Montag, 28. Oktober 2013, 17:22 Uhr

Jennifer Rostock: Neues Album "Schlaflos" kommt im Januar

Jennifer Rostock melden sich mit einem ersten Vorboten zu ihrem neuen Album ‘Schlaflos’ zurück. Das erscheint am 7. Januar 2014. Das Video zum song ‘Ein Schmerz und eine Kehle’ gibt es bereits seit einiger Zeit zu sehen und zu hören.

Jennifer Rostock

Seit der Premiere des Videos veröffentlichen Jennifer Rostock wöchentlich immer montags einen neuen Eintrag ihres Videotagebuch mit Auschnitten aus der “Schlaflos”-DVD (kommt zusammen mit der Deluxe und Limited Edition).

Scheint ganz so, als sei “Schlaflos” nicht nur der Titel ihres neuen Albums – sondern bescheibt auch den Zustand der Band.

Seit sieben Jahren sind Jennifer Rostock im hiesigen Musikzirkus umtriebig. Ochsentouren, Festivalmarathons, 3 Alben, eine Live DVD. Seit jeher gönnte sich der Fünfer nicht eine Auszeit und blieb trotzdem verschont von allen klassischen Symptomen einer Banderosion, sei es Burnout, Bandzank oder Babypause. Stattdessen ein konstant unangestrengter Spagat zwischen Moshpitschweiß und Mainstreampräsenz, immer mit Zwinkern im Auge und Bier in der Hand. Und da Stillstand und Leerlauf keinesfalls ins Bewegungsmuster der Band passen, könnte der Titel zum nächsten Etappenziel passender kaum gewählt sein: Schlaflos!

Februar und März 2013 – Berlin. Noch berauscht von der bis dato größten Tour der Bandgeschichte überspringt man den vermeintlichen Tourlag, schüttelt das Kollateralkonfetti aus den Hosentaschen und begibt sich ohne Umwege ins Heimstudio. Die gesammelten Ideen der letzten Monate werden zu konkreten Bauplänen ausgearbeitet.

April 2013 – Horus Studio, Hannover. Wurde bei den Aufnahmen des letzten Langspielers noch in den USA selbst an den Arrangements der Songs gearbeitet, soll es diesmal mit einbetonierter Grundsubstanz an die eigentliche Produktion gehen. Wie bei den echten Profis halt. Sagt man.

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Mai 2013 – Portrait Recording Studios, New Jersey. Arbeiten, wo andere Urlaub machen! Den Sündenpfuhl New York eine halbe Stunde entfernt opfert man jedwede Versuchungen dem tugendhaften Arbeitsethos und beginnt instantly (von wegen Sprachbarriere!) mit den Aufnahmen. Als wäre die Band nie weg gewesen, erweist sich die erneute Zusammenarbeit als fruchtbares Familientreffen mit erprobter Aufnahmerhythymik. Song für Song arbeitet sich das Team durch Gittarrenorkane und verspielte Melodierefugien, um nach 5 Wochen endlich den Korken vom Schampus knallen zu lassen. “Schlaflos”, Studioalbum Nummer 4 ist eingespielt.

Nun aber im Eiltempo zum Wesentlichen. Musik! Inhalte! Worum geht es bei “Schlaflos” eigentlich? Auch wenn der Titeltrack der erste Song war, der für das Album geschrieben wurde, war bis zuletzt gar nicht geplant, das Album “Schlaflos” zu nennen. Es ist kein Konzeptalbum, jeder Song steht für sich und ist individuell entstanden. Erst rückblickend fiel auf, dass es dieses Metathema gibt, das alle Songs miteinander zusammenkittet. Es geht um die Dinge, die uns wach halten: Seien es Ängste und nächtliche Gedankenstrudel (“Schlaflos”) oder durchfeierte Nächte, die sich am Ende auch nur als vernebelte Suche nach Antworten oder überhaupt erst der richtigen Frage heraus stellen (“Phantombild”).

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Leiden und Leidenschaften einer Generation, die zwischen Belanglosigkeiten und Depressionen pendelt (“Echolot”) und im ambulanten Exzess die einzige Möglichkeit zur Flucht findet. Doch egal wie lang manche Nächte scheinen, am Ende dämmert immer die Zuversicht. Die Texte von Jennifer Rostock waren schon immer charakteristisch und eigen, manch einem sogar zu wirr und sperrig. Genau diese Merkmale bilden jedoch seit Anbeginn das einzigartige lyrische Aushängeschild und so findet sich auch auf dem neuen Album wieder die gewohnt markante Wortakrobatik. Aber auch auf dieser Ebene ist eine Weiterentwicklung spürbar. Konkreter Situationsvoyeurismus und Alltagsmomente spielen nun eine viel deutlichere Rolle und werden homogen in das vermeintliche Wirrwarr verwoben.

Abseits von Schwermut, Wut und Melancholie lässt die Band auch genug Platz für Leichtsinn und Leichtigkeiten. Der euphorische Sprung in die Untiefen der Nacht kommt keineswegs zu kurz, die Tanzfläche wird nicht im Stich gelassen.

Die Produktion tut ihr übriges: ein Stadionschlagzeug, eingeprügelt mit Punk-Brachilität, der Bass ist durchgehend verzerrt. Das Gitarrenspektrum pendelt zwischen epischen Bombast-Wänden, trockener Auf-den-Punkt-Rotzigkeit und hoch-oktavigen Melodieläufen. Die elektronische Komponente gibt sich auf “Schlaflos” deutlich akzentuierter, neben vereinzeltem Beat-Programming und Sound-Spielerein, tummeln sich verschiedenste analoge Synthesizer der letzten Dekaden. Jennifers Stimmrepertoire wird zu allen Polen ausgereizt, zwischen brüchig gehaucht über glasklar bis zu inbrünstig geschrien schwingen die Stimmbänder, was die Kehle hergibt. Perfektion stand bei den Vocal-Aufnahmen nicht im Vordergrund, die Magie und Emotionalität das Moments hatte totale Priorität. Keine große Effekthascherei, gerne platzierte sich auch direkt der erste Take auf der finalen Aufnahme.

Fotos: Shane McCauley