Musikstadt Berlin: Schrille Party-Langeweile trifft auf Hipster-Ödnis

Montag, 9. September 2013, 19:33 Uhr


Berlin ist also eine „Musikstadt“, nein „die“ Musikstadt. Immer wieder wird dieses Lied angestimmt und endlos wiederholt.

Zu eine Musikstadt gehört eine lebendige Livemusik-Szene, eine innovative DJ-Kultur und Band-Landschaft mit weltweiter Ausstrahlung, die wiederum auch Musiker an- und heranzieht, die das Andere, das Neue, das Kompromisslose wollen. Mir fallen dazu aber eher Städte wie Manchester, London, Liverpool, New York, Los Angeles, Montreal oder Paris ein, aber Berlin immer weniger.

Musikstadt Berlin: Schrille Party-Langeweile trifft auf Hipster-Ödnis

Berlin dagegen wurde vom globalen und nationalen künstlerische Mainstream zu seinem Fixpunkt auserkoren. So liest man zum Beispiel, dass die Pet Shop Boys, eine Art Rentner-Kapelle für seichte Tanzmusik, gerne in Berlin weilen, um hier Stücke zu schreiben, die dann aber so klingen wie immer oder dass ein minderbegabter DSDS-Teilnehmer seine künstlerische Auswechselbarkeit durch einen Berlin Umzug aufwerten will.

Zudem scheint sich eine Art provinzieller VIP-Szene in Berlin zu etablieren, in der man sich in erster Linie selbst feiert und die genauso auch in München oder Hamburg möglich wäre. Dies alles zeigt, dass das „Berlin“ ein kommerzialisiertes Label ist, welches man gerne auf auswechselbare Produkte klebt. In dieser Hinsicht ist die „Musikstadt Berlin“ so inspirationslos, wie ein in die Jahre gekommener Rummelplatz.

Auch dass die großen Musikkonzerne in Berlin ihren Sitz haben, viele Festivals wie die ‚Berlin Music Week‘ den Berlin-Hype hochhalten und in der Tat viele Musiker in Berlin wohnen, macht Berlin nicht zur Musikstadt, höchstens zur Stadt der Musikindustrie oder zur Stadt der Musiker. Man fragt sich aber, wo ist das Neue, wo ist das, was wirklich für Berlin steht, wo ist die Straßenkultur, der Bodensatz, der gärt?

Versucht man in der Berliner unabhängigen Szene, sofern noch vorhanden, fündig zu werden, so trifft man auf Clubmusik und eine DJ Kultur, die langweilt in ihrem repetitiven Einerlei oder auf eine Bandszene, die in ihrer angepassten Orientierung an eine Retrokultur der 60er, 70er oder 80er Jahre ein Schülerband-Image verbreitet. Den Berlinern bleibt nichts anders übrig als den originellen kreativen Output anderer Städte auf einem der unzähligen Festival, Konzerte und Veranstaltungen zu bewundern, die in der Hauptstadt stattfinden, denn zumindest für Amüsement ist nach wie vor gesorgt. Was aber hat das alles mit einer originären Musikstadt zu tun?

Neues, Belangvolles oder gar Typisches sucht man leider tendenziell in der Berliner Musikszene vergebens, die unter dem totalitären Partydiktat nur noch um sich selber kreist, ohne internationalen Anschluss und Einfluss. Die Musik spielt mittlerweile woanders, die Entwicklung neuer Musikstile findet nicht mehr in Berlin statt. Die „Musikstadt Berlin“ ist nur noch eine Marke, die sich selbstzufrieden aus dem Ruf der Vergangenheit beruft, eine Verpackung ohne aktuellen Inhalt.

Berlin musste sich immer wieder neu erfinden, denn aufgrund der Geschichte war nie eine Tradition der Popmusik vermittelbar, wie sie zum Beispiel viele britische Städte aufweisen, die so immer eine Plattform bilden konnten, für den Absprung zu Neuem. Stattdessen prägte die permanente Selbsterfindung der Künstler, die permanente Suche, den Musik-Stil Berlins. Das Reservoir an Künstlern schien dazu – auch aufgrund des stetigen Zuzugs kreativer Menschen – endlos. Der Sound und die Musiker Berlins klangen so authentisch unfertig und gebrochen, wie das Sein der Stadt und schufen dadurch eine wahnhafte Kreativität.

Das Unfertige aber grandios präsentiert war dabei keineswegs künstlerisch substanzlos, denn es spiegelte die Energie der Stadt wieder und zeugte von der Haltung etwas Außergewöhnliches schaffen zu wollen. Vor allem die Anti-Haltung und die Extreme, die Attitüde waren das, was Berlin, was die Kunst und Musikszene, aber auch die Clubszene auszeichneten. Man konnte und musste sich ausprobieren und in diesem Labor der Stadt sind einige Experimente grandios explodiert, mitsamt weltweitem Nachhall.

Doch im Gegensatz zu den großen künstlerischen Zeiten Berlins, die von den 80ern bis zu den ersten Jahren des vorherigen Jahrzehnts reichten, scheint die Stadt nun entweder die Fähigkeit verloren zu haben aus Provinzlern Berliner machen zu können oder Freiräume verloren zu haben, die andere Lebensentwürfe und künstlerische Konzepte, jenseits des auswechselbaren globalen Hipstertums, ermöglichen. Berlin ist klebrig nett geworden und besitzt als Preis dafür fast keinerlei künstlerische Straßenkultur mehr.

Zwischen all den neuen Hipster aus den weltweiten Kleinstädten, den etablierten musikalischen Langweilern und dem politischen Kniefall vor Investoren, die berlintypische Räume dem Erdboden gleichmachen, ist die Freiheit für das Andere, das Neue längst auf der Strecke geblieben. Es wird stattdessen künstlerisch in der Mittelmäßigkeit verharrt, weil die Stadt, die nach und nach am globalisierten Spaßtourismus und an der architektonischen und sozialen Gleichmacherei erstickt, Biographien und provinzielle Vorstellungen vom heilen Großstadtleben nicht mehr in Frage stellt und aufbricht.

Die Diktatur des Seichten, das Hamsterrad der ewig gleichen omnipräsenten Party hat dazu geführt, dass Stil, Originalität und künstlerische Statements verpönt sind. Der Berlin Stil scheint sich in auswechselbarer Party Schrillheit oder im Retrokostümfest zu erschöpfen.

Ist man erst einmal in der Berliner Hängematte der Bequemlichkeit angelangt, steht man auch nicht mehr so schnell auf, denn Berlin bietet den tragischen Vorteil, dass man als Künstler ein belangloses Nichts abliefern kann, ohne dass es groß auffällt, da auch auf der anderen Seite der Bühne niemand mehr gewillt oder fähig ist, genauer zu zuhören. Musik bleibt meist nur schmückendes Beiwerk zur Party. In der Folge wurde die Musikszene über die letzten Jahre schleichend zu einem bunten „Irgendwie“, zu einem professionellen Karnevalsumzug für Berlin besoffene Partygänger. Aber gewehrt hat sie sich dagegen auch nicht groß. Egal als ob als Unterhalter im Vergnügungspark Berlin, bei der Mercedes Benz Fashion Week oder der Berlin Music Week, es geht zunehmend nur noch um das sorglose Dabeisein im ewig gleichen Berlin Zirkus. (Marc Chain)

Unser Autor lebt und arbeitet als Autor, Künstler, Musikproduzent seit 26 Jahren in Berlin.

Foto: Fotolia



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