Montag, 25. März 2013, 18:30 Uhr

Guaia Guaia: Zwei Wanderpenner sind die neuen Stars im deutschen Pop-Zirkus

Guaia Guaia sind eine Herausforderung. Eine Herausforderung an konventionelle Denkmuster vor allem. Elias Gottstein und Carl Luis Zielke kommen aus Neubrandenburg und haben irgendwann einmal beschlossen, dass sie Musik machen möchten – ausschließlich Musik machen. Nichts anderes. Keine Jobs nebenher. Keine Sicherheit. Kein Netz und doppelter Boden. Musik!

Doch wenn man aus dem nordöstlichsten Zipfel der Bundesrepublik Deutschland kommt, aus Mecklenburg-Vorpommern – mehr oder weniger vom Land – dann sind die Chancen, diesen Traum zu leben, eher gering. Musik machen, ihr? Ihr spinnt!Doch wer sagt das? Wer schreibt einem das vor? Wo steht das geschrieben? Wo steht geschrieben, dass es nicht klappen könnte?

Und so zogen Luis und Elias (“Die Wanderpenner in Dur und Moll”, Zitat Arte) -vor drei Jahren los, um auf der Straße Musik zu machen. Sie wollten es ausprobieren. Sie wollten testen, ob sie das Talent haben, Leute zu begeistern, Leute zum Stehenbleiben zu bewegen und dazu, ihnen Geld für ihre Darbietung zu geben. Das ist eine der härtesten und direktesten Schulen, die es für einen Musiker gibt, doch es klappte.

Tatsächlich verdienten die beiden Musiker Geld mit ihrer Sache, doch dabei stellten sie fest, dass zu Hause die Kosten ja trotzdem weiter liefen.

Also haben sie sich kurzerhand dazu entschlossen, auf ihre Wohnungen zu verzichten und die Sicherheit einer festen Adresse aufzugeben. Das, was ihnen gehört, passt ohnehin in zwei umgebauten Mülltonnen oder Lastenfahrräder. Das, was sie brauchen, haben sie sowieso immer dabei.

Seitdem leben sie auf der Straße – bis heute ohne Handy. Unfassbar! So kann man sie nur über die Briefkästen irgendwelcher Freunde erreichen. Seitdem sind sie offiziell wohnungs- wenn auch nicht unbedingt obdachlos. Sie schlafen bei Freunden und Bekannten. Sie quartieren sich bei wildfremden Menschen ein, bei Zufallsbekanntschaften, Zuhörern und Fans, die ihnen für zehn Stunden ein Zuhause anbieten, oder auch für zwei Tage.

Ein eindrucksvolles Bild dieser Zeit liefert der Film „Unplugged: Leben Guaia Guaia“, der auf dem Filmfest München 2012 Premiere feierte, den Publikumspreis des Bayerischen Rundfunks gewann und in diesem Jahr in die Kinos kommt.

Guaia Guaia machen alles anders und stellen die Welt auf den Kopf. Letzten Sommer haben sie einen Deal bei Universal Music Deutschland unterschrieben und im nächsten Sommer werden sie ebendort „Eine Revolution ist viel zu wenig“, ihre nunmehr vierte CD veröffentlichen.

Nach drei independent Produktionen, Tausenden von Konzerten auf der Straße, in besetzten Häusern, auf Privatpartys, in Hinterzimmern und auf ganz großen Bühnen, fühlen sie sich fit genug mit einem Major zusammen zu arbeiten.

All das ein Bruch mit den eigenen Klischees. So etwas tut man doch nicht, wenn man so gesellschaftskritisch unterwegs ist. Das riecht nach Verrat. Doch wer sagt das? Wo steht das geschrieben und wenn ja, ist das ein Gesetz? Und wenn es ein Gesetz ist, muss man es befolgen?

Natürlich taugt ihr beachtlicher Lebensweg zur Verklärung. Natürlich ist die Art, wie die beiden ihr Leben gestalten für manche der ganz große Gegenentwurf: Romantisch, wild und gefährlich. Doch darauf kommt es Guaia Guaia gar nicht an. Nein, das ist nicht Revolutionsromantik mit Hängematte, Joint und Che Guevara Poster an der Wand, das ist einfach eine Form, in dieser Gesellschaft zu überleben und dabei die Spielregeln ein wenig außer Kraft zu setzen. Das könnte im Grunde jeder machen, obwohl es eben nicht jeder machen kann. Das ist nicht die große Revolution und auch keine Heilslehre, aber: Eine Revolution ist es eben doch und sie ist sehr radikal.

Ach und auf ihrer Facebookseite gibts einen Download gratis. Aber nicht umsonst!

Fotos: Tobias Hametner