Mittwoch, 30. Oktober 2013, 21:02 Uhr

Fettes Brot über die Reunion, Flüchtlinge und ein furioses Comeback-Album

Keine andere Band schwingt so auf der kollektiven Wellenlänge, wie die lustigen 3 aus Hamburg North West.

Seit über 20 Jahren gehören Fettes Brot zur alten Schule des Deutsch-Hip-Hop und stehen für Sprachwitz, Partygefühl und Gesellschaftskritik.

Schon 18 Monate nach Beginn ihrer „Trennung auf Probe“, zerkratzten sie im Sommer 2012 einander wieder die Türen, warfen sich Steinchen an die Fenster, spionierten hintenrum über gemeinsame Freunde, wies denn so steht: „Vermisst er mich?“, „Läuft seine verdammte Solo-Platte??“, „Was will er denn in Oslo???“. Dieses Gejaule wurde lauter und immer nur lauter.

Charmant, wortgewandt und erfrischend reflektiert – seit über zwei Jahrzehnten sind Fettes Brot mit intelligentem Hip Hop erfolgreich. Am 1. November erscheint nun erstmals seit 2008 endlich ein neues Album mit dem Titel ‘3 is ne Party’.

Fettes Brot über ihr Comeback-Album "3 is ne Party"

Ihre Musik ist tanzbar und gesellschaftskritisch. So erteilten Fettes Brot dem seinerzeit umstrittenen Hamburger Innensenator Ronald Schill einmal “Tanzverbot”. Nun also melden sich König Boris, Dokter Renz und Björn Beton zurück. Im Interview sprachen die Herren über Gentrifizierung, Umgang mit Flüchtlingen und ihr Wiedersehen.

Ende 2010 habt ihr eine Trennung auf Probe eingelegt, nur 18 Monate später seid ihr wieder zusammen im Studio gewesen. Wie war die musikalische Wiedervereinigung?
Björn Beton: Wir haben alle gemerkt: Wow, da ist echt angestaute Vorfreude im Raum. Wir hatten das Bedürfnis und Lust, eine moderne Form von Fettes Brot zu erfinden und einen zeitgemäßen Hip-Hop-Ansatz mitzugestalten. Durch die Vertrautheit haben wir gemerkt, dass uns alle Möglichkeiten offen stehen. Wir hätten ein Orchester einladen oder eine Platte nur aus Vogelstimmen zusammen schustern können. Das war von Anfang an ein großer Spaß.

Eure Texte haben immer auch Missstände angeprangert und kritisiert, auf dem neuen Album “3 is ne Party” ist “Crazy World” der Protestsong. Welche Themen beschäftigen euch gerade?
Dokter Renz: Mit ‘Dynamite und Farben’ haben wir eine Hymne wider die Gentrifizierung geschrieben und als Innenstadtnutzer und Szeneviertelspaziergänger und teilweise auch Bewohner ist das natürlich ein Thema, an dem wir gar nicht vorbeigucken können. Um uns herum werden ältere Häuser abgerissen, um dann an gleicher Stelle im schlimmsten Fall leerstehende Büros zu bauen. Da ist einfach städtebaulich in unserer schönen Stadt Hamburg einiges im Argen. Wenn ich merke, dass Familien aus dem Viertel wegziehen müssen, weil sie es sich einfach nicht mehr leisten können, dann ist das beschämend hoch zehn.

Die Zukunft von mindestens 80 “Lampedusa-Flüchtlingen” in Hamburg ist unklar.
Dokter Renz: Ich finde es schrecklich und es berührt mich total zu sehen, wie schlecht es manchen Leuten geht und wie schwer es ihnen unnötigerweise gemacht wird. Man lebt ja immer in der Hoffnung, dass speziell die deutsche Bevölkerung aus den Verbrechen der Vergangenheit gelernt hat, die richtigen Schlüsse zieht und langsam aber sicher klüger wird. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der jeder willkommen ist und nicht erst mal einen Eignungstest ablegen muss. Und wenn es darum geht, Menschen eine Zuflucht zu bieten, weil sie vor Bürgerkrieg flüchten, dann ist es alleroberste Pflicht für alle, sie willkommen zu heißen und ihnen im übertragenen Sinne eine warme Mahlzeit hinzustellen.

Fettes Brot über ihr Comeback-Album "3 is ne Party"

Lange Zeit prägten homophobe und sexistische Künstler das Bild von Hip Hop in der Öffentlichkeit. Hat sich das verändert?
Björn Beton: Momentan hab ich eher den Eindruck, dass zum Beispiel Homophobie für die neuen Künstler gar kein Thema mehr ist. Entweder, weil es aus ihrer Sicht nicht mehr wichtig ist, etwas darüber zu sagen, oder weil es akzeptiert ist, dass es Homosexualität gibt. Ich finde es sehr erfrischend, das so zu betrachten. Auf der anderen Seite leben wir aber eben nicht in einer Welt, in der das Normalität ist und wo es immer noch genügend Diskriminierungen gibt.

Versteht ihr euch da als musikalischen Gegenpol?
Björn Beton: Wir machen nicht Musik, um eine Gegenposition zu beziehen, das ist nicht unsere Intention. Aber Lieder wie «Schwule Mädchen» vermitteln nicht nur ein gutes Partygefühl, sondern auch eine Haltung. Damit setzen wir uns in Relation zu den anderen und sagen: Moment mal – seit wann sind denn Wörter wie schwul und Mädchen negativ besetzt? So erobern wir die Sprache zurück, das ist ein altbekanntes und gern gesehenes Stilmittel bei Fettes Brot.

Dokter Renz: Es ist immer das Wirkungsvollste, wenn der Wunsch aus der Szene selbst kommt. Deshalb finde ich es absolut wichtig, dass Rap-Bands und Rap-Künstler sich positionieren. (Interview: Britta Kollenbroich, dpa)

3 IS NE PARTY IN CONCERT:
28.12.13 Köln, Lanxess Arena*
30.12.13 Hamburg, O2 World *
22.01.14 Bielefeld, Stadthalle
23.01.14 Dresden, Alter Schlachthof
24.01.14 A-Wien, Gasometer
26.01.14 CH-Zürich, Komplex
27.01.14 München, Zenith
28.01.14 Wiesbaden, Schlachthof
30.01.14 Dortmund, Westfalenhalle 2
31.01.14 Hannover, SwissLife Hall
01.02.14 Stuttgart, PorscheArena
02.02.14 Lingen, Emsland Arena
04.02.14 Bremen, Pier 2
05.02.14 Fürth, Stadthalle
06.02.14 Leipzig, Haus Auensee
07.02.14 Berlin, Columbiahalle

Support: MC Fitti + Ronny Trettmann*. Tickets kosten 29 € plus VVKs-Gebühren

Fettes Brot über ihr Comeback-Album "3 is ne Party"

Fotos: Jens Herrndorff