Sonntag, 29. September 2013, 16:14 Uhr

Musikstadt Berlin (2): Ignorante Papa-Politik und Investoren-Aristokratie

Marc Chain lebt und arbeitet als Autor, Künstler, Musikproduzent seit 26 Jahren in Berlin. In einer pikanten Polemik äußerte er sich über den Mythos “Musikstadt Berlin”, der für ihn längst keiner mehr ist. Heute der zweite  Teil.

Musikstadt Berlin (2): Ignorante Papa-Politik und Investoren-Aristokratie

Leider ist innerhalb der politischen Kaste kaum ein Bewusstsein für den wahren Wert der Stadt Berlin vorhanden, wie das Beispiel Spreeufer in Kreuzberg eindrucksvoll beweist.

Dort, wo früher Berlin etwas zu bieten hatte, was weltweit einzigartig war, eine Mischung aus unzähligen Clubs und innerstädtischer Naherholung, befindet sich nun eine zerklüftete und ideenlose architektonische Mondlandschaft aus Glas und Beton, deren Anblick traurig stimmt. Weder das, was die Stadt einst arrogant über die Köpfe der Bevölkerung beschlossen hat wird nun in vollem Umfang dort realisiert, noch das, was früher da war, kann wieder erschaffen werden. Das Areal ist ein Zeugnis einer politischen Blödheit, eines blutleeren Kompromisses und zeigt das fehlenden Bewusstseins über das, was die Stadt besonders machte.

Letztendlich ist die zukünftige Kommerzialisierung der Clubidee an dieser Stelle durch die „Holzmarkt eG“, von der TAZ als “Blödchenpark” tituliert, nur die reale Konsequenz aus dieser Entwicklung: Berlin als Vergnügungspark, in dem sich nur noch die nach Berlin Suchenden treffen, um Teil der Berlin Inszenierung zu werden.

Sicher gibt es auch positive Beispiele lebendiger neuer Kultur, aber das täuscht nicht darüber hinweg, dass Berlin über die Jahre einen Substanzverlust erlitten hat, der nun offen zu Tage tritt. Fast vollständig sind mittlerweile die mittelgroßen und kleinen originellen Veranstaltungsorte verschwunden, die Berlin auszeichneten und die wichtig sind, um Künstlern eine Brücke zum kommerziellen Erfolg zu bauen, um Verbindungen zum globalen Geschehen zu schaffen, jenseits der Gelacktheit des Mainstreams und jenseits der ewigen Versenkung in der subkulturellen Nische. Neue Clubs bieten dagegen, bis auf wenige Ausnahmen, eine biedere Spaßkultur für die Masse und eine Art Recycling der Vergangenheit an. Die Orte, wo Risiken eingegangen werden, wo neues ausprobiert wird, sind selten geworden. Ausgerichtet wird sich eher am neuen Berlin All Inclusive Tourismus, der ohne Frage das Typische und das Kreative niederwalzt zu Gunsten des kommerziell Berechenbaren und des Klischees. Wer sich mit ehemals ambitionierten Club- und Barbesitzern unterhält, die schließen mussten, wird dazu immer die gleiche Geschichte über politische Ignoranz hören.

Das völlige Fehlen einer sozialen Stadtentwicklungspolitik führte darüberhinaus zum radikalen Aufeinandertreffen völlig unterschiedlicher Lebensentwürfe in vielen Innenstadtgebieten, mit dem Resultat, dass sich in Wildwestmanier der kapitalistisch stärkere durchsetzt, auch was die Vorstellung von “Ruhestörung” durch großstädtisches Nachtleben angeht. Dort wo früher kreative Menschen ihre Präsentations – und Übungsorte fanden ist heute oft provinzielle Ödnis eingekehrt. Die Speerspitze dieser Entwicklung ist mit Sicherheit der todlangweilige Prenzlauer Berg, in dem fast alle Nachtclubs mittlerweile geschlossen sind und man lange suchen muss, bis man wenigstens eine Bar findet, die nachts geöffnet hat. Sieht man von den unzähligen Spätkaufs, Burger Restaurants und den immer gleichen Cocktailbars mit „Happy Hour“, in denen die zahlreichen Hostelgäste sitzen, ab, werden nach 23.00 dort die Bürgersteige hochgeklappt.

Prenzlauer Berg ist im Grunde die düstere Zukunft Berlins, auch wenn das niemand wahrhaben will. Zu glauben, dass alles wie früher nur eine Frage der Bewegung in andere Stadtteile ist, verkennt die Lage auf dem Wohnungsmarkt und die Gesamtentwicklung Berlins.
Die kleinen Clubs und Bars, die sich berlinweit mit einem Liveprogramm gegen diese „Prenzlauerbergisierung“ stemmen, müssen oft gegen Beschwerden der neuen Nachbarschaft, Polizeibesuche und Drangsalierungen des Bezirksamtes ankämpfen, selbst wenn Konzerte schon um 22.00 Uhr enden. Musik aus der Konserve in Wohnzimmerlautstärke ist dann oft die einzige verbliebene Existenzmöglichkeit in der „Musikstadt Berlin“ für diese Veranstalter.

Aber nicht nur die Auftrittsmöglichkeiten jenseits vom bereits Etablierten schwinden, auch die Orte, wo man musikalisch kreativ sein kann sind rar geworden. Es ist nun ein Geschäft Musikern überteuerte Aufnahme- und Proberäume an zu bieten, zum Preis eines WG Zimmers in bester Wohnlage. Sicherlich kann man die Frage nach Möglichkeiten zur Kreativität auch nicht von der Tatsache abkoppeln, dass immer weniger nicht etablierte Musiker sich eine Wohnung in Innenstadtbezirken oder Berlin überhaupt leisten können, weil die Berlinkonsumenten, die Geld-Aristokratie und die neue familiär gesponserte Bohème Berlins das nötige Kleingeld besitzen, um alles andere zu verdrängen. Kreativität wird so zum Luxus und zur Frage des Grades an Etabliertheit.

Die Politik setzt der mitverschuldeten Gesamtentwicklung das Feigenblatt des Berliner Musicboards entgegen, welches mit einer absolut lächerlichen Summe von 1 Million Euro (2012 verschlang die deutsche Oper 39 Millionen Euro an Subventionen) der darbenden Club und Musikszene unter die Arme greifen soll. Es soll gefördert werden, was konzeptionell förderungswürdig erscheint und falls es mal Ärger mit dem Nachbarn gibt, kann sicher auch geholfen werden. Das Ganze ist ungefähr so cool wie Papi oder Mutti nach Taschengeld zum Ausgehen zu fragen. Kultur, die direkt gefördert wird durch Stadt und Staat hat darüber hinaus immer einen faden Geschmack und führt eher zu biederen Ergebnissen, wie man am deutschen Film und dem Vorbild des Berlin Music Boards, dem Medienboard Berlin/Brandenburg sehen kann. Musik und behördenhafte Antragskultur, das passt noch weniger zusammen.

Ein politischer Blick für die richtigen Rahmenbedingungen für Künstler, für Musiker, für Veranstalter wäre über die Jahre angebrachter gewesen, als rein symbolisch politisches Handeln im Nachhinein. Das wäre der einzige Weg für Berlin gewesen, eine Musikstadt zu werden, denn die Freiheit, das Unübliche, die guten Bedingungen für noch nicht etablierte Kreative waren genau die Standortvorteile gegenüber Städten wie New York oder London, mit denen Berlin weder was künstlerische Tradition, Größe, Ressourcen, noch was das Stadtbild angeht mithalten kann. Stattdessen macht man sich mit der Litanei der „Musikstadt Berlin“ nur selber froh und beweist, dass kein Bewusstsein für das vorhanden ist, was über die Jahre unter großer politischer, aber auch gesellschaftlicher Ignoranz an kulturellem Stadtwert vernichtet wurde.

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