Mittwoch, 20. März 2013, 18:30 Uhr

David Bowie ist ein Phänomen. Was macht ihn eigentlich so faszinierend?

“Ground Control to Major Tom” – sollte David Bowie es schaffen, bei dem derzeitigen Hype um ihn noch am Boden zu bleiben, dann trifft er dort nicht seine Fans an.

Die sind in den vergangenen Wochen in schwindelerregende Höhen abgedriftet und schweben auf der Welle des neuesten Hypes um das musikalische Multitalent.

Nach zehn Jahren Schaffenspause meldete der 66-Jährige sich Anfang März mit einem neuen Album zurück. ‘The Next Day’ stieg wie eine Rakete in die Charts auf. Am Wochenende eröffnet nun eine große Ausstellung zu Bowies Werk im berühmten und altehrwürdigen Victoria and Albert Museum in London. Sie ist schon auf Wochen hinaus ausgebucht. Bowie ist auf dem sicheren Weg zur Ikone.

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“Wir hatten eine kleine Vorahnung, dass die Ausstellung ein Erfolg werden könnte”, sagte Museumsdirektor Martin Roth. Schnell aber sei klar geworden: Das wird noch größer. Dass Bowie nur wenige Wochen vor dem Start eine neue Platte herausbringen würde, davon hätten sie allerdings genauso wenig gewusst wie alle anderen. An der Schau selber war Bowie denn auch nicht beteiligt.

“Der Deal war: Ihr könnt Euch Sachen aus meinem Archiv ausleihen, aber ihr regelt alles mit meiner Archivarin”, sagte Kurator Geoffrey Marsh. Keiner aus dem Team habe jemals mit dem privat als scheu geltenden Musiker gesprochen. Marsh und Kuratorin Victoria Broackes wollten vor allem zeigen, wie sehr Bowie unser aller Leben bis heute beeinflusst – in Mode, Kunst und Kultur. Und wie sehr er dazu beigetragen hat, ‘Anderssein’ akzeptabel zu machen, ob es dabei um Homosexualität, schräge Klamotten oder ungewöhnliche Ansichten geht.

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“David Bowie ist überall”, heißt es denn auch am Eingang. “Er hat wohl mehr Einfluss auf die zeitgenössische Kultur als irgendein anderer Musiker seiner Generation. Seine Beiträge zu Musik, Performance, Mode und Design sind Meilensteine unserer Zeit.” Mit Hilfe von Bildern, Videos, Notizen, Skizzen und natürlich Platten und Musik wird der Weg von David Robert Jones, wie Bowie mit bürgerlichem Namen heißt, aus dem Londoner Stadtteil Brixton nach ganz oben nachverfolgt. Zu Beginn versucht er sich mit schicken Anzügen und Beat-Musik in der Mod-Jugendkultur, gründet erste Bands und hört Little Richard. Mit «Space Oddity» und der Figur des Major Tom gelingt ihm 1969 der Durchbruch.

Von da an sprüht die Kreativität: Bowie malt, komponiert, schafft Texte mit Hilfe eines Zufalls-Generators, saugt Einflüsse aus allen möglichen Richtungen auf und trägt vorher nie dagewesene Kostüme. Davon sind zahlreiche Originale ausgestellt, und ihr Einfluss auf die Laufstege ist oft unübersehbar. Dass Bowie nichts nur seinen Mitarbeitern, und schon gar nicht dem Zufall überlässt, zeigen die detaillierten Anweisungen für Albumcover, Bühnenbilder und anderes.

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Im Hintergrund läuft auf Kopfhörern ständig Bowies Musik – und die allein erklärt seine Berühmtheit. Was aber macht ihn derart faszinierend, dass er zu einer Art lebender Legende wird? «David Bowie ist eine Ikone, und dass er nicht in der Öffentlichkeit steht, macht ihn noch attraktiver», erklärt sich Museumschef Roth das Phänomen.

Bowie, der extrem zurückgezogen mit seiner zweiten Frau und seiner Tochter in New York lebt, hat sich seit dem neuen Hype um ihn nicht gezeigt oder gar ein Interview gegeben.

Was von außen so aussieht, als ob er sich ganz aus PR-Strategien heraushalten würde und es ihm nur um die Kunst gehe, dürfte zumindest teilweise einer seiner vielen genialen Schachzüge sein. Beinahe «hintenherum» ist zum Beispiel die neue Platte «The Next Day» mit Hilfe des Symbols eines weißen Quadrats ins Bewusstsein der Käufer geschlichen: Mit dezenten Werbeanzeigen und einem Internetkult, sich mit einem weißen Quadrat fotografieren zu lassen.

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Bowie gehört nicht ohne Grund zu den reichsten Musikern der Welt. Schon in den 1990er Jahren hatte er sich selber gleichsam an die Börse gebracht, indem er Wertpapiere auf seine zu erwartenden Tantiemen verkaufte. Von Anfang an machte er sich die neuen Möglichkeiten des Internets zunutze und war dort auch werbetechnisch Pionier.

“Bowie ist eine Art Schamane des 21. Jahrhunderts”, lautet die Theorie von Kurator Marsh. Auf der Suche nach dem, was das Leben eigentlich ausmache, gebe er jedem, der wolle, eine Antwort. “Er ist für die Menschen ein Spiegel von dem, was sie selber denken. Jeder projiziert etwas anderes in ihn.” Hinter seinem Erfolg stecke auch sein unvergleichliches Kontrollbedürfnis. Und er sei ein Workaholic.

Die Initiatoren hoffen, dass Bowie bei der Eröffnung der Schau am Samstag erscheint. “Ich glaube, dass er eigentlich eher schüchtern und normal ist”, sagte Marsh. “Man darf ja nicht vergessen, dass er weiterhin David Jones bleibt. Auch David Bowie ist ja eine Kunstfigur.” (Britta Gürke, dpa) 035

Fotos: Floria Sigismondi, wenn.com