Samstag, 19. Oktober 2013, 12:11 Uhr

James Blunt im großen Interview: "Mein Name ist ein Schimpfwort!“

Mit weltweit 17 Millionen verkauften Alben und 20 Millionen Singles gehört der Brite James Blunt zu den erfolgreichsten Songwritern der Gegenwart.

Mit „You’re Beautiful“ und „Goodbye My Lover“ gelangen dem mit zwei Echo Awards dekorierten Künstler nicht nur Welthits, er lieferte damit auch die beliebtesten Lieder für Hochzeiten und Beerdigungen. Nun meldet sich der 39-Jährige Superstar mit seinem vierten Album „Moon Landing“ zurück. Lässig in Jeans, Turnschuhen und mit schwarzer, runder Sonnenbrille, die er höflicherweise abnimmt, begrüßt er uns im Hotel Waldorf Astoria in Berlin.

Mr. Blunt, ein Betrunkener soll in England einen Polizisten beschimpft haben mit den Worten „James Blunt“. Er wurde dafür sogar mit einem Bußgeld bestraft. Gilt Ihr Name in England mittlerweile schon als Schimpfwort?
Blunt reimt sich auf ein derbes Wort im Englischen, deshalb.

Sie meinen „cunt“?
Exakt. Mein Name ist also wie Slang. Aber ich bin nicht verletzt dadurch, so lange es nur mich betrifft. Wir sind nun mal eine Nation der Fluchenden. Wenn jemand einen Namen als Beschimpfung benutzt, hat man es doch geschafft. Ich finde das wirklich cool, lustig, geradezu brillant.

Sie sind es quasi auch gewohnt?
Kann man so sagen. Man lernt ja schon in der Schule, wo sein Platz im Leben ist, durch das, was über einen gesagt wird. Ich habe früh gelernt, mit Beschimpfungen klar zu kommen. Wenn du dann in aller Öffentlichkeit Musik machst, ist es ein bisschen so, als wärst du wieder in der Schule.

Vor einem halben Jahr haben Sie angekündigt, keine Musik mehr machen zu wollen.
Stimmt, das habe ich auch in der „Daily Mail“ gelesen: Dass ich mich mit meiner Modellfreundin auf meine Yacht in Ibiza zurückziehen werde. Allerdings besitze ich keine Yacht, sondern ein Schlauchboot. Und diese Story las ich ausgerechnet, als ich im Studio in Los Angeles war und an neuen Songs schrieb.

Aber was sagen Sie den Leuten, die jetzt sehr enttäuscht sind, dass Sie doch nicht aufhören wollen?
Kopf hoch! Ich habe jedenfalls Spaß! Außerdem stimmt es sogar: Auf gewisse Weise habe ich aufgegeben.

Wie meinen Sie das, Sie hätten aufgegeben?
Nun, als ich anfing Musik zu machen, war ich beim amerikanischen Independent-Label Custard Records unter Vertrag. Tom Rothrock, der mit mir an den ersten Songs arbeitete, ist ein waschechter Independent-Produzent, der bereits mit Beck und Elliott Smith fantastische Platten aufgenommen hatte. Tom und ich haben mit einem sehr kleinen Budget mein Debüt „Back to Bedlam“ produziert.

Das dann zum unglaublichen Erfolg wurde …
Die Platte verkaufte sich millionenfach und wurde zum Mainstream – obwohl sie als Indie-Album gemacht worden war und auch so klang. Heute reden die Leute darüber, als wäre „Back to Bedlam“ die Musik eines Popstars! Aber das stimmt nicht. Ich bin kein Popstar! Es ist schon merkwürdig, wie die Welt meinen Erfolg wahrnimmt.

Doch Sie konnten das nicht verhindern?
Nein, ich bin einfach dem Weg, der sich mir ebnete, gefolgt. Die Budgets wurden größer, die Studios teurer, die involvierten Musiker mehr. Aber für diese Platte gab ich das alles auf. Ich fragte mich: Warum mache ich nicht etwas Ehrliches, Simples und Unpoliertes? Ich traf also Tom Rothrock wieder. Und wir machten erneut ein Indie-Album – nur wir zwei.

Sie bezeichnen die neue Platte als Indie-Album?
Ja, denn dies ist die Platte, die ich aufgenommen hätte, wenn sich mein Debüt nicht verkauft hätte.

Heißt das auch, Sie wollen die Kontrolle über Ihre Karriere zurückgewinnen?
Ich habe die Kontrolle eigentlich nie verloren. Ich habe diesmal einfach eine andere Wahl getroffen, aufgrund der explosionsartigen Erfolge der Vergangenheit. Und das Ergebnis ist ein einsames, isoliertes Album, das „Moon Landing“ heißt.

Das ist aber ein ganz schön blöder Titel!
Findest du? Ich finde ihn passend, denn die Mondlandung war ein Erfolg der alten Schule – wunderschön, romantisch, einsam, groß! Wir können dieses Ereignis aus den Sechzigern nie wiederholen, so wie wir die erste Liebe nicht wiederholen können oder meinetwegen auch das erste Entdecken meiner Musik auf meiner ersten Platte. Da ich mit der neuen Platte aber an den magischen Ort meiner persönlichen Mondlandung zurückkehre, meinem Debüt nämlich, habe ich sie genauso genannt.

Sie behaupten, dies wären Ihre persönlichsten Songs. Es ist offensichtlich, dass es darin viel um Liebe geht.
Es handelt von Verbindungen, die wir als Menschen untereinander haben. Wir alle brauchen Beziehungen. Wir werden geboren, leben unsere Leben alleine, aber sind auf der Suche nach irgendeiner Art von Verbindung – ob das nun Freundschaft oder Liebe ist. Wir wollen, dass sich jemand um uns kümmert und dass wir uns um jemanden kümmern können. Das ist die menschliche Natur. „Bonfire Heart“ handelt nur davon. Im Text heißt es, dass wir nicht viel mehr im Leben brauchen als eine menschliche Verbindung, die das Feuer in unseren Herzen entfacht.

Wie ernst ist es denn mit Ihrer Freundin Sofia Wellesley? Auf der Platte klingt es so, als wäre es Ihnen ziemlich ernst damit!
Es geht auf jeden Fall um echte Lebenserfahrungen. Aber da ist nicht nur Freude, sondern auch Traurigkeit, denn ich habe beides erlebt, Höhen und Tiefen.

Und im Moment?
Im Moment lächle ich.

Irgendwelche Heiratsanträge, von denen Sie uns berichten möchten?
Wir wollen doch nicht die „Daily Mail“ neu auflegen, oder? Machen Sie sich keine Sorgen, ich schreibe auch weiterhin traurige Songs.

Der weinerliche Blunt ist also immer noch da?
Können wir es lieber Melancholie und Nostalgie nennen anstatt Weinerlichkeit?

OK. Aber wie ist das jetzt mit dem Hochzeitsantrag?
Wenn Sie mir einen machen wollen, muss ich erst Ihre Eltern kennenlernen!

Haben Sie Sofias Eltern schon kennengelernt?
Sag ich nicht. Aber Unterstützung an meiner Seite zu haben, war mir immer wichtig. Und ich bin gerade sehr glücklich, die zu haben.

Ist Sofia ein Fan Ihrer Musik?
Sie kommt zumindest ständig zu meinen Konzerten! Alle meine Freunde und meine Familie bezeichnen sich als meine Nummer-Eins-Fans. Aber sind sie ehrlich? Das habe ich noch nicht herausbekommen.

Nun sind Sie neuerdings auch Fotomodell für die Männerdüfte von Mexx. Duften Sie auch danach?
Sie dürfen gerne schnüffeln, wenn Sie mögen. Rieche ich frisch?

Man riecht überhaupt nichts, ehrlich gesagt. Aber Sie tragen Parfüm?
Ab und zu. Auf jeden Fall mag ich es, gepflegt auszusehen. Ich habe jahrelang bei der Armee gearbeitet. Wir Army-Typen mögen es sauber, und wir gehen immer auf Nummer sicher, dass wir präsentierbar sind. Der Unterschied ist nur, dass ich nicht mehr im Panzer sitze, sondern im Tourbus.

Sie fühlen sich also wohl damit ein Botschafter für Beauty-Produkte zu sein?
Ich finde das sogar ziemlich großartig! Sie hätten sich jedes Modell der Welt dafür aussuchen können. Stattdessen haben sie einen kurzen, durchschnittlich aussehenden, alternden Popstar ausgesucht, der sich nicht mal wie ein Popstar fühlt. Aber das ist ihre Wahl, nicht meine.

Interview: Katja Schwemmers. Fotos: Warner Music