Montag, 12. August 2013, 0:17 Uhr

Charlotte Roches "Feuchtgebiete" wurde beim Filmfestival in Locarno bejubelt

Der hierzulande bereits als Skandalfilm gehandelte Film ‚Feuchtgebiete‘ wurde in Locarno bejubelt.

Die Halbzeitbilanz des 66. Internationalen Filmfestivals Locarno fällt ausgesprochen gut aus. Der Wettbewerb um den Hauptpreis, den Goldenen Leoparden, überzeugt mit Qualität.

Die abendlichen Freiluftaufführungen von Filmen außerhalb der Konkurrenz für rund 8.000 Zuschauer auf der malerischen Piazza Grande locken selbst bei Regen ein großes Publikum mit viel Unterhaltung und Star-Power.

Starken Beifall gab es vom Großteil des Publikums und der Journalisten für den deutschen Wettbewerbsbeitrag ‚Feuchtgebiete‘.

Der Film wurde nach der Aufführung am Sonntagabend von mehr als 3.500 Zuschauern bejubelt. Beim anschließenden Publikumsgespräch gab es vielfach eine geradezu enthusiastische Zustimmung.

Die Adaption des bei seinem Erscheinen 2008 als Skandal gehandelten Romans von Charlotte Roche gilt vielen als Anwärter auf den Hauptpreis, den Goldenen Leoparden.

Bei einer international besetzten Pressekonferenz zum Film gab es allerdings auch einige wenige Stimmen, die Roman und Film pauschal als „ekelhaft“ klassifizierten. Charlotte Roche, die Autorin der Buchvorlage, die zur Aufführung des Films nach Locarno kam, konterte pointiert. Sie sagte: „Vor Jahrzehnten haben Frauen öffentlich ihre Büstenhalter verbrannt, um die Emanzipation voranzutreiben. Das muss man leider immer mal wiederholen.“ Der Beifall dafür war stark.

Charlotte Roche ist von der Inszenierung und dem Spiel der Darsteller begeistert, wie sie mit strahlendem Lächeln am Ufer des Lago Maggiore versicherte: „Ich bin sehr glücklich über diesen Film.“ Sie ergänzte: „Ich hatte ja bewusst entschieden, mich nicht einzumischen. Mein Vertrauen in David Wnendt und die anderen ist aufs Schönste bestätigt worden.“

Regisseur David Wnendt setzte das Porträt der 18-jährigen Helen mit sehr viel Feingefühl um. Ihre Obsession für Hämorrhoiden, Sperma und Vaginalflüssigkeit wird begreifbar als Flucht vor der Angst, von der Umwelt nicht als Persönlichkeit wahrgenommen zu werden, vor dem Schmerz des Alleinseins. Der mit Meret Becker, Christoph Letkowski und Axel Milberg auch in Nebenrollen exzellent besetzte Film fesselt zudem insbesondere als sensible Auseinandersetzung mit der Furcht vor dem Sterben.

Hauptdarstellerin Carla Juri (siehe Fotos) sieht den Film, wie sie der Nachrichtenagentur dpa in Locarno sagte, „als Auseinandersetzung mit universellen Themen““ Das habe ihr auch das Spielen expliziter Nacktszenen leicht gemacht. Dazu sagte die im Februar auf der Berlinale als einer von zehn europäischen Shooting Stars ausgezeichnete Schauspielerin: „Ich empfinde eine große Empathie für Helen. Deshalb kann ich ihre extreme Rebellion, die ja nicht kalkuliert ist, sondern ihren Gefühlen und ihrem Schmerz entspricht, auch ohne Scheu spielen.“

Auch außerhalb des Wettbewerbs begeistert das deutsche Kino in Locarno. Viel Beifall gab es für die hintersinnige Komödie ‚Vijay and I‘ des belgischen Regisseurs Sam Gabarski. Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu wurde vom Publikum für seine Interpretation eines irrtümlich für tot erklärten Berliner Schauspielers in New York stürmisch gefeiert. Der Film, der am 5. September in den deutschen Kinos anläuft, straft das Klischee von den humorlosen Teutonen augenzwinkernd und charmant Lügen.

Neben ‚Feuchtgebiete‘ gilt bisher der französische Wettbewerbsbeitrag ‚Gare du Nord‘ als stärkster Anwärter auf den Goldenen Leoparden. Regisseurin Claire Simon taucht mit dem Film in das alltägliche Geschehen auf dem berühmten Bahnhof Gare du Nord in Paris ein. Die von einem melancholischen Grundton getragene Erzählung enthüllt effektvoll in zahlreichen Episoden Sorgen, Hoffnungen und Träume von Menschen aus allen sozialen Schichten.

Wird ‚Feuchtgebiete‘ wesentlich von der Präsenz von Hauptdarstellerin Carla Juri geprägt und ‚Vijay and I‘ von Moritz Bleibtreu, so ist es in ‚Gare du Nord‘ die Französin Nicole Garcia mit ihrer feinnervigen Darstellung einer todkranken Frau.

Überhaupt sorgen in diesem Jahr in Locarno vor allem Schauspieler für Gesprächsstoff. Allen voran begeisterten natürlich legendäre Alt-Stars, die vom Festival mit Ehrungen gefeiert werden, wie Faye Dunaway (72), Victoria Abril (54) und Christopher Lee (91).

Mit besonderer Spannung wird jetzt die Aufführung des am Donnerstag außerhalb des Wettbewerbs auf der Piazza Grande laufenden neuen Films der deutschen Regisseurin Sandra Nettelbeck erwartet, ‚Mr. Morgan’s Last Love‘. Darin spielt Weltstar Michael Caine einen Witwer, der in späten Jahren ein neues Glück findet. Am Freitag wird Werner Herzog auf der Piazza mit einem Ehrenleoparden für sein Lebenswerk geehrt. Das 66. Internationale Filmfestival Locarno endet am Samstagabend mit der Preisverleihung. (Peter Claus, dpa)

Fotos: Urs Flueeler