen, fertigte daraus 292 Einzelbilder und sortierte sie nach Themen wie Mord, Sex, Frauen, Geld, Gewalt. Im Duisburger Museum Küppersmühle stellt das provokative Paar, das immer britisch korrekt im Maßanzug auftritt, seinen Werkzyklus ‘London Pictures’ erstmals in monumentaler Breite aus.

Mehrere Räume füllen die von dem Italiener Gilbert Proesch (70) und dem Briten George Passmore (71) gesammelten blutrünstige Schlagzeilen: “Bullterrier verletzt Jungen”, “Ehepaar ermordet”, “Lehrer missbraucht Schüler”, “Truppen im Hinterhalt”, “TV-Krokodiljäger getötet”. Immer ist das jeweilige thematische Schlüsselwort wie Sex, Murder, Death in Rot gedruckt. Reihe für Reihe formen die Schlagzeilen eintönige Raster. Hinter den gedruckten Wörtern sieht man die Gesichter von Gilbert & George, die mit seltsam leerem Blick auf den Betrachter starren.

“Wir waren wie die Geister von London”, sagen sie. Wie zur Zeit eines Charles Dickens im 19. Jahrhundert spukten sie durchs East End, das seit Jahrzehnten die Quelle ihrer künstlerischen Inspiration ist. Nein, politische Kunst wollen die beiden dandyhaften Anzugträger, die seit 45 Jahren unzertrennlich arbeiten, nicht machen. Und auch als Medienkritik sei ihr Schlagzeilen-Zyklus nicht gemeint, beteuern die 69 und 71 Jahre alten Künstler in Duisburg.

Im Gegenteil: Ihre “London Pictures” seien eine “Feier der enormen Freiheit, die wir haben”, betonen sie mit Blick auf die Pressefreiheit. Walter Smerling, der Direktor der Küppersmühle, sieht die Künstler sogar als «Stellvertreter der Gesellschaft, die fassungslos darüber staunt, was sie an Mist produziert und auch noch kauft».

Vielleicht liegt es an der englischen Sprache, der übermächtigen Masse der Schlagzeilen oder der Eintönigkeit der Präsentation in fast 70 Gruppen, dass die Schau den Betrachter unberührt lässt. Zwar sind die Einzelbilder meisterhaft gemacht. Aber zu viel Gewalt, Mord und Totschlag lassen den Menschen abstumpfen, das ist weithin bekannt.

Eine Meinung will das Duo überdies auch nicht ausdrücken. Gilbert & George, die suich 1986 kennenlernten, philosophieren lieber über die “humanistische Kunst mit all ihrer Komplexität”, über den Vorrang von Kultur und Kunst vor der Politik und darüber, dass die Welt heute eine ganz andere sei als in den 60er Jahren, als sie sich auf der Kunstschule kennenlernten. Als “lebende Skulptur” wurde das Duo berühmt – und man fragt sich in Duisburg, ob die Faszination wohl eher darin liegt, wie die beiden Kunstprovokateure sich selber präsentieren. (dpa) 038