Freitag, 22. März 2013, 20:34 Uhr

Parallele Filmwelt: So läuft türkisches Kino in Deutschland

Es sind nicht nur Filme aus Hollywood und Deutschland, die deutsche Kinokassen klingeln lassen. Auch türkische Filme feiern hierzulande immer wieder große Erfolge – selbst wenn sie beim Massenpublikum nur wenig Beachtung finden.

In dieser “parallelen Kinowelt” haben Schauspieler, die wie Kivanc Tatlitug oder Sahan Gökbakar bei deutschen Kinobesuchern kaum bekannt sind, viele Fans. “Das türkische Kino hat sich in Deutschland noch nicht etabliert. Aber es wird in Zukunft mehr Beachtung finden”, prophezeit Selcuk Sazak, Leiter der Türkischen Filmwoche Berlin.

073

In Deutschland leben knapp drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Da verwundert es nicht, dass türkische Filme bundesweit laufen – von Hamburg über Kassel bis nach München, in kleinen Kinos, aber auch in Multiplexen. Was aber interessiert die türkische Community in Deutschland? Das können höchst unterschiedliche Themen sein: Von den Medien in der Türkei beispielsweise werden die Migranten in Deutschland als gesonderte Zielgruppe angesprochen.

“Die Deutsch-Türken werden von den türkischen Medien als eine Gruppe betrachtet, die sich gegen kulturelle Veränderungen sträubt”, erklärt der Soziologe Ayhan Kaya, Professor an der Istanbuler Biligi Universität. Deswegen gestalte man die entsprechenden Fernsehprogramme auch vorrangig mit Filmen aus den späten 1960er und 1970er Jahren – mit der frühen Generation von Einwanderern im Blick.

078

Doch die Türken in Deutschland verfolgen auch aktuelle Ereignisse und Trends aus der Türkei. So sind die gegenwärtigen Stars der Türken in der Türkei auch die Stars der türkischen Community bei uns. Der 29-Jährige Hauptdarsteller des türkischen Erfolgs-Dramas ‘The Butterfly’s Dream – Kelebegin Rüyasi’ (Foto oben), Kivanc Tatlitug, beispielsweise wird in der Türkei als türkischer Brad Pitt gefeiert. Bei seinem Besuch zur Deutschland-Premiere in Berlin belagerten im Februar Hunderte Menschen das Kino am Potsdamer Platz.

Schließlich kannten die Fans den dunkelblonden Schauspieler mit dem Dreitagebart und den strahlend blauen Augen schon aus mehreren türkischen Serien.

RecepIvedic3_1278

Zu den erfolgreichsten Produktionen des türkischen Kinos der jüngeren Zeit gehören auch die ‘Recep Ivedik’-Filme (Foto oben) – Klamauk-Komödien, die auf Zoten und Situationskomik setzen. Sahan Gökbakar spielt in seiner Rolle als Recep einen dicken und ungehobelten Provinztürken.

“Inhaltlich könnte man mit der Story dieser Filme nicht einmal eine Nussschale füllen”, sagt Experte Sazak. Bei den Figuren handele es sich jedoch um bestimmte Typen, die in der Gesellschaft keine Akzeptanz fänden. “Viele Zuschauer können sich mit diesen Protagonisten identifizieren. Deswegen freuen sie sich, wenn diese am Ende als Gewinner dastehen.”

set foto 28

Deutschlandweit sahen den zweiten Film im Jahr 2009 mehr als 400 000 Menschen. Damit brach ‘Recep Ivedik 2’ sogar den bisherigen Rekord von ‘Tal der Wölfe’, einem im Deutschland politisch höchst umstrittenen Actionfilm über den Irakkrieg. Auch das türkische Historiendrama ‘Fetih 1453’ von Faruk Aksoy war 2012 bei seinem Auftakt auf Rang fünf der von Media Control ermittelten deutschen Kino-Charts gelandet.

Beide Filme hatten in den deutschen Medien wegen ihrer nationalistischen Tendenzen für Kritik gesorgt.

Auch Sazak kann diesen Action- und Historienfilmen nichts abgewinnen. Ihre Erzählung beruhe auf einfachem Lagerdenken. Dennoch kommen solche Filme auch bei uns immer wieder ins Kino. Mitte März etwa startete das Kriegsdrama ‘Canakkale – Der unbesiegbare Widerstand’. Es erzählt die Geschichte von den türkischen Infanterie-Soldaten Muhsin und seinem Bruder Hasan in der Schlacht von Gallipoli während des Ersten Weltkrieges. Solche Filme dienten allerdings lediglich dem Zweck, die nationalen Gefühle zu streicheln, findet Sazak.

Rührend finde er hingegen das romantische Melodram ‘The Butterfly’s Dream – Kelebegin Rüyasi’. Der Regisseur und Schauspieler Ylmaz Erdogan erzählt darin die Geschichte von zwei jungen Dichtern, die während des Zweiten Weltkrieges um die Gunst einer Frau werben. Der Film setzt auf Poesie statt Sex und dürfte damit auch im Nahen Osten und auf dem Balkan an die Erfolge vergangener türkischer Produktionen anknüpfen. (Cetin Demirci, dpa) 037