Samstag, 30. März 2013, 19:08 Uhr

"Fünf Jahre Leben": Die Chronik eines unvorstellbaren Missbrauchs

Am 23. Mai 2013 startet in den deutschen Kinos der Film ‘Fünf Jahre Leben’, basierend auf der wahren Geschichte des Deutsch-Türken Murat Kurnaz, der insgesamt fünf Jahre als Gefangener der USA in Afghanistan und Guantanamo inhaftiert war.

Der Streifen ist nicht nur die Chronik eines unvorstellbaren Missbrauchs, sondern zeigt auch den Überlebenswillen eines Mannes, dem man alles genommen hat. Zugleich schildert der Film das Duell zweier außergewöhnlich starker Persönlichkeiten.

In unserer “Preview’-Reihe präsentieren wir die ersten Bilder. Leider gibt es noch keinen Trailer.

Auf der einen Seite ist Murat Kurnaz, der seinem Leben einen neuen Sinn geben wollte, als er sich dem Islam zuwandte und nach dem 11. September nach Pakistan aufbrach, um eine Koranschule zu besuchen. Und auf der anderen Seite: Gail Holford, Verhörspezialist der US-Regierung, der alle Tricks von Manipulation bis Einschüchterung beherrscht und dessen Hauptziel es ist, Kurnaz ein Geständnis zu entlocken. Aber Kurnaz hat nichts zu gestehen. Er ist unschuldig. So verstreichen Monate – Monate voller psychischer und physischer Folter – bis Kurnaz begreift, dass seine Weigerung, ein Geständnis zu unterzeichnen, das Einzige ist, was ihm bleibt.

Murat Kurnaz’ Geschichte wirft nicht nur große Zweifel auf an der Rechtsstaatlichkeit unserer westlichen Welt, der Film konfrontiert den Zuschauer auf eindringliche Art und Weise mit der eigenen Wahrnehmung und Bewertung.

Regisseur Stefan Schaller ist mit ‘Fünf Jahre Leben’ ein packendes, beeindruckendes Portrait eines damals gerade 19-Jährigen gelungen, der es durch seine Willensstärke schaffte, dem ungeheuren Verhördruck in Guantanamo standzuhalten. 1725 Tage inhaftiert, über ein Jahr davon in völliger Isolation. Geschlagen, gefoltert, verurteilt zu einem rechtlosen Leben, ohne jemals vor Gericht gestanden zu haben. Basierend auf Kurnaz‘ Bericht aus Guantanamo zeichnet Stefan Schaller ein eigenes, kraftvolles und bleibendes Bild von Kurnaz‘ Überlebenskampf.

Sascha Alexander Geršak („Im Angesicht des Verbrechens“) spielt mit ergreifender Authentizität Murat Kurnaz und ging mit seiner darstellerischen Leistung auch körperlich an die Grenze des Möglichen. Ben Miles (V WIE VENDETTA) verkörpert mit schonungsloser Härte den US-Verhörspezialisten Gail Holford, der mit allen Mitteln versucht, Murat Kurnaz von seiner Geschichte abzubringen und ihm eine andere Realität aufzudrängen. Doch er scheitert an Kurnaz’ tiefem Glauben und Vertrauen in sich selbst.

Mit ‘Fünf Jahre Leben’ legte Stefan Schaller seinen Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg vor. Für das Drehbuch wurde er bereits mit dem Thomas Strittmatter Preis der MFG – Filmförderung Baden- Württemberg ausgezeichnet. Beim 34. Filmfestival Max Ophüls Preis gewann ‘Fünf Jahre Leben’ zudem den Interfilm-Preis und den Preis der Jugendjury.

Den meisten Deutschen ist der Name Murat Kurnaz während und nach seiner Haft in Guantanamo von Bild-Titelseiten und durch seinen Auftritt bei Reinhold Beckmann bekannt. Sofort kommen vielen die Schlagzeilen über den „Bremer Taliban” in den Sinn.

Liest man Murat Kurnaz’ Buch „Fünf Jahre meines Lebens” bekommt das Bild, was wir von Murat Kurnaz und seiner Geschichte haben, Risse. Wenn er uns heute in seiner Heimatstadt Bremen von der Zeit in Guantanamo berichtet, man ihm gegenüber sitzt, erscheint in diesen Rissen ein Mensch, der uns unglaublich fasziniert und dessen Geschichte wir weiter recherchiert haben.

Wie und warum Murat Kurnaz nach Guantanamo kam, ist eine spannende und ebenso unfassbare Geschichte. Auch diese haben die Macher erzählt, “sie ist jedoch nicht das zentrale Thema unseres Filmes”, erzählt Produzent Jochen Laube.

“Auf filmischer Ebene interessierten wir uns hauptsächlich für den psychologischen Aspekt einer solch langen, nicht gerechtfertigten ‘Gefangenschaft’. Einer nicht aufhörenden Tortur durch Folter und Isolation. Wie hält ein junger Mensch so etwas aus? Woran kann er sich orientieren? Was gibt ihm die Kraft?”

„Können Sie sich erinnern, wann waren Sie das letzte Mal allein – ich meine wirklich allein? Nichts zu lesen, kein Telefon, keine Musik, kein Computer, kein Fernsehen, kein Radio, keine Ablenkung, keinen Begleiter, niemand, mit dem man sprechen kann. Psychiater sagen, dass, wenn Sie dies tun wollen, sollten Sie es nicht länger als einen Tag versuchen. Sie würden es nicht aushalten“, sagte Anwalt Sabin Willett in einer Anhörung vor dem Komitee für auswärtige Angelegenheiten und Menschenrechte, Washington D.C.

Murat Kurnaz hat es länger ausgehalten. Er war genau 1725 Tage in Gefangenschaft. Insgesamt ein Jahr in völliger Isolation. Ohne, dass er jemals ein ordentliches Gericht gesehen hat, ohne, dass man ihn offiziell angeklagt oder ihm das Recht gegeben hat, sich zu verteidigen. Er musste warten. Etwas anderes blieb ihm nicht übrig.

Regisseur Stefan Schaller sagte: “Anhand der Geschichte von Murat Kurnaz erzählen wir einen Film über das „System Guantanamo” – ein System, das sich selbst ad absurdum führt. Murat Kurnaz ist dafür der ideale Protagonist. Durch seine „Heldenreise” erkennt der Zuschauer, wie sich das System selbst im Kreise dreht und dabei den Rechtsstaat als große Errungenschaft unserer westlichen Demokratien – deren Verteidigung ja das Ziel des Kampfes gegen den Terror ist – untergräbt.

Dafür ist seine nicht bewiesene (Un)Schuld von zentraler Bedeutung, denn es soll dem Zuschauer klar werden, dass es im System Guantanamo nicht mehr um Schuld oder Unschuld geht. Das Spiel mit unserem Misstrauen gegenüber Kurnaz, seine zweifelhaften Kontakte und die weißen Flecken in seiner Biografie dienen der Dramaturgie – denn den Film auf die Frage nach seiner Schuld zu reduzieren erscheint uns allein nicht erzählenswert.”

Mit dem kurzen Besuch der deutschen Beamten von BND und BKA auf Guantanamo, und der darauf folgenden Entscheidung im Bundeskanzleramt, Kurnaz nicht wieder aufzunehmen und seine Aufenthaltserlaubnis auslaufen zu lassen, haben die Verantwortlichen auf deutscher Seite einen ganz eigenen Umgang mit der Causa Kurnaz gefunden.

“Sie haben ihn letztlich seinem Schicksal überlassen und seine Behandlung auf Guantanamo stillschweigend in Kauf genommen. Die Angst vor einer vermeintlichen ‘Schuld’ Kurnaz´ im Sinne einer terroristischen Gesinnung, vor den Reaktionen in der Öffentlichkeit angesichts einer Wiederaufnahme in einer Zeit von Anschlägen in Madrid und London, die Schuld angesichts der Fehler im Umgang mit der Hamburger Terrorzelle, all das schien zu groß, um sich wirklich fu?r den in Bremen groß gewordenen jungen Mann einzusetzen. Und auf amerikanischer Seite war man ratlos – was tun mit diesem Staatenlosen, der zu gefährlich erscheint, als dass ihn jemand aufnehmen will, und dem man dennoch nichts beweisen kann. Eine Patt-Situation. Nicht enden wollende ‘Harte Verhöre’ waren die Konsequenz.”

Das ist der Kern der Geschichte – die Folge von politischem Handeln für das Individuum. “Mich faszinierte diese unfreiwillige Symbiose von Vernehmer und Gefangenem, die Stilisierung eines großen politischen Problems hin zu einer Duellsituation. Ein Vernehmer und Familienvater, der im Glauben an die eigene Mission bis zum Äußersten geht und schließlich den Sinn des eigenen Handelns nicht mehr versteht. Ein Gefangener, der sich gegen alle Regeln der Logik unter Erduldung schrecklichster Konsequenzen widersetzt. Das Ringen zweier Männer, die konfrontiert sind mit der Situation, dass weder die türkische noch die deutsche Seite den Terrorverdächtigen Kurnaz aufnehmen will.”

Murat Kurnaz lebt heute in Freiheit. Er hat wieder geheiratet und ist sogar Vater geworden. Murat hat es geschafft das System zu überwinden. Die Willkür von Guantanamo hat ihn nicht zerstört. Er hat sein Schicksal akzeptiert. Und genau diese, vermeintlich so simple Erkenntnis ist es, die mich so sehr an seiner Figur fasziniert.

Fotos: Zorro Film